Interview 27. November 2025

Welt-AIDS-Tag 2025. Anne von Fallois, Vorstandsvorsitzende der Deutschen AIDS-Stiftung, spricht über die Aufgaben und Ziele der Stiftung sowie über aktuelle und zukünftige Herausforderungen.

Anne von Fallois, Vorsitzende der AIDS-Stiftung

Der Welt-Aids-Tag am 1. Dezember bekräftigt seit mehr als 30 Jahren die Rechte der HIV-positiven Menschen weltweit. Der Tag ruft zu einem Miteinander ohne Vorurteile und Ausgrenzung auf. Erinnert wird außerdem an die Menschen, die an den Folgen von HIV und Aids verstorben sind.

Anne von Fallois, Vorsitzende der AIDS-Stiftung, ist überzeugt: Bei allen nationalen wie weltweiten Herausforderungen, lohnt es sich zum Wohle gesunder Gesellschaften solidarisch zu sein. Wir alle könnten gemeinsam solidarisch sein. Das gelte insbesondere für den Kampf gegen globale Pandemien wie HIV und AIDS. 

Frau von Fallois, wo stehen wir in Deutschland beim Thema AIDS/ HIV?

Beim Kampf gegen HIV und AIDS stehen wir in Deutschland einerseits sehr gut da, weil wir es geschafft haben, dass Menschen, die in Therapie sind, ein fast normales Leben führen können und dass sie – und auch das ist sehr wichtig – nicht mehr ansteckend sind. Jemand, der sich therapieren lässt gegen HIV, der ist nicht mehr ansteckend. Wir haben aber immer noch große Herausforderungen. Zum Beispiel leben in Deutschland geschätzt 8.200 Menschen, die nichts von ihrer HIV-Infektion wissen. Weil sie das nicht wissen, kann aus einer HIV-Infektion AIDS werden – und sie bleiben weiter ansteckend.

Welche Herausforderungen sehen Sie für die Zukunft?

Wir haben in einer Studie tatsächlich in die Zukunft der medizinischen Versorgung geblickt. Die ist davon geprägt, und das ist zunächst einmal die gute Nachricht, dass Menschen, die mit HIV leben, älter werden. Deswegen werden wir auch mehr Menschen haben, die in Deutschland mit HIV leben. Das sind aktuell fast 100.000. Aber wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen, die mit HIV leben, auch gut versorgt werden. Da gibt es ein paar alarmierende Zeichen: Wir sehen, dass die Versorgungslandschaft ausdünnt. Wir sehen eine Konzentration auf größere Praxiseinheiten und MVZs. Wir müssen dafür sorgen, dass Menschen – wo auch immer sie leben in Deutschland – Zugang haben zur HIV-Versorgung. Dafür brauchen wir innovative Versorgungsmodelle und neue Ideen.

Wie arbeitet die Deutsche AIDS-Stiftung?

Wir beschäftigen uns mit der Zukunft der Versorgung, indem wir Gutachten mit anderen Partnern zusammen in Auftrag geben und uns dann überlegen: Was kann unser Beitrag sein? Was wir aktuell schon tun, ist, dass wir sogenannte Mobilitätshilfen gewähren. Dabei sorgen wir dafür, dass Menschen aus ländlichen Regionen in ihre Schwerpunktpraxen in urbanen Ballungsgebieten kommen, begleitet und unterstützt werden. Wir sorgen dafür, dass Menschen auch psychosozial versorgt werden, durch Projekte der Begegnung, des Austausches. Wir fördern Krankenreisen zum Beispiel. All das soll dazu dienen, dass Menschen, die mit HIV leben auch psychisch stabil bleiben. Denn auch das ist eine Herausforderung, die mit HIV einhergeht. Unsere Studie hat gezeigt, dass bei Menschen, die mit HIV leben, die Neigung zu Depressionen als Begleiterkrankung deutlich höher ist als in der Allgemeinbevölkerung. Auch da müssen wir gute Angebote schaffen.

Wie gestalten Sie die Arbeit mit verschiedenen Zielgruppen?

Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht mit sogenannten Peer-to-Peer-Ansätzen. Beispielsweise erklären junge Menschen mit HIV anderen jungen Menschen, wie sie sich schützen können und warum das wichtig ist. Wir haben Projekte, bei denen Frauen mit einem migrantischen Hintergrund aus Afrika in ihre Communities gehen und dort dafür werben, sich erstens behandeln zu lassen, wenn man mit HIV infiziert ist oder sich zweitens effektiv zu schützen. Diese Ansätze sind besonders vielversprechend und bei solchen Ansätzen unterstützt uns auch der PKV-Verband sehr großzügig.

Welche Bedeutung hat die Zusammenarbeit mit dem PKV-Verband für die Deutsche AIDS-Stiftung?

Der PKV-Verband stand an der Wiege der Deutschen AIDS-Stiftung und bis heute ist die Unterstützung unverzichtbar. Gemeinsam fördern wir innovative Projekte und Programme der Prävention. Der PKV-Verband unterstützt uns aber auch immer wieder bei unseren großen Veranstaltungen, die nicht nur festliche Abende sind und dem Fundraising dienen, sondern die vor allem das Thema HIV und die Menschen, die mit HIV leben, in die Mitte der Gesellschaft holen. Das könnten wir nicht machen, wenn wir nicht diese starke Begleitung hätten. Ganz abgesehen davon, dass wir auch ganz tolle menschliche Unterstützung aus dem Verband bekommen: Mein Co-Vorstand, Dr. Florian Reuther ist zugleich der Verbandsdirektor des PKV-Verbands.

Was wünschen Sie sich für unsere Gesellschaft im Umgang mit HIV und AIDS?

Wir stehen aktuell vor großen Herausforderungen im Kampf gegen HIV und AIDS. National, aber vor allem auch weltweit. Es ist deswegen umso wichtiger, dass wir starke Zeichen der Solidarität setzen mit den Menschen, die zum Beispiel im globalen Süden mit der HIV-Pandemie zu kämpfen haben, aber auch mit den Menschen hier in Deutschland, die immer noch Diskriminierung und Ausgrenzung erleben. Wir alle können gemeinsam solidarisch sein, wir alle können dafür sorgen, dass wir – vielleicht bis 2030 – AIDS als globale Pandemie beenden.

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