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Gastbeitrag

Prof. Dr. Axel Ekkernkamp ist Ärztlicher Direktor und Ge­schäftsführer des Unfallkrankenhauses Berlin

 

19.07.2017

Für Ärzte zählt allein die medizinische Notwendigkeit

Die Behauptung, in Deutschland gebe es eine Zweiklassenmedizin, ist grundfalsch. Im Gegenteil: Alle Menschen werden hierzulande sehr gutversorgt. Es ist schade, dass dieses sehr gute System immer wieder in Misskredit gebracht wird. Von Prof. Dr. Axel Ekkernkamp

Das deutsche Gesundheitssystem zeichnet sich durch ein Zusammenspiel unterschiedlicher Angebote und Finanzierungstöpfe aus. Genau das macht seine Qualität aus. Im Ergebnis zeigt sich, dass unser System eines der besten der Welt ist: Alle Menschen sind versichert, wir machen keine Ausschlusskriterien, wir haben geringe Wartezeiten und wir liefern eine hohe Qualität. Und wo es Schwächen gibt, justieren wir im System immer wieder nach.

Die immer wieder gehörte Behauptung, in Deutschland gebe es eine Zweiklassenmedizin, ist dagegen grundfalsch. In allen Sektoren haben wir für alle eine sehr, sehr gute Medizin. Als Ärztlicher Direktor eines auf Notfälle spezialisierten Krankenhauses weiß ich, worauf Ärzte bei Notfällen achten. Da laufen festgelegte Verfahren ab, bei denen allein auf die medizinische Notwendigkeit geschaut wird. Niemand fragt da nach dem Versicherungsstatus. Erst später kann es Unterschiede geben – aber eben nicht bei der medizinischen Versorgung, sondern bei der Pflege im Komfortbereich.

Von den 2.000 Krankenhäusern profitieren sehr viele von den Privatversicherten. Ohne sie könnten die laufenden Kosten – das sind vor allem Personalkosten – nicht gedeckt werden. Und wenn die Personaldecke zu dünn wird, wenn die Beschäftigten hetzen, wenn die Patienten das Gefühl haben, dass sich die Krankenschwestern und die Physiotherapeuten und die Ärzte keine Zeit für sie nehmen, dann geht das auch zu Lasten der Qualität. Also: Ein Krankenhaus muss schon wegen der laufenden Kosten auskömmlich finanziert sein. Die Private Krankenversicherung leistet dazu einen erheblichen Beitrag.

Gleichzeitig hält die Existenz der Privaten Krankenversicherung den Druck auf das gesetzliche System hoch, die Leistung nicht einzuschränken. In einem Einheitssystem würde man immer sagen, „das sind die Angebote, die alle Kassen machen, und mehr gibt es nicht.“ Deswegen würde der Leistungsumfang in einem rein staatlichen System entweder eingefroren werden oder sogar abschmelzen.

Zudem habe ich den Eindruck, dass in der Diskussion über eine sogenannte Bürgerversicherung die Menschen nicht richtig ernst genommen werden. Denn die große Mehrheit wünscht sich doch in allen Lebensbereichen Wahlfreiheit und individuelle Angebote. Heutzutage würde doch niemand auf die Idee kommen, sämtliche Groß- und Einzelhandelsgeschäfte wieder in „Konsum“-Läden umzuwandeln. Das Einkaufsverhalten der Menschen wird doch durch vielfältige Angebote gesteuert. Und so muss es im Versicherungswesen auch sein.

Mit einer Bürgerversicherung würde am Ende ein wichtiger Player aus dem System genommen – und bedauerlicherweise einer der besseren. Vielleicht sogar der beste. Das macht man nicht. Nirgendwo nimmt man die besten Angebote aus dem System, wenn man weiß, dass einer vom anderen lernen kann.

Deswegen finde ich es schade, dass dieses sehr gute System immer wieder in Misskredit gebracht wird. Das könnte letztlich einen Vertrauensverlust nach sich ziehen, der vollkommen unberechtigt wäre. Ich wäre den Politikern, gerade den sehr intelligenten Professoren in der Politik, dankbar, wenn sie sehr sensibel mit solchen Diskussionen umgehen würden.