Meldung 05. März 2026

In der Debatte um zusätzliche Leistungsausweitungen in der Pflegeversicherung zeichnen die Befürworter mit neuen Zahlen zur „Hilfe zur Pflege“ ein Schreckensszenario. Dabei belegen die Zahlen vor allem eines: Die große Mehrheit der Betroffenen kann die Pflegekosten selbst tragen.

Angesichts neuer Zahlen des Bremer Gesundheitsökonomen Prof. Heinz Rothgang zur “Hilfe zur Pflege” fordert der DAK-Vorsitzende Andreas Storm eine weitere Begrenzung der Eigenanteile im Pflegeheim. Demnach könnte die Zahl der Sozialhilfeempfänger bis 2035 um 47.000 Personen auf insgesamt 356.000 steigen. Um das zu verhindern, plädiert Rothgang für einen “Pflegedeckel” von 1.000 oder 1.200 Euro.

Pflegedeckel: Massive Kosten für Beitrags- und Steuerzahler

Die Kosten für den Pflegedeckel wären immens: Selbst in der moderateren Pflegedeckel-Variante von 1.200 Euro würden die Zusatzausgaben im Jahr 2027 bereits 2,2 Milliarden Euro betragen – und sukzessive bis 2035 auf 8,6 Milliarden Euro jährlich steigen. Finanziert von den Beitragszahlern müsste der Beitragssatz alleine aufgrund des Pflegedeckels um 0,4 Beitragssatzpunkte steigen – die erwarteten Steigerungen durch den demografischen Wandel sind dabei noch nicht berücksichtigt.

Ein Pflegedeckel in der stationären Pflege würde die Finanzierungsprobleme der Pflegeversicherung weiter verschärfen und die Beitrags- und Steuerzahler massiv belasten.

Florian Reuther, PKV-Verbandsdirektor

Rothgang spricht sich deshalb für einen steuerfinanzierten Pflegedeckel aus. Eine Finanzierung aus Steuermitteln kann aber auch keine Lösung sein. Aus dem Finanzministerium hieß es erst kürzlich, dass sich die Lücken im Haushalt für die Jahre 2027 bis 2029 auf mehr als 140 Milliarden Euro summierten. „Ein Pflegedeckel in der stationären Pflege würde die Finanzierungsprobleme der Pflegeversicherung weiter verschärfen und die Beitrags- und Steuerzahler massiv belasten”, kommentiert PKV-Verbandsdirektor Florian Reuther. „Das träfe vor allem die jüngeren Generationen und würde auch den Wirtschaftsstandort Deutschland spürbar belasten.” 

Große Mehrheit kann Pflegekosten selbst tragen

Angesichts der nicht vorhandenen finanziellen Spielräume und der massiven Belastungen stellt sich deshalb die Frage, ob es eine weitere Begrenzung der Eigenanteile überhaupt bedarf. Schließlich kann auch nach Rothgangs Rechnung die große Mehrheit der Pflegeheimbewohner ihre Kosten selbst tragen. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln). Konkret: Wenn man nicht nur das Einkommen, sondern auch die Vermögenslage berücksichtige, können zwei Drittel der Rentnerinnen und Rentner die Eigenanteile im Pflegeheim aus eigener Kraft fünf Jahre lang tragen. 

Die wirklich Hilfebedürftigen würden kaum profitieren, während Vermögende und ihre Erben entlastet würden.

Florian Reuther, PKV-Verbandsdirektor

Im Umkehrschluss heißt das, dass die von der DAK vorgeschlagene weitere Begrenzung der Eigenanteile, ein Pflegedeckel nach Rothgang oder gar eine Pflegevollversicherung wie sie vielen Gewerkschaften vorschwebt, in erster Linie die Mehrheit der wohlhabenden Rentnerhaushalte begünstigen würden. Sie könnten so ihr Vermögen schonen. Die zusätzlichen Leistungen aus der Pflegeversicherung kämen am Ende also nur zu rund einem Drittel bei den wirklich Bedürftigen an, würden aber von allen Beitragszahlern finanziert. Auch von denen mit geringem Einkommen.

„Der Pflegedeckel würde viele Menschen entlasten, die die Kosten bereits heute selbst tragen können: Rund zwei Drittel der Pflegeheimbewohner finanzieren ihren Eigenanteil aus eigenen Mitteln. Die wirklich Hilfebedürftigen würden dagegen kaum profitieren, während auch Vermögende und ihre Erben entlastet würden”, weist Reuther auf die Fehlsteuerung des Instruments hin. 

Ähnliches Phänomen wie bei Zuschlägen im Pflegeheim

Das IW verweist vor diesem Hintergrund auf die erst im Jahr 2022 eingeführten pauschalen Zuschläge für Pflegebedürftige im Heim. Hier zeigt sich schon heute ein ähnliches Phänomen, wie es den Sozialstaat auch mit dem Pflegedeckel erwarten würde. Die Zuschläge kosteten die Pflegeversicherung allein im ersten Jahr mehr als 3,6 Milliarden Euro. Im gleichen Zeitraum sind die Ausgaben der Sozialämter für die Hilfe zur Pflege aber nur um 1,23 Milliarden Euro gesunken. So wurde jeder einzelne Euro Entlastung für Hilfebedürftige mit drei Euro Zusatzbelastung aller Beitragszahler und ihrer Arbeitsplätze teuer erkauft.

„Aus ökonomischer Sicht muss der Leistungszuschlag daher insgesamt sowohl als ineffektives als auch ineffizientes Umverteilungsinstrument bewertet werden“, lautet das Fazit der Studienautoren. Die Experten warnen vor den negativen Folgen steigender Beiträge für den Wirtschaftsstandort Deutschland. „Höhere Beitragssätze führen bei unverändert hohen Bruttoentgelten zu steigenden Arbeitskosten.” Im schlimmsten Fall entstehe eine wirtschaftliche Abwärtsspirale, so das IW. 

Das IGES-Institut kommt zum gleichen Ergebnis. Eine Studie zeigt, dass die Zuschläge zu einer milliardenschweren Fehlsteuerung führen: Demnach erreichen die Zuschüsse weitgehend Haushalte , die mit ihrem Altersvermögen die Eigenanteile selbständig tragen können. So lag das Medianvermögen privater Haushalte in der pflegenahen Altersgruppe der 65- bis 74-Jährigen bei rund 212.000 Euro. „Aus verteilungspolitischer Sicht ist es bedenklich, dass der ermöglichte Vermögens- und Erbenschutz mit einer überproportional hohen Belastung von Menschen mit niedrigem Einkommen durch Sozialversicherungsbeiträge verbunden ist”, geben die Studienautoren zu bedenken. „Eine Erweiterung der SPV-Leistungen, zum Beispiel durch eine stärkere Begrenzung der Eigenanteile oder ihre Deckelung, würde diesen Vermögensschutzeffekt für Erben sogar noch verstärken,“ so die Autoren.

Kosten laufen aus dem Ruder

Hinzu kommt ein weiterer Effekt: Die Ausgaben für die Zuschläge haben sich von Beginn an deutlich stärker entwickelt als vom Bundesgesundheitsministerium ursprünglich berechnet: Anstelle der bis 2025 prognostizierten jährlichen Kosten von 2,5 Milliarden Euro lagen die tatsächlichen Ausgaben laut der IGES-Studie im ersten Jahr bereits bei 3,6 Milliarden Euro. 2024 stiegen die Kosten auf 6,4 Milliarden Euro. Und bis zum Ende der Legislaturperiode könnten sie jährlich auf bis zu 9,4 Milliarden Euro anwachsen. 

Auch in den kommenden Jahren ist von einem deutlichen Anstieg der Ausgaben für die Zuschläge auszugehen. Im ungünstigsten Fall drohen die Ausgaben laut IGES bis 2029 auf 9,4 Milliarden Euro zu steigen. Im Jahr 2035 könnten es schon 11,7 Milliarden Euro sein. Damit steigen die Leistungszuschläge jährlich um 4,8 Prozent im Durchschnitt, was einer höheren Steigerungsrate entspricht als es bei den Eigenanteilen der Fall ist.  

Diese Entwicklung ist ein erheblicher Kostenfaktor für die Gesetzliche Pflegeversicherung. Laut IGES entsprachen die Ausgaben im Jahr 2024 rund 0,36 Beitragssatzpunkten. In der Folge werden neben Beitragszahlern und Arbeitgebern insbesondere die jüngeren Generationen belastet. 

Reformen sind dringend geboten

Angesichts unserer alternden Bevölkerung steht insbesondere die Pflegeversicherung vor einem enormen Kostendruck. Umso wichtiger ist, dass die verfügbaren Ressourcen effizient eingesetzt werden. Vor diesem Hintergrund stellt die Begrenzung der Ausgaben-Dynamik bei den Leistungszuschlägen eine wichtige Stellschraube dar. Auch die Einführung von Pflegedeckeln oder gar eine Pflegevollversicherung sind der völlig falsche Ansatz.  

Damit sich möglichst viele Versicherte den Eigenanteil bei einer vollstationären Pflege zukünftig leisten können, gibt es alternative Möglichkeiten zur Vorsorge, die die nachfolgenden Generationen nicht belasten. So sieht die Analyse des IGES den Abschluss einer privaten Pflegezusatzversicherung als bessere Möglichkeit, um die Lücke zu schließen. Das ist schon heute für weniger Beitrag möglich als viele denken. So hat etwa die Rating-Agentur Assekurata berechnet, dass sich bei einem Vertragsabschluss mit 25 Jahren mit einem Beitrag von 32 Euro monatlich 1.800 Euro Pflegekosten absichern lassen. Wünschenswert ist es darüber hinaus, wenn die Bundesregierung jetzt die Eigenverantwortung stärkt und die private Vorsorge fördert. So lässt sich die Gesetzliche Pflegeversicherung stabilisieren und auf den demografischen Wandel vorbereiten.