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PKV publik 10.2016

Katharina Jünger, Vorsitzende der TeleClinic

Katharina Jünger ist Vorsitzende der TeleClinic, die u. a. die Online Videosprechstunde in Deutschland anbietet.

 

09.12.2016

GASTBEITRAG

Telemedizin: Deutschland im internationalen Vergleich

Die Telemedizin gewinnt in vielen Ländern immer mehr an Bedeutung. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschäftigt sich seit langem mit dem Thema und untersucht im Rahmen der Global Observatory, inwieweit Telemedizin in den einzelnen Staaten angewendet wird. Von Katharina Jünger


Während die WHO-Untersuchung detailliert Auskunft über den telemedizinischen Status in Ländern wie Polen, Mexiko, Schweden, Italien, Großbritannien, der Schweiz oder Österreich gibt, taucht Deutschland nicht auf. Ein Blick in die Studie und die einzelnen Länder verrät jedoch, dass Deutschland in puncto Telemedizin häufig hinterherhinkt.

Während hierzulande der Gesetzgeber erst Anfang 2016 den Grundstein dafür legte, telemedizinische Anwendungen in die Regelversorgung aufzunehmen und derzeit an den rechtlichen Rahmenbedingungen gearbeitet wird, wird die Telemedizin in anderen Ländern bereits seit Jahrzehnten erfolgreich eingesetzt. Im europäischen Vergleich zeigen sich Großbritannien, Skandinavien oder die Schweiz im Bereich Telemedizin besonders weit fortgeschritten.

So können beispielsweise britische Ärzte bei ungefähr 35 Krankheitsbildern Patienten nicht nur per Online-Videosprechstunde beraten, sondern auch konkrete Therapieempfehlungen geben und Rezepte ausstellen. Zwar soll in Deutschland ab Juni 2017 die Videosprechstunde in die Regelversorgung aufgenommen werden. Die entsprechende Vereinbarung sieht allerdings vor, dass die Online Videosprechstunde nur im Rahmen einer bereits bestehenden Behandlung ergänzend erfolgen soll. Damit bleibt im Bereich der gesetzlichen Regelversorgung das Potenzial der virtuellen Arztsprechstunde ungenutzt, nämlich Kosten signifikant zu senken und Versicherten die Wahlmöglichkeit zwischen physischem und virtuellem Arztbesuch zu bieten.

Letzterer ist nicht nur kostengünstiger, da im Rahmen der Online-Videosprechstunde z.B. keine unnötigen ärztlichen Untersuchungen vorgenommen werden können, sondern auch bequemer und zeitgemäßer. Zudem wird der Versicherte im Rahmen der Videosprechstunde direkt an die richtigen Fachärzte weitergeleitet. Auch das spart Geld. Ein Blick in die Schweiz verrät: 30 Prozent der Patienten, die sich im Erstkontakt telefonisch oder via Videosprechstunde an einen Arzt wenden, benötigen keinen weiteren physischen Arztbesuch mehr. In der Schweiz ist es nicht nur gang und gäbe, sich virtuell an einen Arzt zu wenden. Versicherer schaffen dort sogar explizit Anreize für den virtuellen Arztbesuch. Ein Modell, das sich auszahlt. Nicht umsonst mahnt die Unternehmensberatung Roland Berger in der aktuellen (September 2016) Studie „Digital and disrupted: All change for healthcare“, dass sich traditionelle Marktteilnehmer der Digitalisierung kulturell und strukturell öffnen sollten.

Der Erfolg der Videosprechstunde in England und der Schweiz zeigt, dass die Versorgungsqualität durch die Videosprechstunde verbessert wird. Qualitätseinbußen sind nicht zu befürchten, denn jeder Arzt kann individuell entscheiden, ob er genügend Informationen für eine Diagnose oder Therapie hat. In Deutschland könnten besonders die privaten Krankenversicherungsunternehmen, die wesentlich weniger eng reguliert sind als die gesetzlichen Krankenkassen, eine entscheidende Vorreiterrolle in der Innovation im Gesundheitswesen spielen.


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