Interview 06. Juli 2026

Das Unternehmen WIKA in Bayern ist im Messtechnik-Bereich ein echter Hidden Champion. Executive Vice President HR Martina Mischitz erzählt, was höhere Lohnzusatzkosten für den Betrieb bedeuten, welche Herausforderungen sie für den Standort Deutschland sieht und was sie sich von der Politik wünscht.

Martina Mischitz, Executive Vice President HR bei WIKA

Frau Mischitz, der Name WIKA dürfte vielen Menschen nichts sagen. Dabei sind Sie auf Ihrem Gebiet ein international führendes Unternehmen. Was genau stellen Sie her?

WIKA ist ein globaler Spezialist für Messtechnik und liefert Sensoren für wichtige industrielle Messgrößen: Druck, Temperatur, Kraft, Füllstand und Durchfluss. Unsere Produkte und Lösungen finden sich zum Beispiel im Maschinenbau, in der Automatisierung, in Food und Pharma, in der Energieübertragung und -verteilung sowie in der Halbleiterindustrie. Also überall dort, wo Prozesse präzise überwacht und gesteuert werden müssen. In dieser Bandbreite gibt es niemanden, der eine vergleichbar große Produktpalette bietet wie wir. Ein anschauliches Beispiel: Die Sauerstoff- oder Druckluftversorgung auf der Intensivstation im Krankenhaus sind sehr häufig mit unseren Sensoren ausgestattet. Unser historisches Kerngeschäft sind Manometer – hier sind wir Weltmarktführer.

Wie viele Menschen beschäftigen Sie?

WIKA ist ein deutsches Familienunternehmen mit Sitz in Klingenberg a.M. in Bayern. Geführt wird es seit 30 Jahren von Alexander Wiegand. Weltweit beschäftigen wir rund 11.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir sind in 75 Ländern präsent – mit Fertigungsstandorten auf allen Kontinenten und zahlreichen Vertriebs- und Serviceniederlassungen. Allein am Hauptsitz Klingenberg arbeiten 2.300 Beschäftigte. 2022 haben wir dort mit der größten Investition der Firmengeschichte – einem Innovationszentrum für über 50 Millionen Euro – ein starkes Bekenntnis zum Standort Deutschland gesetzt. Wir sehen uns als Hidden Champion und sind uns unserer regionalen Verantwortung sehr bewusst.

Laut OECD ist die Abgabenlast in Deutschland mit am höchsten. Wie macht sich das in Ihrem Unternehmen bemerkbar – auch im Vergleich zu Ihren Standorten im Ausland?

Die hohe Abgabenlast ist für uns eine echte Herausforderung. Hochstandardisierte Fertigungsprozesse sind hierzulande kaum noch wettbewerbsfähig durchzuführen. So haben wir zum Beispiel die Manometer-Produktion in den vergangenen 15 Jahren sukzessive nach Polen verlagert. Gleichzeitig sind wir uns unserer sozialen Verantwortung als großer Arbeitgeber in der Region sehr bewusst und versuchen, für verlagerte Tätigkeiten stets alternative Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen. Was wir in Klingenberg bewusst stärken, sind Spezialfertigungen, Kleinstserien sowie Forschung und Entwicklung – Bereiche, in denen kurze Wege, hohe Qualifikation und modernste Ausstattung den Ausschlag geben.

Wie bewerten Sie die finanzielle Belastung durch hohe Lohnzusatzkosten im Vergleich zu anderen Herausforderungen wie Energiepreise oder Bürokratie?

Die Bürokratiebelastung ist schwer messbar, aber insgesamt unverhältnismäßig hoch. Allein für Nachhaltigkeitsberichtspflichten beschäftigen wir inzwischen ein ganzes Team. Lohnzusatzkosten und Energiekosten sind beide direkt messbar – das macht sie schmerzhaft konkret. Bei den Energiekosten haben wir dabei noch gewisse Gestaltungsspielräume: Kein Dach in Klingenberg ist ohne Solaranlage, wir setzen konsequent auf LED-Beleuchtung und prüfen laufend Alternativen. Bei den Lohnzusatzkosten hingegen sind wir den politischen Rahmenbedingungen ausgeliefert – da hat der Staat aus meiner Sicht eine klare Mitverantwortung. 

Die Bundesregierung will die Beitragsbemessungsgrenzen in der Kranken- und Pflegeversicherung erhöhen. Das trifft vor allem hochqualifizierte Beschäftigte. Wie viele Personen wären bei WIKA von der Anhebung betroffen? 

Allein in unseren bayerischen Betrieben liegen 35 Prozent der Mitarbeitenden über der Beitragsbemessungsgrenze, das sind rund 800 Personen. Dabei ist wichtig zu verstehen: Das sind nicht nur Führungskräfte oder leitende Ingenieure. Diese Grenze betrifft bei uns bereits Hochschulabsolventinnen und -absolventen mit ein bis zwei Jahren Berufserfahrung sowie qualifizierte Fachkräfte in der gehobenen Sachbearbeitung. Die Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenze trifft also den Kern unserer qualifizierten Belegschaft.

Mit welchen Mehrkosten rechnen Sie durch die geplante Erhöhung? 

Unsere Kollegen haben das sehr genau durchgerechnet: Für die bayerischen Betriebe würde die geplante Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze zu Mehrkosten von 1,6 Millionen Euro pro Jahr führen – davon entfallen allein 1,4 Millionen Euro auf den Standort Klingenberg. Diese Summe müsste vollständig durch Produktivitätssteigerungen kompensiert werden. Andernfalls hätten wir im Vergleich zu internationalen Wettbewerbern einen erheblichen Nachteil. Wir planen eine kontinuierliche Steigerung von rund fünf Prozent pro Jahr – je nach Gesamtkostenlage könnte das künftig aber nicht mehr ausreichen. Eine weitere konkrete Folge: Wir schieben derzeit ein Bauprojekt zur Erweiterung unserer Fertigung in Klingenberg vor uns her, weil die Kostenentwicklung zu ungewiss ist. Das Grundstück ist vorhanden, der Wille ist da – aber die Unsicherheit hält uns derzeit zurück.

Oft wird ein Mangel an Fachkräften als Herausforderung für die Betriebe genannt. Wie sind hier Ihre Erfahrungen? 

Das Bild hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Noch vor zweieinhalb Jahren haben wir händeringend nach Zertifizierungsingenieuren gesucht – einer sehr raren Spezies. Heute reicht es, eine Stellenanzeige auf unserer eigenen Homepage zu schalten, um sehr gute Bewerbungen zu erhalten – ganz ohne externe Berater oder Headhunter. Das liegt auch daran, dass teilweise Beschäftigte aus Unternehmen, die unter wirtschaftlichem Druck Personal abbauen müssen, bei uns anklopfen. Wir haben auch dank unserer breiten Aufstellung die finanzielle Stärke, jetzt gezielt qualifiziertes Personal aufzunehmen – und das nutzen wir.

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Mein wichtigster Wunsch ist, dass sich Arbeit für die Menschen wieder lohnen muss. Höhere Beitragssätze und steigende Abgaben erzeugen bei unseren Mitarbeitenden das Gefühl, dass sich Leistung nicht mehr auszahlt – das ist gefährlich für Motivation und Standorttreue. Deswegen muss die Politik konsequent die Ausgabenseite in den Blick nehmen, bevor sie Abgaben erhöht.