Eva Zink hat vor zwei Jahren eine Hausarztpraxis in einer mittelbadischen Kleinstadt übernommen.

15.02.2021 - Die schwarz-grüne Landesregierung in Baden-Württemberg hat erst kürzlich eine Landarztquote beschlossen, die bereits Studienanfänger zum späteren Einsatz in ländlichen Regionen verpflichtet. Die Allgemeinmedizinerin Eva Zink hat vor zwei Jahren die Hausarztpraxis ihres Vaters in einer mittelbadischen Kleinstadt übernommen. Wir haben sie gefragt, was sie an ihrem Beruf schätzt, vor welchen Herausforderungen sie im Alltag steht und was die Gründe sind, warum für viele junge Medizinerinnen und Mediziner die eigene Praxis keine Option mehr ist. 

Frau Zink, vor zwei Jahren haben Sie eine Landarztpraxis in Forbach übernommen, einer Kleinstadt in Mittelbaden. Sogar die Badischen Neuesten Nachrichten hatten damals darüber berichtet. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

Ich kenne die Arbeit von Hausärzten auf dem Land von klein auf. Ich habe die Arztpraxis meines Vaters übernommen, die er über 35 Jahre lang mit sehr viel Freude und Zufriedenheit geführt hat. „Der Hausarztberuf ist das Schönste, was es gibt“, hat mein Vater sehr oft gesagt, und das hat man auch gespürt. Das war für meine Entscheidung sicher ein Hauptgrund, weil ich gesehen habe, wie unheimlich gerne mein Vater gearbeitet hat – und immer noch arbeitet. Er ist jetzt über 70 und betreut weiterhin an zwei Tagen in der Woche seine Patienten.  

Ich hatte also schon zu Beginn meines Medizinstudiums an der Universität Rostock ein positives Bild von der Arbeit als Hausärztin mit eigener Praxis. Nach dem Studium habe ich dann einen Teil meiner Facharztausbildung zur Allgemeinmedizinerin in einer gemeinschaftlichen Hausarztpraxis in Eltmann absolviert, einer Kleinstadt bei Bamberg. Mit zehn Kolleginnen und Kollegen haben wir an drei Standorten die Hausarztversorgung in der ländlich geprägten Gegend sichergestellt – ein Einsatz, der mir sehr viel Spaß gemacht hat. Nach einer weiteren Zwischenstation in zwei Krankenhäusern habe ich mich zum Ende der Fachausbildung dann ganz bewusst dafür entschieden, die Landarztpraxis meines Vaters zu übernehmen. Gleichzeitig habe ich viel Respekt vor der Aufgabe, weil er nach 35 Jahren große Fußstapfen hinterlässt.

Es scheint, als hätten Sie Ihren Traumberuf gefunden.

Es ist sicher eine besondere Konstellation. Viele ältere Patientinnen und Patienten kennen mich seit meiner Kindheit. Für sie bin ich jetzt „Doktor Eva“. Beim Wiedersehen war dann schnell eine Vertrautheit da, die mir den Start und generell die Arbeit erleichtert haben. Aber „Landarzt“ kann nicht jeder. Ich bin Tag und Nacht für meine Patienten da. Vor Ort bin ich bei Gesundheitsfragen für sie die erste Ansprechpartnerin – auch an den freien Tagen. Dieses Wochenende habe ich zum Beispiel wieder drei Anrufe gehabt.

Was sind die besonderen Herausforderungen für die Praxis?

Das Einzugsgebiet meiner Praxis und in den Notdiensten ist mit 30 Kilometern schon sehr groß. Durch die ältere Bevölkerung gehören Hausbesuche zu meinem festen Wochenplan. Längere Anfahrtswege von 15 Kilometern je Strecke sind da keine Seltenheit. Kollegen aus den Städten sind immer ganz überrascht, wenn ich erzähle, wie viele Hausbesuche ich mache. Sie machen zum Teil überhaupt keine. Aber gerade viele ältere Patienten können nicht mehr in die Praxis kommen. Einige von ihnen wohnen mittlerweile in Pflegeheimen oder in Einrichtungen für betreutes Wohnen. Sie möchte ich auch im letzten Lebensabschnitt betreuen. Mittwochvormittag und Donnerstagmittag sind für Hausbesuche und Verwaltung reserviert – dazu kommen die Einsätze am Wochenende und die regelmäßigen Notdienste.

Es wird ja oft von einer Landflucht gesprochen. Die Jungen gehen, zurück bleiben die Alten. Spüren Sie etwas davon?

Tendenziell lässt sich auch in meiner Gegend ein Trend zum Leben in der Stadt feststellen. Viele Junge wollen für die Ausbildung und das Studium in die Großstadt – und nur ein Teil kommt später wieder zurück. Dafür müssen aber die Bedingungen stimmen. Natürlich können sich junge Familien in unserer ländlichen Gegend eher das Eigenheim leisten und den teuren Immobilienpreisen in städtischen Ballungszentren entfliehen. Nicht umsonst setzen Kommunen finanzielle Anreize, damit Ärzte eine Landarztpraxis übernehmen. Das hilft aber nichts, wenn die Ehepartner vor Ort keine Arbeit finden oder die Möglichkeiten für die Kinderbetreuung entfallen.

Eine Kollegin aus dem Nachbardorf hat für ihre Praxis vergeblich eine Nachfolge gesucht. Nach fünf Jahren Suche hat sie die Arztpraxis geschlossen. Für meinen Vater war meine Entscheidung deshalb eine große Erleichterung – auch weil er seine Patienten, die er Jahrzehnte betreut hat, weiterhin in guten Händen weiß. In unserer Gemeinde sind wir mit drei Arztpraxen und zwei Zahnarztpraxen derzeit noch gut aufgestellt. Dafür schließt jetzt die einzige Apotheke, weil der Inhaber kein Personal gefunden hat.

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Haben Sie ebenfalls Schwierigkeiten Personal zu finden?

Medizinische Fachangestellte sind nicht einfach zu finden. Nächstes Jahr geht eine Mitarbeiterin in den Ruhestand, da mache ich mir schon heute Gedanken über die Nachfolge. Zudem ist der Großteil der medizinischen Fachangestellten weiblich, und bei vielen gibt es den Wunsch nach einer Teilzeitstelle.

In der Medizin ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf generell ein großes Thema: Von meinen Studienfreunden bin ich die einzige mit einer eigenen Praxis. Es gibt zwar noch ein paar Kommilitoninnen, die in Arztpraxen arbeiten, aber alle in einem Angestelltenverhältnis und zumeist in Teilzeit. Die Mehrheit der Kommilitonen arbeitet in Krankenhäusern. Eine eigene Praxis ist in der Regel mit vielen Investitionen verbunden. Viele wollen zudem das unternehmerische Risiko einer Niederlassung nicht tragen.

Wie genau sieht das unternehmerische Risiko aus?

Neben den Investitionen zu Beginn der Niederlassung fürchten viele junge Ärztinnen und Ärzte teure Regressforderungen der gesetzlichen Krankenkassen. Wenn ich die vorgegebenen Budgets für die Verordnungsmengen von Heilmittelbehandlungen oder neuen innovativen Arzneimitteln überschreite, hafte ich mit meinem Privatvermögen. Das schränkt meine Therapiefreiheit schon ziemlich ein. Generell sind Hausärzte in ländlichen Regionen mit besonders vielen alten Patienten im Nachteil. Wer überdurchschnittlich verschreibt, kann nach eingehender Prüfung sogar zur Kasse gebeten werden.

Die Landesregierung Baden-Württemberg will dem Ärztemangel auf dem Land mit einer Landarztquote bei der Vergabe der Studienplätze begegnen. Wie könnte man das Landleben grundsätzlich attraktiver für die junge Ärztegeneration gestalten?

Die Familie muss gut versorgt sein, das steht bei den allermeisten an der obersten Stelle. Das betrifft die Kinderbetreuung in den Kindergärten und den Schulen. Außerdem müssen die Ehepartner eine berufliche Perspektive haben. So lange die Regressangst aber ein Hauptfaktor ist, sich nicht für die Niederlassung zu entscheiden, wird auch eine Erhöhung der Landarztquote durch Verbesserung der Umfeldstrukturen wenig Erfolg haben.

Wenn Sie sich noch einmal entscheiden könnten, würden Sie wieder eine Praxis auf dem Land übernehmen?   

Auf jeden Fall. Ich habe die Entscheidung für die Landarztpraxis bis heute nicht bereut. Ich erfahre in meinem beruflichen Alltag sehr viel Dankbarkeit. Wenn mich Patienten herzlich begrüßen und mir sagen, wie froh sie sind, dass ich für sie da bin. Es gibt so viele schöne Momente: zum Beispiel die Tour am Samstag über die kleinen Dörfer – alles Hausbesuche bei Patientinnen über 90. Da nimmt man auch schon mal mehr Zeit mit, trinkt mal einen Kaffee oder isst ein Stück Kuchen. Wir Hausärzte begleiten unsere Patienten manchmal einen großen Teil ihres Lebens, von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter und später dann deren eigene Kinder. Für mehrere Generationen einer Familie sind wir die Ansprechpartner, wenn es um die Gesundheit geht. Da trägt man eine besondere Verantwortung, und das bereichert ungemein.