Die Wartezeiten auf Arzttermine sind kürzer als vielfach behauptet. Die Debatte darüber übersieht regelmäßig: Erstens sind Wartezeiten in Deutschland im internationalen Vergleich kurz. Zweitens wurzeln sie im Vergütungs- und Steuerungssystem der GKV. Drittens lassen sich rechnerisch die Wartezeiten von 90 Prozent der Versicherten (GKV) nicht durch eine Regulierung von 10 Prozent (PKV) reduzieren.
Bundeskanzler Merz hat mit seinen Aussagen zum Nebeneinander von PKV und GKV für Aufmerksamkeit gesorgt. Anlass für die Äußerungen war offenbar ein gefühltes Problem im „Gerechtigkeitsempfinden“ bei den Wartezeiten auf Arzttermine. Wie es um diese tatsächlich bestellt ist, zeigt unser Faktencheck.
Deutschland hat international kurze Wartezeiten
- Spitzenwert beim Zugang: Über 50 Prozent der Patienten in Deutschland erhalten am selben oder nächsten Tag einen Termin (Commonwealth Fund 2023). Nur 0,1 Prozent der Deutschen bleiben laut europäischer Erhebung über Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC) we-gen zu langer Wartelisten unversorgt – Großbritannien 4,3 Prozent, Dänemark 2,2 Prozent.
- Einheitssysteme sind schlechter: Gerade in einheitlich organisierten Systemen (z.B. Großbritannien, Schweden, Kanada) sind Wartezeiten von vielen Monaten ein Massenproblem. Einheitssysteme verschärfen das Wartezeitenproblem, anstatt es zu lösen.
- Akzeptable Wartezeiten im Status quo: Laut Umfrage des GKV-SV bekommt jeder 2. Be-fragte innerhalb von 10 Tagen einen Facharzttermin. In Hausarztpraxen warten nur 25 Prozent der Patienten länger als 3 Tage. Die Datenauswertung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) des 116117-Terminservices 2025 zeigt: Über die Terminservicestellen vermittelte Facharzttermine hatten eine durchschnittliche Wartezeit von 8,6 Tagen.
- Berufsethos: Bei akutem Bedarf müssen Ärzte ohnehin strikt nach medizinischer Notwendigkeit priorisieren.
Ursache der Wartezeiten: Vergütungssystem der GKV
- Fehlende Patientensteuerung: Der Zugang zum Facharzt ist weitgehend unreguliert – mit 9,6 Arztkontakten pro Jahr liegt Deutschland im internationalen Vergleich an der Spitze. Ein Grund ist die fehlende Steuerung. Im System der GKV fehlen Instrumente wie Selbstbehalte und Transparenz über die Kosten der ärztlichen Behandlungsleistung.
- Programme mit regelmäßigen Arztroutinen: Über eine große Zahl an Arztbesuchen entscheidet der Patient nicht selbst. Quartalspauschalen, z.B. bei DMP-Programmen, setzen den Anreiz zur regelmäßigen Einbestellung von Patienten.
- Quartalsabrechnung mit Mengendeckel: Vertragsärzte erhalten pro Quartal eine pauschale Vergütung (Regelleistungsvolumen); ist die Grenze erreicht, werden Leistungen schlechter oder nicht mehr vergütet – vor allem bei Fachärzten. Das führt zu Terminvergabe im Folgequartal.
10 Prozent PKV lösen keine 90-Prozent-GKV-Probleme
- Rechnerisch wirkungslos: Nur rund 10 Prozent sind privat versichert. Ein Verbot, nach dem Versichertenstatus zu fragen, würde die Wartezeit der 90 Prozent GKV-Versicherten nicht spürbar senken.
Primärversorgung und Systemwettbewerb als Lösung
- Hebel für die GKV: Die Primärversorgung ist ein vielversprechendes Versorgungsprojekt des Koalitionsvertrages. Wenn sie gelingt, kann sie Effizienzreserven heben, Versorgungspfade optimieren und so auch Wartezeiten verkürzen.
- Patientensteuerung wirkt: In der PKV haben 25 Prozent der Versicherten (ohne Beihilfe) freiwillig Primärversorgungstarife gewählt. Finanzielle Anreize, Wettbewerb und tarifliche Wahlfreiheit wirken – ganz ohne gesetzliche Einschränkung der freien Arztwahl.
- Eine gute Primärversorgung braucht den Systemwettbewerb: Gerade Versorgungsprojekte, bei denen sich viele offene Fragen stellen, benötigen den Ideenwettbewerb. Eine einheitliche Patientensteuerung steht nicht nur im Widerspruch zur Tarifvielfalt und Vertragstreue in der PKV – sie würde auch das wechselseitige Lernen von vornherein verhindern und damit den Wettbewerb abschaffen, der Wartezeiten dauerhaft verkürzen kann.