• Vorlesen
  • A A A

„Dann können Sie Arm und Reich am Gesundheitsstatus unterscheiden“

Präsident der Bundesärztekammer (BÄK)

Frank Ulrich Montgomery ist Präsident der Bundesärztekammer (BÄK)

 

13.06.2017

Frank Ulrich Montgomery ist Präsident der Bundesärztekammer (BÄK). Im Interview mit PKV publik spricht er über die Vorteile des Wettbewerbs zwischen Privater und Gesetzlicher Krankenversicherung, über die hohe Qualität des deutschen Gesundheitssystems und seine Ablehnung einer einheitlichen Gebührenordnung.


Herr Montgomery, in Ihrer Rede auf dem Deutschen Ärztetag Ende Mai haben Sie sich deutlich gegen ein einheitliches Krankenversicherungssystem ausgesprochen. Warum?

Montgomery: Wenn wir ein einheitliches Krankenversicherungssystem bekämen, wäre die gesamte Gestaltungsmacht im deutschen Gesundheitswesen bei den gesetzlichen Krankenkassen und der Politik, die direkt dahinter steht. Die medizinische Versorgung würde sich verschlechtern, wir würden Wartelisten und längere Wartezeiten für die Patienten bekommen. Die Innovation im deutschen Gesundheitssystem würde vollkommen brachliegen. Und ich glaube, wir würden mittel- bis langfristig eine deutliche Verschlechterung der Versorgung der Bevölkerung haben.

Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

Montgomery: Diese Entwicklungen können wir in allen Systemen mit einer Einheitsversicherung beobachten. Schauen Sie sich mal die Lage in unseren Nachbarländern an. Dann wissen Sie, was uns blüht, wenn wir das Nebeneinander von Gesetzlicher und Privater Krankenversicherung abschaffen würden. Wer einer sogenannten Bürgerversicherung das Wort redet, soll sich die Situation dort mal ansehen, wo es lange Wartezeiten und Wartelisten gibt und wo viele teure Eingriffe rationiert sind. Der soll mal nach England, Schweden oder Norwegen gehen – und dann bin ich sicher, wird er sich für unser System entscheiden, weil es einfach das Beste ist.

Woran machen Sie das konkret fest?

Montgomery: Schauen Sie sich um: Deutschland ist hervorragend aufgestellt. Unser Gesundheitssystem bietet allen Patienten unabhängig von ihrem sozialen Status ein hohes Versorgungsniveau. Wir haben keine Zwei-Klassen- Medizin, wir haben kaum Wartezeiten, wir haben freie Arztwahl, wir haben eine freie Krankenhauswahl. Um nur einige Beispiele zu nennen.

 

Befürworter einer Bürgerversicherung behaupten dennoch, das bestehende System sei ungerecht...

Montgomery: Da ist auch viel Wahlkampfgetöse mit dabei. Diese Behauptungen stimmen aber nicht. Unser Gesundheitssystem ist nicht ungerecht, es ist eines der gerechtesten auf der Welt. Wer in Deutschland eine Zwei-Klassen- Medizin befürchtet, dem muss klar sein, dass mit der Einführung einer Bürgerversicherung die Zwei-Klassen-Medizin erst richtig losgeht.

In einem Einheitssystem würde sich ein zweiter Gesundheitsmarkt neben der Bürgerversicherung entwickeln: Wer es sich leisten kann, wird sich einen zusätzlichen Versicherungsschutz oder zusätzliche Leistungen direkt kaufen. Und dann können Sie Arm und Reich am Gesundheitsstatus unterscheiden. Und deswegen ist die Bürgerversicherung der Raub eines guten Begriffs für eine schlechte Sache. Wir müssen den Leuten immer wieder sagen: Die Bürgerversicherung ist nicht das, was sie heißt. Die Bürgerversicherung ist eine Einheitsversicherung und nichts anderes als ein rein ideologisch motivierter Feldversuch mit völlig ungewissem Ausgang für die Bevölkerung.

Kritiker des heutigen Systems verweisen unter anderem auf unterschiedliche Wartezeiten beim Arzt...

Montgomery: Natürlich hören wir immer wieder die Behauptung, dass sich aus geringen Unterschieden bei den Wartezeiten und dem Komfort eine Zwei- Klassen-Medizin ergibt. Wer das so definiert, der weiß aber nicht, was wir für Qualitätsanstrengungen in unserem Gesundheitswesen unternehmen. Bei der Qualität der Leistungen sind beide Systeme identisch. Wir Ärzte sind stolz darauf, dass die medizinische Versorgung der gesetzlich Versicherten und der privat Versicherten die gleiche ist. Aber beim Komfort, dem Drumherum oder auch mal der Terminvergabe kann es durchaus Unterschiede geben. Die Menschen wollen Wahlmöglichkeiten haben. Geben wir sie ihnen.

Es gibt auch Vorschläge, die Gebührenordnungen, die ja für gesetzlich und privat Versicherte unterschiedlich sind, zu vereinheitlichen.Was halten Sie davon?

Montgomery: Ich glaube, wir brauchen unterschiedliche Gebührenordnungen. Die Leistungen in Gesetzlicher und Privater Krankenversicherung sind ja auch anders kalkuliert und zusammengesetzt. Die Vorschläge für eine einheitliche Gebührenordnung sind der Versuch, die Bürgerversicherung durch die Hintertür einzuführen. Auf Berlinerisch würde man sagen: „Nachtigall, ick hör dir trapsen“.

Welche Konsequenzen hätte denn eine solche einheitliche Gebührenordnung?

Montgomery: In vielen niedergelassenen Praxen zahlen die Privatpatienten mehr als die gesetzlich Versicherten. Sie tragen deswegen mehr zur Wertschöpfung dort bei. Wenn das wegbricht, würde es entweder zu einem starken Steigen der Prämien in der Gesetzlichen Krankenversicherung führen. Oder es gäbe erhebliche Einbrüche bei den Einkünften von Ärzten, aber auch von ambulanten Pflegediensten, Krankenschwestern, Gehältern von Mitarbeitern von Praxen. Letztlich würde es sogar zu Krankenhausschließungen führen. Ich kann nur davor warnen: Man macht das ganze System kaputt. Lassen wir es so wie es ist.

Was würden Sie denn einem Patienten sagen, der die Abschaffung der Dualität für eine gute Sache hält?

Montgomery: Man muss den Menschen immer wieder verdeutlichen, dass der Wettbewerb mit der Privaten Krankenversicherung zu einer Qualitätsverbesserung auch in der Gesetzlichen Krankenversicherung führt. Wer jung und gesund ist, dem mag unser Krankenversicherungssystem egal sein. Das böse Erwachen kommt aber, wenn man mal eine innovative Leistung benötigt, die es in einem Einheitssystem dann vielleicht nicht mehr gibt. Allen sollte klar sein: Monopolsysteme mit einer Einheitsversicherung sind schädlich. Wir brauchen mehrere Versicherungssysteme. Die Dualität zwischen Gesetzlicher und Privater Krankenversicherung ist gut.


www.bundesaerztekammer.de