Meldung 05. Oktober 2026

Psychische Gesundheit rückt zunehmend in den Fokus und das spiegelt sich auch in der medizinischen Versorgung wider. Sowohl in der Privaten als auch in der Gesetzlichen Krankenversicherung steigen die Ausgaben für Psychotherapie seit Jahren spürbar. Doch was steckt hinter dieser Entwicklung?

Psychische Erkrankungen zählen inzwischen zu den zentralen Treibern der Leistungsausgaben. Das zeigen neue Daten des Wissenschaftlichen Instituts der PKV (WIP). Für WIP-Institutsleiter Frank Wild ist der Trend klar erkennbar: „Wir sehen bei den PKV-Ausgaben für ärztliche Leistungen in den Bereichen Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie im Jahr 2025 eine Zunahme um 20,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Ausgaben liegen auch merklich über den Vor-Pandemiewerten von 2019. Unsere Analysen liefern sehr gute Hinweise, dass die Zahl der psychischen Erkrankungen zugenommen hat.“

Die Frage ist, was die Ursachen sind – handelt es sich um Folgewirkungen der Coronapandemie, um Konsequenzen der Social-Media-Nutzung und der Informationsüberflutung, um eine Reaktion auf die zunehmenden Unsicherheiten hinsichtlich der gesellschaftlichen Entwicklung oder vielmehr um ein Resultat der abnehmenden Stigmatisierung, wodurch mehr Menschen Hilfe suchen und häufiger eine Diagnose erhalten? Es handelt sich vermutlich um ein komplexes Thema.

Warum steigen die Diagnosen psychischer Erkrankungen?

Tatsächlich belegen Daten, dass die Zahl psychischer Erkrankungen seit Jahren wächst. Laut Statista hat sich die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen zwischen 2000 und 2024 mehr als verdoppelt – bei Frauen liegt sie konstant höher als bei Männern. Zugleich waren psychische Erkrankungen im ersten Halbjahr 2026 erstmals die häufigste Ursache für Fehltage am Arbeitsplatz, zeigt eine IGES-Studie im Auftrag der DAK.

Diese Entwicklung ist ein internationales Phänomen: Laut einer Studie des Marktforschungsunternehmens Ipsos halten Befragte in 30 Ländern psychische Erkrankungen für das größte Gesundheitsproblem. Mit 45 Prozent Zustimmung liegt der Wert noch vor Krebs mit 41 Prozent.

Die Gründe sind vielfältig: Fachleute nennen die Pandemie mit ihren sozialen Einschränkungen, Zukunftsängsten und wirtschaftlichen Unsicherheiten als wesentlichen Faktor. Gleichzeitig ist die gesellschaftliche Offenheit gewachsen, über Depressionen, Angststörungen oder Burn-out zu sprechen. Diese Entstigmatisierung führt dazu, dass Diagnosen häufiger gestellt werden und Betroffene gezielter Hilfe in Anspruch nehmen.

Wie Social Media die psychische Gesundheit belastet

Ein weiterer Aspekt ist das veränderte Mediennutzungsverhalten, vor allem unter Jugendlichen. Die aktuelle WHO-HBSC-Studie („Health Behaviour in School-aged Children“) erfasste zwischen 2021 und 2022 fast 280.000 Jugendliche in 44 Ländern. Demnach ist der Anteil der 11- bis 15-Jährigen mit problematischer Social-Media-Nutzung von 7 Prozent im Jahr 2018 auf 11 Prozent im Jahr 2022 gestiegen. Laut WHO berichten diese Jugendlichen deutlich häufiger über ein geringeres seelisches und soziales Wohlbefinden, Schlafmangel, ein erhöhtes Risiko für Substanzmissbrauch und sinkende schulische Leistungen. Eine Studie von 2025, über die die Zeitschrift „Nature Human Behaviour“ berichtet, unterstreicht einen Zusammenhang einer langen Zeitspanne bei der Social Media Nutzung und Erkrankungen wie Ängsten oder Depressionen.

Welche Rolle spielen neue Abrechnungsempfehlungen?

Im Sommer 2024 haben Bundesärztekammer, Bundespsychotherapeutenkammer und PKV-Verband mit einer gemeinsamen GOÄ-Abrechnungsempfehlung Regelungslücken in der psychotherapeutischen Versorgung geschlossen. Damit wird eine moderne Versorgung in der Psychotherapie besser abgebildet und die Leistungen für Privatversicherte gestärkt. Auch diese Empfehlungen wirken sich auf die Ausgabenentwicklung aus. Zum Beispiel wurde die eingehende psychiatrische Untersuchung des aktuellen psychischen Befunds (GOÄ-Nr. 801/801a) im Jahr 2025 zu 79,8 Prozent häufiger abgerechnet als noch im Jahr 2024.