Mehr als 60 Millionen medizinische Bilder analysiert Gleamer jährlich. Die Software erkennt Auffälligkeiten auf Röntgen-, CT-, MRT- und Mammografie-Aufnahmen, priorisiert dringende Fälle und entlastet Radiologinnen und Radiologen von zeitintensiven Routineaufgaben. Die finale Entscheidung trifft die Ärztin oder der Arzt – die KI aber vereinfacht die Arbeit.
Das Start-up Gleamer zeigt, wie künstliche Intelligenz die medizinische Bildgebung verändert. Mit Unterstützung des PKV-Wagniskapitalfonds Heal Capital entwickelte sich das Unternehmen zu einem führenden Anbieter für KI-gestützte Radiologie. Das machte Gleamer jetzt für einen US-Konzern attraktiv.
Julia de Jong, als Direktorin bei Gleamer verantwortlich für den DACH-Bereich und die Nordischen Länder, kennt die Rückmeldungen aus der Praxis: „Drei Dinge sind entscheidend – schnellere Priorisierung, einheitlichere Befunde und weniger Routine-Arbeiten. Ärzte sehen KI als Helfer, nicht als Ersatz.“ Die Berlinerin, selbst mit radiologischem Hintergrund als Medizinische Technologin für Radiologie (MTR), hat den Wandel in der Radiologie aus fachlicher Sicht über mehr als zwei Jahrzehnte begleitet. Und war nie ein Fan davon, schlicht Trends hinterherzulaufen. „Ich muss selbst davon überzeugt sein, dass es mich in der Arbeit und im Workflow weiterbringt“, sagt de Jong. Und der Nutzen betrifft nicht bloß die radiologische Sicht. Die Fraktur-Detektion - also das Erkennen von Knochenbrüchen -, betrifft besonders die Notfallambulanz und Unfallchirurgie. „Darin liegt der Schlüssel“, ist de Jong überzeugt. So hat sie bei Gleamer ihre professionelle Heimat gefunden; 2017 in Frankreich gegründet, heute ein Big Player für KI-gestützte Bildgebungsverfahren.
KI macht Auffälligkeiten sichtbar, der Arzt ordnet sie ein
Mehr als 2.700 Kunden in über 50 Ländern arbeiten aktuell mit der Technologie – darunter besonders viele Einrichtungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Aus dem spezialisierten Anbieter für Frakturerkennung entwickelte sich eine umfassende KI-Plattform, die mehr als 25 klinische Indikationen abdeckt: von Knochenbrüchen über Lungenrundherde bis hin zu neurologischen Befunden.
Im Jahr 2023 beteiligte sich Heal Capital, der von der PKV aufgelegte Wagniskapitalfonds für digitale Gesundheitsinnovationen, an Gleamer. Christian Lautner, Founding Managing Partner bei Heal Capital, trieb die Beteiligung federführend voran: „Überzeugt hat uns vor allem, dass Radiologinnen und Radiologen die Technologie tatsächlich nutzen – nicht als ‚nice to have', sondern als echte Unterstützung im Arbeitsalltag.“ Im Interview vergleicht Lautner die Technik mit dem Navigationssystem im Auto und prognostiziert, dass die KI-Unterstützung ebenso zum Standard werde. „In Gleamer haben wir genau dieses Potenzial gesehen."
Der entscheidende Unterschied zu anderen Anbietern: Gleamer stellt konsequent den Nutzen für die Anwender in den Mittelpunkt. Christian Lautner: „Viele Wettbewerber setzen auf technologische Exzellenz – Gleamer fragte von Anfang an: Hilft das wirklich im Alltag? Diese Haltung zeigte sich in jeder Interaktion mit dem Team und spiegelte sich in den Kennzahlen wider.“
Erst das Investment, dann beeindruckendes Wachstum
Seit dem Investment entwickelte sich das Unternehmen rasant. Die jährlichen Umsätze wuchsen von 2022 bis 2025 um über 90 Prozent. Das Unternehmen übernahm zwei weitere MedTech-Firmen – CaerusMedical und Pixyl – und erweiterte sein Portfolio auf vier Bereiche: Knochen, Brust, Lunge und Gehirn. Mehr als 130 Mitarbeitende zählt Gleamer heute.
Bemerkenswert ist, dass trotz des schnellen Wachstums die ursprüngliche Unternehmenskultur erhalten blieb. Der klare Fokus auf den Nutzen für Radiologinnen und Radiologen prägt das Unternehmen. Und mit der Zeit wichen auch die anfänglichen Vorbehalte gegenüber KI in der Radiologie. Denn Skepsis gab es durchaus – völlig nachvollziehbar in so einem sensiblen Bereich. Doch sobald Ärzte die Software im Alltag erleben, ändert sich ihre Haltung meist schnell.
Das Zusammenspiel von Mensch und Maschine funktioniert: Die KI zeigt auf, was wichtig ist – der Arzt entscheidet am Ende. „Der eigentliche Mehrwert entsteht genau aus dieser Kombination", betont Julia de Jong. Die entscheidende Frage sei nicht mehr, ob KI den Menschen ersetze, sondern ob sie den klinischen Alltag messbar besser mache.
Im Frühjahr 2026 übernahm nun der US-Konzern RadNet Gleamer und integrierte das Unternehmen in seine Tochtergesellschaft DeepHealth. Gemeinsam entsteht so das branchenweit umfassendste Portfolio an klinischen KI-Lösungen. Für Europa bedeutet das mehr internationale Reichweite, zusätzliche Ressourcen und ein breiteres Angebot – ohne die regionale Nähe zu verlieren.
„Die Gründung von Gleamer liegt fast zehn Jahre zurück. Heal Capital kam 2023 als Investor hinzu und die Gründer hatten immer eine langfristige Vision“, ordnet Bastian Biermann ein, der Heal Capital als Projektleiter im PKV-Verband begleitet. „Ein Verkauf nach weniger als drei Jahren ist bei Heal Capital sowie im gesamten VC-Bereich eher der Ausnahmefall. Dieser Exot unterstreicht damit einmal mehr die bereits vorhandene Substanz des Unternehmens.“
Kennzeichen der PKV-Investmentstrategie
Für den PKV-Verband bestätigt der Gleamer-Exit die eigene Strategie bei Start-up-Investitionen. Gleamer schien zunächst ein eher unscheinbares Investment zu sein – aus dem jetzt einer der größten Cash-Exits im europäischen HealthTech entstanden ist. Das zeigt: Der Ansatz funktioniert und trägt Früchte. Früh einsteigen, langfristig denken und mutig in Teams investieren, die das Gesundheitswesen nachhaltig verbessern wollen.
Mit dem neuen Fonds Heal Capital 2 setzt der PKV-Verband diesen Weg fort. Und der Erfolg von Gleamer macht deutlich: Innovationen brauchen Geduld, Vertrauen und Partner, die an den langfristigen Erfolg glauben. Diese Erfolgsstory zeigt, dass die Private Krankenversicherung nicht nur Risiken trägt, sondern aktiv Innovationen vorantreibt – zum Nutzen der Versorgung für alle.