Wirtschaftsweise fordern Kurswechsel: Mehr Eigenverantwortung, weniger Gießkanne
Meldung27. Mai 2026
Mehr Eigenverantwortung, gezielte Leistungen und kapitalgedeckte Vorsorge für eine generationengerechte Finanzierung – das Frühjahrsgutachten 2026 der Sachverständigen empfiehlt der Bundesregierung klare Maßnahmen bei Gesundheit und Pflege.
Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung setzt in seinem Frühjahrsgutachten 2026 einen klaren Schwerpunkt auf die Kranken- und Pflegeversicherung. Die Botschaft: Ohne strukturelle Reformen droht der Sozialversicherungsbeitrag bis 2040 auf fast 50 Prozent zu steigen – mit spürbaren Folgen für Beschäftigung und Wachstum.
Der Tenor: Der Handlungsbedarf ist enorm hoch, die dynamische Ausgabenentwicklung muss gebremst werden. „Der Alterungsschub beginnt gerade. Wir haben jetzt massiven Ausgabendruck in der Kranken- und Pflegeversicherung. In dieser Legislatur ist der Handlungsdruck groß", betonte Prof. Martin Werding. Der Beitragssatz der SPV liegt aktuell durchschnittlich bei 3,7 Prozent. Ohne Reformen steige der Beitrag laut Gutachten auf 4,7 Prozent bis 2030 und 5,2 Prozent bis 2040. Das Defizit in der SPV könnte 2027 bei 7,6 Milliarden Euro liegen und bis 2030 auf 17,4 Milliarden wachsen. „Das muss irgendwo herkommen", bilanzierte Prof. Monika Schnitzer.
Pflege im Fokus: drei zentrale Empfehlungen
Für die Pflege benennen die Wirtschaftsweisen drei zentrale Reformschritte: Erstens den Zugang zu Pflegeleistungen auf ein fachlich empfohlenes Maß zurückführen. Das Pflegestärkungsgesetz von 2017 hat den Kreis der Berechtigten über das pflegewissenschaftlich begründbare Maß hinaus erweitert und so zu einer Verdopplung der Zahl der Pflegebedürftigen auf 6 Millionen in nur 10 Jahren geführt.
Zweitens wollen die Wirtschaftsweisen den Entlastungsbetrag und die Leistungszuschläge in der stationären Pflege abschaffen. Letzterer sei ohnehin nicht zielgerichtete, weil es hier keine Einkommensprüfung gebe. Beide Leistungen zusammen machten derzeit 15 Prozent der Gesamtausgaben der SPV aus.
Drittens verstärkt auf Kapitaldeckung setzen: Versicherte sparen verpflichtend Mittel an, die später ihre Pflegekosten abdecken. Das entlastet jüngere Generationen und macht die Finanzierung generationengerechter.
"Wir waren zu großzügig" - Reformen nicht länger verschieben
Gleichzeitig stellt der Rat klar, dass die SPV eine Teilversicherung bleiben müsse. Eigenverantwortung und der Einsatz von Einkommen und Vermögen gehören nach Auffassung der Experten zum Grundprinzip.
Auch in der Gesetzlichen Krankenversicherung drängen die Wirtschaftsweisen auf mehr Effizienz: Hier müssten die Ausgaben ebenfalls gedämpft werden. Monika Schnitzer: „Wir waren zu großzügig.“ In guten Jahren sei das System sehr stark ausgebaut worden, das müsse wieder einfangen und Reformen nicht länger vor sich hergeschoben werden. Kontraproduktiv ist hingegen die Empfehlung des Wirtschaftsrats, die Einbeziehung von Beamtinnen und Beamten in die GKV zu prüfen. Auf Nachfrage zu diesem Thema relativierte Martin Werding: „Das habe zwar Auswirkungen auf die Einnahmen, bringe aber vergleichsweise wenig und führe zudem zu einer zusätzlichen Belastung der Haushalte."
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