Vernetzte Daten, mehr Innovationen, bessere Versorgung
Meldung24. September 2026
Was bringt der Europäische Gesundheitsdatenraum (EHDS) Patienten, Leistungserbringern und Versicherern? Wie profitiert das Gesundheitswesen von der EUDI-Wallet? Auf dem EU-Forum des PKV-Verbands gaben Experten einen Ausblick und diskutierten diese Weichenstellungen.
PKV-Verbandsdirektor Florian Reuther eröffnet das EU-Forum.
Der paneuropäische Gesundheitsdatenraum EHDS bildet den ersten einer Vielzahl von Datenräumen, die die Europäische Union errichten will. Die Datenstrategie der EU verfolgt dabei vier Säulen: Souveränität und Kontrolle der Dateninhaber, Vertrauen und Sicherheit durch Datenschutz, faire Governance-Mechanismen sowie die wirtschaftliche Nutzung der Datenpotenziale im EU-Binnenmarkt.
Insgesamt 14 Datenräume sollen entstehen, für den Gesundheitsbereich gilt seit März 2025 die entsprechende Verordnung. Ein Pionierprojekt, betonte Charly Bunar, Product Owner MyHealth@EU bei der Digitalagentur gematik: „Wir sind tatsächlich alle miteinander Pioniere.” Europa baue eine gemeinsame Europäische Gesundheitsunion auf. Die Gesundheitsversorgung werde sich künftig nicht mehr an nationalen Grenzen orientieren – Patientinnen und Patienten können ins Ausland ziehen und sich dort versorgen lassen.
Es diskutierten Charly Bunar (gematik), Ira Mießler (BMG), Lea Recker (D-Trust) und Sebastian C. Semler (TMF) mit Moderator Bastian Biermann (v.r.n.l.).
Mehrwerte für Patienten, Leistungserbringer und für die Versorgung
Mit Blick auf den EHDS appellierte PKV-Verbandsdirektor Florian Reuther, auch die Perspektive der Versicherungswirtschaft zu bedenken: „Als sogenannte Gesundheitsdateninhaber werden unsere Mitgliedsunternehmen verpflichtet, Daten zur Verfügung zu stellen. Damit sind erhebliche Aufwände verbunden. Als Leitprinzip fordert Reuther mehr Praktikabilität; Digitalisierung und Datensammlung dürften kein Selbstzweck sein. Der EHDS zahle sich nur aus, wenn er echten Nutzen stifte: „Es müssen Mehrwerte für den Patienten, für den Leistungserbringer und genauso Mehrwerte für die Versorgung spürbar sein.”
Für die organisatorische Umsetzung bekräftigte Florian Reuther die Rolle der PKV als Vermittler zwischen Anfragenden und Dateninhabern. Denn insbesondere Themen wie Geschäftsgeheimnisse und Kalkulationsdaten erforderten Fachkompetenz. Reuther verwies auf den engen Austausch mit der Finanzaufsicht BaFin, die ebenfalls große Datenbestände der Unternehmen abfrage: „Da haben wir jahrzehntelange Erfahrung.”
Der PKV-Verband skizziert Positionen wie diese beim PKV-Forum, um Aufwände für Unternehmen möglichst überschaubar zu halten. Auch bestehende Systeme wie das PKV-Zahlenportal sollten nutzbar sein. Wichtig für den PKV-Verband sind vor allem transparente Zeitpläne und eine aktive Einbindung in die nationale Umsetzung.
Neue Impulse für Forschung und Versorgung
Für Forschung, Qualitätssicherung und Versorgung eröffne der EHDS neue Möglichkeiten, sagte Ira Mießler, Referentin im Bundesministerium für Gesundheit.Sie erklärte die Logik hinter der geplanten Domänenstruktur im EHDS: Anträge auf Datennutzung, etwa für die Forschung, Innovation oder öffentliche Gesundheit, sollen dort entschieden werden, wo die fachliche Expertise zu den jeweiligen Daten liegt, „weil eine Behörde, die ganz weit weg von den Daten ist, im Zweifel nicht urteilen kann, ob die beantragten Daten für den verfolgten Zweck erforderlich sind.“
Neben der Durchführung der EHDS-Verordnung sollen mit dem Gesetz für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen (GeDIG) auch weitere konkrete Mehrwerte durch Datennutzung erzielt werden: Leistungserbringer sollen künftig mithilfe des Forschungsdatenzentrums Gesundheit Kolleginnen und Kollegen mit ähnlich gelagerten Behandlungsfällen finden und sich über Methoden sowie deren Erfolge austauschen können. Zentral in diesem Zusammenhang sei auch die Weiterentwicklung der elektronische Patientenakte, die eine Teilnahme an klinischen Studien erleichtern solle.
Der EHDS könne "Game Changer" für Forschung und Patientenversorgung in Deutschland sein: Sebastian C. Semler von der Technologie- und Methodenplattform für vernetzte medizinische Forschung.
“Game Changer” für Forschung und Versorgung
Sebastian C. Semler, Geschäftsführer der Technologie- und Methodenplattform für vernetzte medizinische Forschung (TMF), unterstrich, wie Patienten und Versicherte profitierten: Die „deutsche Datenlücke“ werde geschlossen. Während der Corona-Pandemie habe Deutschland so gut wie keine Daten verwenden können, um Aussagen zu treffen. Zu diesem Zeitpunkt seien andere Länder weiter gewesen, nicht nur bei ePAs, sondern sie verfügten auch über Medizinregister mit strukturierten, standardisierten Daten zu relevanten Erkrankungen und über rechtliche wie technische Verknüpfbarkeit unterschiedlicher Datenbestände. "Der EHDS nehme uns die Hausaufgaben nicht ab, bietet uns aber Chance und Anlass, hier aufzuholen." Neben dem weiteren Ausbau der gesetzlichen ePA benannte Semler hier insbesondere die im GeDIG geplante Forschungskennziffer, das Widerspruchsregister und die im EHDS vorgesehene Patientenkurzakte (Patient Summary). Gelinge deren Umsetzung technisch sauber, datenschutzkonform und mit gesellschaftlicher Akzeptanz, könne dies ein „Game Changer“ für Forschung und Patientenversorgung in Deutschland sein.
Hier setzte auch Charly Bunar von der gematik an. Die EHDS-Verordnung wirke sich positiv auf die deutsche Telematikinfrastruktur aus: Der Europäische Gesundheitsdatenraum führe zu Konvergenz in der europäischen und nationalen Digitalisierung unserer Gesundheitssysteme. Dank grenzüberschreitender Standards etwa an das E-Rezept und die ePA können Patientinnen und Patienten EU-weit schnell und sicher behandelt werden.
Versicherte sehen sofort den Nutzen digitaler Identitäten und der EUDI-Wallet": Lea Recker von der D-Trust, dem Vertrauensdienste-Anbieter der Bundesdruckerei-Gruppe.
Stück für Stück mehr nutzerorientierte Digitalisierung
Die EHDS-Verordnung aus Brüssel ist bereits in Kraft; ihre Vorgaben gelten jedoch erst ab 26. März 2027. Anschließend beginnt ein stufenweiser Rollout sämtlicher Rechte und Pflichten. Noch schneller geht es bei der Einführung der EUDI-Wallet, der europäischen digitalen Brieftasche. Lea Recker von der D-Trust, einem Unternehmen der Bundesdruckerei-Gruppe, zeigte anhand eines Clickdummys, wie die Patientenreise im Gesundheitswesen künftig aussehen werde: von der Identifizierung gegenüber der Krankenversicherung über die Anmeldung in der Arztpraxis bis zur Einlösung eines E-Rezepts können Prozesse vollständig digital ablaufen.
Gemeinsam mit dem PKV-Verband und weiteren Projektpartnern hat die Bundesdruckerei diese Reise im Rahmen eines Proof of Concept durchgespielt. Voraussetzung dafür sind Digitale Identitäten, die in der EUDI-Wallet auf dem Smartphone gespeichert sind. Ab Januar 2027 soll die Wallet in Deutschland unter dem Namen "d-you" mit ihren Basisfunktionen verfügbar sein. Perspektivisch soll sie um weitere Nachweise wie Schufa-Auskunft und Immatrikulationsbescheinigung erweitert werden können. "Versicherte sehen sofort den Nutzen digitaler Identitäten und der EUDI-Wallet", sagte Lea Recker. Immer wieder tauche jedoch eine spezielle Hürde auf: Um die Basisidentität in die Wallet zu integrieren, benötigen Nutzende die PIN für ihren Personalausweis – und die ist allzu oft vergessen, verlegt oder verloren. Es soll aber wieder einen PIN-Rücksetzdienst geben, kündigte Recker an. Damit kommt die Digitalisierung Stück für Stück voran.
Digitalisierung
Vernetzte Daten, vernetztes Europa – PKV denkt europäisch
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