Steigende Kosten, demografischer Wandel: Unser Gesundheitssystem steht unter Druck. Wie kann es langfristig finanziert werden? Marco Seuffert vom Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute erklärt, welche Rolle das duale System spielt, und warum private Vorsorge an Bedeutung gewinnt.
Herr Seuffert, warum ist das duale Krankenversicherungssystem so wichtig für Deutschland?
Das duale System aus gesetzlicher und privater Krankenversicherung ist ein entscheidender Wettbewerbsvorteil für die Bundesrepublik Deutschland. Es schafft Wettbewerb und Wahlfreiheit, entlastet die gesetzlichen Krankenkassen und stärkt die Solidargemeinschaft durch die Vielzahl der Möglichkeiten, die wir haben.
Welche Vorteile bringt die PKV für Patienten und für das Gesundheitssystem?
Für Patientinnen und Patienten bedeutet die private Krankenversicherung einen erleichterten Zugang zu innovativen Behandlungen. Viele Innovationen entstehen in der privaten Krankenversicherung, wovon am Ende auch die gesetzlich Versicherten profitieren. Die PKV ist außerdem ein wesentlicher Finanzierer des Gesamtsystems, ohne sie würde dieses in der heutigen Form nicht funktionieren. Insofern ist es schon ein Highlight, dass es die private Krankenversicherung in Deutschland gibt.
Wie können private Pflegezusatzversicherungen Menschen dabei helfen, ihre finanzielle Sicherheit zu bewahren?
Die privaten Pflegeversicherungen sind eigentlich ein unverzichtbarer Bestandteil des gesamten Konstrukts. Sie schaffen Selbstbestimmung und schließen die Lücken, die durch steigende Kosten bei gleichbleibender gesetzlicher Grundversorgung immer wieder entstehen. Diese Lücke, die immer größer wird, kann nur durch zusätzliche Vorsorge abgesichert werden. Für mich ist die private Pflegeversicherung daher eine Art Vermögens-Schutzbrief: Wenn der Pflegefall eintritt und lange andauert, bleibt ein großer Teil des Vermögens im Pflegeheim „stecken“ und steht danach nicht mehr zur Vererbung zur Verfügung – im Extremfall wird das Vermögen komplett aufgebraucht, je länger sich der Pflegefall hinzieht und je teurer die Pflege wird. Ganz wichtig ist aus meiner Sicht die Botschaft: Wer sein Vermögen schützen möchte, sollte eine private Pflegezusatzversicherung abschließen. Je jünger man anfängt, desto günstiger ist die Pflegevorsorge, und es ist wichtig, jung und gesund mit niedrigen Beiträgen einzusteigen, damit im Alter, wenn der Pflegefall – der hoffentlich nie eintritt – meist erst im fortgeschrittenen Alter kommt, die Rücklagen vorhanden sind. Deshalb ist es wichtig, frühzeitig kapitalgedeckt vorzusorgen.
Welche Rolle spielen Versicherungskaufleute als Berater bei der privaten Pflegevorsorge?
Versicherungsvermittler sehe ich vor allem in der Rolle, das Thema überhaupt erst ins Bewusstsein zu rücken. Ein Pflegefall ist nichts, womit man sich freiwillig beschäftigen möchte; solche Szenarien drängt man lieber weg und möchte sie gar nicht wahrhaben. Hier ist es wichtig, zu sensibilisieren und zu sagen: „Doch, da könnte ein Problem entstehen.“ Hinzu kommt die Lotsenfunktion: Menschen über die gesamte Vertragsdauer bis hin zum möglicherweise eintretenden Pflegefall zu begleiten. Dann stehen wir mit Rat und Tat zur Verfügung und kümmern uns darum, dass die Leistungen zeitnah fließen. Das ist die Rolle der Versicherungsvermittler: Bedarf wecken, den Vertrag über seine Laufzeit begleiten und im Leistungsfall – hoffentlich nie, aber falls er eintritt – dafür sorgen, dass die Leistung reibungslos ausgezahlt wird
Wie können private Pflegezusatzversicherungen das umlagefinanzierte System entlasten?
Jede Form der privaten Vorsorge entlastet am Ende das gesetzliche Umlagesystem. In den nächsten fünf bis sechs Jahren geht die Babyboomer-Generation nach und nach in Rente – das ist die erste große Herausforderung. In den nächsten fünf bis sechs Jahren gehen sie nach und nach in Rente – das ist die erste große Herausforderung. Im Bereich Pflege haben wir zwar noch etwa zwei Jahrzehnte, bis die heutigen 60-Jährigen 80 oder 85 sind und in großer Zahl pflegebedürftig werden könnten. Gerade deshalb ist es jetzt wichtig, Maßnahmen zu ergreifen und durch kapitalgedeckte Zusatzvorsorge dafür zu sorgen, dass das Umlagesystem nicht explodiert, wenn die Zahl der Leistungsfälle plötzlich stark ansteigt.
Warum sollten mehr Arbeitgeber in die betriebliche Krankenversicherung investieren?
Die betriebliche Krankenversicherung ist ein sehr modernes Instrument zur Mitarbeiterbindung. Sie fördert die Gesundheit der Beschäftigten, stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl und ist ein wesentlicher Faktor, um Mitarbeiter an das Unternehmen zu binden und die Stimmung im Unternehmen zu verbessern. Außerdem steigert sie die Attraktivität des Arbeitgebers, weil man als verantwortungsvoller Arbeitgeber sichtbar wird, der sich auch um die Gesundheitsvorsorge seiner Mitarbeitenden kümmert. Sie hilft zudem Menschen, einen Schutz zu erhalten, den sie aufgrund einer individuellen Risikoprüfung in einem Einzeltarif vielleicht gar nicht bekämen. Ganz wichtig ist auch: Menschen kaufen den Schutz in den Bereichen Gesundheit, Risikovorsorge und Vermögensaufbau selten aktiv. Es ist unsere Aufgabe, ihnen zu sagen: „Achtung, beschäftige dich mit diesem Thema und sichere dich ab.“ Das ist unsere Lotsenfunktion – Bedarfsweckung – denn der Bedarf ist da, aber viele sehen ihn selbst nicht. Niemand steht morgens vor dem Spiegel und sagt: „Heute gönne ich mir mal eine Pflege- oder Altersvorsorge.“ Genau deshalb gibt es uns, damit wir erinnern: „Vergiss das nicht, das gehört zum Leben dazu, sichere dich entsprechend ab.“
Welche Vorteile bringt Wettbewerb den Versicherten in Bezug auf Leistungen, Innovationen & Kundenservice?
Wettbewerb ist grundsätzlich gut, weil man sich im Wettbewerb ständig verbessern muss – das ist die logische Folge. Je mehr wir uns anstrengen müssen und je stärker die eigene Leistung in den Vordergrund rückt, desto effektiver wird es für alle. Es ist daher immer sinnvoll, Wettbewerb und Leistungsbereitschaft zu fördern, das fehlt derzeit ein Stück weit generell im Land. Wichtig wäre, weiter in Richtung Wettbewerb und Leistung zu gehen, weil das am Ende alle besser macht. Mein genereller Appell wäre jedoch nicht nur, Wettbewerb und Leistung zu stärken, sondern vor allem auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass das Rentenproblem, das sehr kurzfristig zu lösen ist, und das Pflegeproblem, das noch etwas Vorlauf hat, rechtzeitig angegangen werden. Schiebt das bitte nicht wieder zwei Jahrzehnte vor euch her, sondern geht es jetzt proaktiv an. Wir stehen als BVK und als Versicherungsvermittler bereit, um zu helfen, mitzudiskutieren und Lösungen zu erarbeiten, und der PKV-Verband tut das genauso, bei diesem Thema stehen wir Seite an Seite. Wir wären bereit, mitzuhelfen, die Pflege für die Zukunft vernünftig aufzustellen. Kommt gern auf uns zu – Dialog hat noch nie geschadet.
Was fasziniert Sie am Beruf des Versicherungskaufmanns?
Das ist ein wahnsinnig vielseitiger Beruf, in dem man sehr viel Gutes für Menschen tun kann. Man erfährt enorm viel über Menschen, ich sage immer, es ist fast ein Stück wie eine Ehe, weil wir ganze Generationen begleiten können – vom Großvater über die Eltern bis zu den Kindern. Unser Job ist es, Bedarf zu erkennen, Sicherheit zu bieten, finanziell abzusichern und vor Risiken zu schützen. Wenn zum Beispiel das Haus, das sich jemand mühsam erarbeitet hat, durch einen Brand gefährdet wird oder gesundheitliche Probleme Pläne durchkreuzen, ist es entscheidend, dass wir vorher mit den Menschen sprechen und ihnen den Schutz vermitteln konnten, den sie später im Ernstfall brauchen. Das ist ein großartiger Beruf, den ich liebe und den ich nur allen empfehlen kann, weil er sozialpolitisch sehr wertvoll ist.