Der PKV-Verband hat ein Sofortprogramm Pflegeversorgung entwickelt. Er schlägt unter anderem ein flexibles Pflegebudget und die Neuausrichtung des Pflegegrads 1 vor. Anne Kristina Vieweg, Geschäftsführerin im Geschäftsbereich Pflege, erläutert die Vorschläge.
Die Pflegeversicherung ist eine der großen Reformbaustellen der Bundesregierung. Warum ist das so?
Pflegebedürftigkeit betrifft immer mehr Menschen. In den vergangenen Jahren hat sich die Zahl der Leistungsberechtigten auf 6 Millionen mehr als verdoppelt. Gleichzeitig können wir nicht immer mehr Geld ins System geben. Denn weiter steigende Beiträge schaden dem Wirtschaftsstandort Deutschland und belasten die jüngeren Generationen überproportional. Eine zukunftssichere Pflege benötigt einen effizienten Umgang mit Ressourcen, mehr Eigenverantwortung und mehr präventive Elemente. Unser Reformpaket bietet wirksame Lösungen, die schnell umgesetzt werden können.
Was steckt hinter dem Reformpaket der PKV?
Unser Reformpaket ruht auf drei Säulen: Erstens ein Stabilitätspakt für die Pflegefinanzierung, der die Ausgabendynamik begrenzt. Zweitens ein Programm zur Stärkung von Prävention und Gesundheitsförderung. Und drittens unsere konkreten Vorschläge zur Pflegeversorgung, um Effizienzreserven zu heben und die Versorgung besser auf den tatsächlichen Bedarf auszurichten. Wenn man diese drei Säulen zusammendenkt, entsteht ein tragfähiges Gesamtkonzept für eine generationengerechte Pflegereform.
Schauen wir auf Ihre Vorschläge zur Pflegeversorgung. Was ist der zentrale Ansatz?
Die Leistungen der Pflegeversicherung müssen passgenau und zielgerichtet eingesetzt werden. Das ist der Leitgedanke. Heute ist das Leistungsrecht so komplex, dass viele Versicherte ihre Möglichkeiten gar nicht nutzen, ja teilweise nicht einmal kennen. Unser Programm setzt auf Vereinfachung, Transparenz und Selbstbestimmung – für eine Pflegeversicherung, die den Bedürfnissen der Menschen dient, nicht der Verwaltung ihrer Ansprüche. Die Maßnahmen verbessern die Versorgung und ermöglichen zugleich Einsparungen von über fünf Milliarden Euro.
Herzstück ist ein flexibles, sektorenübergreifendes Pflegebudget. Was soll sich damit ändern?
Die bisherige Ausgestaltung der ambulanten und stationären Sachleistungen ist zu komplex. Wir schlagen ein Budget vor, das an die Stelle dieser getrennten Einzelleistungen tritt. Die Versicherten entscheiden selbst, wie sie ihre Pflege gestalten: Sie können das Budget zum Beispiel in voller Höhe für professionelle Pflegedienste nutzen. Es kann aber auch aufgeteilt und zum Teil alternativ für die Pflege durch Ehrenamtliche eingesetzt werden, etwa durch qualifizierte Nachbarn. Auch die Live-in-Pflege, also die 24-Stunden-Betreuung, soll künftig aus dem Budget finanziert werden können. Das stärkt vor allem die Pflegebedürftigen, die von Angehörigen und Ehrenamtlichen zu Hause versorgt werden – und das ist die große Mehrheit.
Sie wollen auch den Pflegegrad 1 grundlegend umgestalten. Was genau haben Sie vor?
Der Pflegegrad 1 richtet sich an Personen mit noch geringen Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit. Ein wissenschaftliches Dossier von Medicproof, dem medizinischen Dienst der Privaten, zeigt, dass dieser Pflegegrad seine ursprünglichen Präventionsziele bisher nicht erreicht. Wir wollen ihn deshalb konsequent präventiv ausrichten: Die Leistungen sollten Beratungsangebote, Pflegekurse, Hilfsmittel und Maßnahmen zur Verbesserung des Wohnumfelds umfassen. Andere Ansprüche, wie der Entlastungsbetrag, würden entfallen. Das setzt Mittel frei, die gezielt in Prävention investiert werden können.
Ihr Programm umfasst auch Pflegeberatung und Digitalisierung. Warum sind diese Punkte so wichtig?
Beratung ist ein unterschätztes Instrument. Alle Pflegebedürftigen sollen möglichst früh eine umfassende Pflegeberatung erhalten – nicht erst ab Eingang des Erstantrags. Auch An- und Zugehörige brauchen einen eigenen Beratungsanspruch, um Belastungen frühzeitig zu erkennen und Pflegeabbrüche zu vermeiden. Bei der Digitalisierung fordern wir ein zentrales Pflegeportal, das alle Akteure vernetzt: Pflegekassen, Einrichtungen, Prüfdienste, Heimaufsichten. Außerdem muss die elektronische Patientenakte für die Pflege nutzbar werden. Und Pflegekräfte müssen von Bürokratie entlastet werden, damit sie mehr Zeit für die eigentliche Pflege haben.
Was erwarten Sie von der anstehenden Pflegereform der Bundesregierung?
Wir erwarten, dass die Bundesregierung echte Strukturreformen angeht, statt nur an einzelnen Stellschrauben zu drehen. Unser Reformpaket zeigt, dass es einen Weg gibt, die Finanzierung zu stabilisieren, die Versorgung bedarfsgerecht auszugestalten und Prävention zu stärken – ohne die Beitragszahler weiter zu belasten.