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5 Fakten zur Risikoverteilung in der Pflegepflichtversicherung

© istock: MicroStockHub

 

09.07.2020

Im Zuge der Corona-Pandemie verschärft sich der finanzielle Druck auf die Soziale Pflegeversicherung, das Versorgungssystem der gesetzlich Krankenversicherten. Noch bevor Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im zweiten Halbjahr eine weitere Pflegereform in Angriff nehmen möchte, hat die Bundesregierung den gesetzlichen Pflegekassen einen Steuerzuschuss von 1,8 Milliarden Euro zugewiesen. Die Debatte um die zukünftige Pflegefinanzierung nimmt wieder Fahrt auf – und mit ihr die Forderung nach einem Ausgleich scheinbar ungleich verteilter Pflegerisiken in der Pflegepflichtversicherung.

Neben der Partei Die Linke fordert nun auch Deutschlands größte Krankenkasse eine Finanzreform. „Ein Finanzausgleich zwischen privater und sozialer Pflegeversicherung sollte das Pflegerisiko künftig gerechter verteilen“, schreibt die Techniker Krankenkasse in ihr Positionspapier. Die Begründung: Privatversicherte hätten im Vergleich ein geringeres Pflegerisiko. Doch die tatsächliche Versichertenstruktur zeichnet ein ganz anderes Bild. Warum ein sozialpolitisch fragwürdiger Risiko- und Leistungsausgleich in der Pflegepflichtversicherung kein „gutes Geschäft“ für die Soziale Pflegeversicherung wäre, belegen die folgenden fünf Fakten.

1.  Höheres Durchschnittsalter in der Privaten Pflegepflichtversicherung (PPV)

In der Pflegeversicherung hängen die Ausgaben unmittelbar vom Alter eines Versicherungskollektivs ab. Das Durchschnittsalter der privat Pflegeversicherten liegt heute mit 47,0 Jahren (2019) deutlich über dem Durchschnittsalter in der der Sozialen Pflegepflichtversicherung (SPV) mit 43,8 Jahren (2018).

2. Höhere Pflegegrade & höhere Leistungsausgaben je Pflegefall

Die Pflegeausgaben fallen überproportional in den höheren, schwereren Pflegegraden 4 und 5 an. Der Anteil der schwer Pflegebedürftigen in den Pflegegraden 4 und 5 ist sowohl ambulant als auch stationär in der PPV (2019: ambulant: 21,1 %; stationär: 49,5 %) deutlich größer als in der SPV mit 13,9 % beziehungsweise 43,8 % (2018). Hinzu kommt, dass die privatversicherten Pflegebedürftigen in den höheren Pflegegraden im Schnitt eine längere Pflegedauer aufweisen. Auch die Pflegeausgaben je Leistungsfall sind in der PPV höher und liegen mit 11.627 € (2019) deutlich über den Ausgaben der SPV von jährlich 10.365 € (2018) je Pflegefall.

3. Ein finanzieller Risikoausgleich birgt kein (nennenswertes) Beitragssenkungspotential

Betrachtet man die Pflegeausgaben nicht je Pflegefall sondern je Versicherten, weist die Soziale Pflegeversicherung eine schlechtere Risikostruktur auf. Zu einer nennenswerten Entlastung der SPV-Versicherten käme es im Falle eines Risikoausgleichs dennoch nicht: Bei rund zehn Prozent Privatversicherten in der Gesamtbevölkerung läge das kurzfristige Beitragssatzsenkungspotential bei nur 0,12 bis 0,14-Prozentpunkten. Bei einem Angestellten mit 36.000 € Jahreseinkommen würde das zu einer arbeitnehmerseitigen Ersparnis von gerade einmal 1,90 € monatlich führen.

4. Momentaufnahmen lassen eine Umkehr der zu erwartenden Finanzströme außer Acht.

In der Debatte um einen Risiko- und Leistungsausgleich macht eine Momentaufnahme keinen Sinn. Denn die Risikostruktur der Pflegeversicherung verschlechtert sich zusehendes zu Lasten der PPV.  Sie hat prozentual einen deutlich höheren Anteil von Versicherten der Baby-Boomer-Generationen, die nun zunehmend in die Lebensalter mit höherer Pflegefallwahrscheinlichkeit vorrücken. Versicherte der Jahrgänge 1952-1977 machen in der PPV einen Anteil von knapp 55 % am Gesamtbestand aus, während es in der SPV nur rund 45 % sind. Es ist deshalb davon auszugehen, dass die Zahl der Pflegebedürftigen in der PPV deutlich stärker wachsen wird als in der SPV. Das bedeutet, dass ein Risiko- und Leistungsausgleich zwischen SPV und PPV mittelfristig Finanzströme von der SPV in Richtung PPV auslösen würde.

5. Sozialpolitische Fragwürdigkeit 

Schließlich stellt sich hier auch eine sozialpolitische Frage: Warum sollten Privatversicherte einerseits eine kapitalgedeckten Vorsorge für sich selbst bilden und zusätzlich einen Ausgleichsbeitrag für die Versorgung der älteren Versicherten in der sozialen Pflegeversicherung ohne entsprechende Altersvorsorge leisten? Ebenso sozialpolitisch fragwürdig wäre es, durch einen Risiko- und Leistungsausgleich zwischen SPV und PPV allen PPV-Versicherten gleicher­maßen eine „pauschale“ Beitragsbelastung aufzubürden. Denn das Kollektiv der PPV-Versicherten ist heterogen. Im Ergebnis würden zum Teil auch einkommensschwache PPV-Versicherte einen Ausgleichsbeitrag zu Gunsten einkommensstarker SPV-Versicherten leisten müssen.

 

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