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Dagegen gibt es in Staaten mit Einheitssystemen, wie sie manche Parteien hierzulande als vermeintlich gerechtere „Bürgerversicherung“ propagieren, teilweise enorme Versorgungsunterschiede zwischen Arm und Reich: Diejenigen, die es sich leisten können, kaufen sich Leistungen, die das öffentliche Gesundheitssystem nicht bietet, privat dazu.

Die privat generierten Einnahmen fließen im Gegensatz zum dualen System in Deutschland aber nicht in das für alle Patienten offen stehende Versorgungssystem, sondern verbleiben ausschließlich in Privatpraxen und Privatkliniken.

Dabei ist die Ausgangslage zunächst überall gleich: Grundlegendes Ziel aller von der WIP-Studie erfassten Staaten in Europa ist es, ihren Bürgern einen angemessenen Zugang zur Gesundheitsversorgung zu ermöglichen. In allen Ländern besteht Konsens darüber, dass diese Versorgung möglichst unabhängig von den persönlichen Finanzen jedes Einzelnen stattfinden soll.

Daher stellt jeder Staat zumindest eine Basisabsicherung sicher, die sich entweder über Steuern wie in Großbritannien, Spanien oder den skandinavischen Ländern finanziert – oder über Versicherungsbeiträge wie in Deutschland, Frankreich und den Benelux-Staaten.

Dass in jedem untersuchten Land eine Absicherung des Krankheitskostenrisikos existiert, sagt allerdings wenig über die tatsächliche Versorgung der Bevölkerung aus. „Durch Zuzahlungen, Leistungsausschlüsse, Kapazitätsbegrenzungen und damit verbundene Wartezeiten kann sich der Zugang zum Gesundheitssystem im Ländervergleich stark unterscheiden“, analysiert das WIP.

Begrenzter Leistungsumfang

Die sichtbarste Zugangshürde im Gesundheitswesen ist der konkrete Ausschluss von medizinischen Leistungen. Wie die WIP-Studie belegt, besitzt das deutsche duale Krankenversicherungssystem im internationalen Vergleich einen der umfangreichsten Leistungskataloge – sei es im Krankheitsfall oder bei Schwanger- und Mutterschaft.

Das lässt sich laut WIP dadurch erklären, dass die Existenz der PKV als wettbewerbliches Korrektiv wirkt: Qualitätsabstriche oder Leistungskürzungen würden die Wettbewerbsposition der GKV gegenüber der PKV schwächen. Sie werden daher möglichst vermieden.

In anderen europäischen Staaten mit einheitlichen Gesundheitssystemen dagegen bietet das öffentliche Gesundheitswesen oft deutlich weniger Leistungen als in Deutschland. Der Rest muss bei Bedarf privat finanziert werden – beispielsweise die Physiotherapie für Erwachsene in den Niederlanden oder die gesamte Zahnmedizin in der Schweiz.

Vor allem in steuerfinanzierten Systemen sind Patienten kaum vor Rationierung geschützt. Die Kassenlage entscheidet hier im Prinzip häufig über die gewährten Leistungen.

So liegt die Verantwortung für die gesundheitliche Versorgung in Schweden bei den Provinzlandtagen und Kommunen, und auch in Großbritannien entscheidet die lokale Verwaltung im Einzelfall, welche Kosten übernommen werden. Damit bestimmt letztlich eine lokale Behörde, ob und wie schnell ein Patient zum Beispiel eine künstliche Hüfte bekommt.

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