Meldung09. Februar 2022

Die betriebliche Krankenversicherung wächst seit Jahren. Holger Eich, Geschäftsführer im PKV-Verband, spricht im Interview darüber, warum auch kleine Unternehmen ihren Beschäftigten diese Absicherung anbieten können und warum Versicherer auf Risikoprüfungen verzichten.

Holger Eich, Geschäftsführer des Bereichs Mathematik-Statistik im PKV-Verband

Herr Eich, die betriebliche Krankenversicherung wird immer beliebter…

Allerdings. Die Nachfrage entwickelt sich rasant. Die Zahl der versicherten Personen ist zwischen 2015 und 2021 um über eine Million Personen auf 1,59 Millionen gestiegen. Die bKV ist damit ein echtes Erfolgsmodell. Und dabei zählen wir lediglich die Versicherten, bei denen der Arbeitgeber die Beiträge allein übernimmt. Daneben gibt es noch zahlreiche Varianten der bKV, bei denen sich Chef und Angestellte die Beiträge teilen.

Der Anstieg war gegenüber dem Vorjahr besonders hoch. Woran liegt das?

In unseren Daten sind auch die Zahlen der betrieblichen Pflegezusatzversicherung enthalten, die nach dem selben Prinzip funktioniert. Dazu gehören auch die CareFlex-Tarife, die am 1. Juli 2021 gestartet sind. Diese Versicherungsart geht auf Verhandlungen zwischen dem Bundes-Arbeitgeberverband Chemie und der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie zurück. Die Tarifpartner haben diese arbeitgeberfinanzierte Zusatzversicherung vereinbart. Damit sind mit einem Schlag über 400.000 Beschäftigte in der Chemiebranche in den Genuss einer betrieblichen Pflegeversicherung gekommen. So erklärt sich der sprunghafte Anstieg.

Wird sich der Trend fortsetzen?

Davon gehe ich fest aus. Trotz der Corona-Pandemie herrscht nach wie vor Fachkräftemangel. Und betriebliche Kranken- und Pflegeversicherungen sind für Arbeitgeber ein sehr gutes Instrument zur Mitarbeitergewinnung. Zudem zeigen die CareFlex-Tarife, welches Potenzial in dieser Versicherungsform steckt – gerade vor dem Hintergrund steigender Eigenanteile bei Pflegebedürftigkeit. Jeder Pflegeheimbewohnter muss durchschnittlich deutlich mehr als 2.000 Euro im Monat aus eigener Tasche zahlen. Da ist die betriebliche Pflegeversicherung ein effektives Instrument, die Pflegevorsorge abzudecken. Mit ihr kann das Pflegerisiko für weitaus mehr Menschen abgesichert werden, als dies mit individuellen Zusatzversicherungen allein möglich ist.

Die Versicherer verzichten in der bKV auf eine Gesundheitsprüfung. Wie ist das möglich?

Bei einer individuellen Versicherung besteht die Gefahr, dass sich jemand erst dann versichert, wenn er eine akute Erkrankung erwartet. In einer Gruppe von Versicherten sind die Unterschiede und Risiken besser verteilt: dies führt zu einem geringeren Durchschnittsrisiko.

Funktioniert das auch in Betrieben mit wenigen Mitarbeitern?

Das funktioniert sehr gut. Denn häufig bilden die bKV-Versicherer das Versichertenkollektiv nicht nur aus den Mitarbeitern eines einzigen Arbeitgebers, sondern gleich von mehreren. So bildet sich schnell aus wenigen Betrieben eine größere Gruppe an versicherten Personen, über die sich das Risiko verteilt. Das ist übrigens auch einer der Gründe, warum der Versicherungsschutz oft auch für Angehörige mit angeboten wird. Denn auch damit wird die Gruppe größer.

Also lohnt es auch für Kleinunternehmen, sich nach einer bKV umzusehen?

Ja, klar. Kleine Unternehmen erhalten unter Umständen zwar nicht ein speziell für sie angefertigtes Versicherungspaket. Aber zum Beispiel eine klassische Zahnzusatzversorgung kann eigentlich jedem Unternehmen angeboten werden.

Seit wann gibt es eigentlich die betriebliche Krankenversicherung?

Wann der Name das erste Mal verwendet wurde, kann ich nicht genau sagen. Es gibt eine Reihe von Unternehmen, die schon seit vielen Jahren Gruppenversicherungsverträge anbieten. Mit der steigenden Nachfrage und dem Bekanntwerden des Produkts und der Finanzierung durch die Arbeitgeber hat sich dann der Begriff „betriebliche Krankenversicherung“ durchgesetzt.