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PKV publik 10.2016

Dr. Timm Genett

Dr. Timm Genett

 

09.12.2016

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Die großen Herausforderungen, die der Pflegeversicherung in den nächsten Jahrzehnten bevorstehen, erläuterte Timm Genett, Geschäftsführer Politik im PKVVerband. So werde die Alterung der Bevölkerung insbesondere die gesetzliche Pflegeversicherung mit ihrem System der Umlagefinanzierung vor große Probleme stellen. Denn laut Statistischem Bundesamt sei die Gruppe der über 67-Jährigen das einzige Alterssegment, das in den kommenden Jahren bis 2060 wachsen werde – mit einem Anstieg um sieben Millionen Menschen auf dann 22 Millionen.

In den Altersgruppen der Erwerbsfähigen zwischen 20 bis 67 Jahren stehe dagegen ein besonders dramatischer Rückgang um 15 Millionen Menschen bevor (von heute 51 Millionen auf 36 Millionen im Jahr 2060). „In der Konsequenz erodiert die Einnahmebasis der umlagefinanzierten Sicherungssysteme, und damit auch der Sozialen Pflegeversicherung“, erklärte Genett. Mit fast einem Drittel weniger Erwerbsfähigen gehe ihr auch fast ein Drittel ihrer wesentlichen Finanzierungsbasis – die beitragspflichtigen Einkommen – verloren.

Zugleich würden die Ausgaben der Pflegeversicherung wachsen: Pflegebedürftigkeit hänge vor allem vom Alter ab. Im Jahr 2050 werde es zwei Drittel mehr Pflegebedürftige geben als heute. „Um die Versorgung auf heutigem Niveau sicherzustellen, brauchen wir damit entsprechend mehr Pflegekräfte und Heimplätze“, so Genett.

Die umlagefinanzierte Soziale Pflegeversicherung werde angesichts dieser Herausforderungen keine Wunder vollbringen können. Hinzu komme, dass sie von Anfang an als eine Art Teilkasko-Versicherung konzipiert worden und nie dazu gedacht gewesen sei, sämtliche Kosten im Pflegefall komplett abzudecken. Es wäre daher individuell wie auch pflegepolitisch fahrlässig, allein auf die Pflegepflichtversicherung zu setzen. Die Förderung der privaten Pflegevorsorge seit 2013 setze daher einen richtigen Anreiz. Genetts Fazit: „Ohne private Vorsorge – ob über Pflegezusatzversicherungen oder andere Instrumente der Altersvorsorge – wird Pflege auch in Zukunft nicht finanzierbar sein.“

„Die Frage, wie gut die Qualität unserer Pflege ist, ist ein Dauerbrenner.“

Die zukünftigen Möglichkeiten digitaler Lösungen in der Pflege zeigte Ralf Suhr, der Vorsitzende der Stiftung „Zentrum für Qualität in der Pflege“ (ZQP), auf. So spreche aus wissenschaftlicher Sicht sehr viel für einen stärkeren Einsatz von Informationstechnologie (IT) im Pflegebereich. Zwar werde schon sehr viel IT in der Verwaltung angewendet, „der Gebrauch von IT für den Dienst am Menschen steckt aber noch in den Kinderschuhen“, sagte Suhr.

Dr. Ralf Suhr

So gebe es etwa positive Ergebnisse bei der Nutzung von Tablet-Computern mit demenziell erkrankten Menschen, zum Beispiel Quizspiele oder Buchstabenrätsel. Im Auftrag des ZQP fanden Forscher der Berliner „Charité“ Hinweise darauf, dass die eingesetzten spielerischen Programme Demenzkranken helfen könnten, ihr Gedächtnis zu trainieren, miteinander zu kommunizieren und dadurch am Alltag im Wohnheim besser teilhaben zu können. Auch typische Verhaltensauffälligkeiten von Demenzkranken, wie innere Unruhe oder Apathie, konnten bei den Teilnehmern der Studie verringert werden. Als weiteres Beispiel nannte Suhr die Möglichkeit eines digitalen Abgleichs von Fotos offener Hautstellen. Dies könne dazu beitragen, die Wundversorgung in Pflegeheimen deutlich zu verbessern.

Die Vorsitzende der Deutschen AIDS-Stiftung, Prof. Elisabeth Pott, sprach die sehr speziellen Aspekte der Versorgung von HIV-positiven Pflegebedürftigen an. Durch die immer besser werdende medizinische Versorgung von HIV-Patienten erreichten diese zunehmend ein immer höheres Alter, was wiederum den Eintritt einer Pflegebedürftigkeit immer wahrscheinlicher mache. Hier gehe es vor allem darum, die teilweise besonderen Bedürfnisse dieser Gruppe in der Ausbildung von Pflegekräften zu verankern und Vorurteile abzubauen – sowohl beim Pflegepersonal als auch bei möglichen Mitbewohnern in Pflegeeinrichtungen.

Prof. Dr. Elisabeth Pott

Ganz unabhängig von den Mehrleistungen infolge der Pflegereformen und dem permanenten Bestreben, die Versorgung weiter zu verbessern, ist es natürlich das Beste, wenn Pflegebedürftigkeit gar nicht erst entsteht. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat daher das Präventions-Programm „Älter werden in Balance“ entwickelt, das vom Verband der Privaten Krankenversicherung finanziert wird. Ziel ist es, Selbstbestimmung, Mobilität und Lebensqualität älterer Menschen gezielt zu fördern, um Pflegebedürftigkeit vorzubeugen.

Professor Ingo Froböse, Leiter des Instituts für Rehabilitation der Deutschen Sporthochschule in Köln und Botschafter des Projekts, stellte zwei wesentliche Bausteine des Programms vor: So richte sich das „Lübecker Modell Bewegungswelten“ an Heimbewohner und andere Pflegebedürftige. Da die Ergebnisse der Evaluierung durchweg positiv seien, werde eine bundesweite Einführung geplant. An die noch rüstigen Über-60-Jährigen richte sich das „ Alltagstrainingsprogramm“ (ATP), das ein alltagstaugliches Training von Ausdauer, Gleichgewicht, Kraft und Beweglichkeit bietet. In jedem Fall könne man durch mehr Bewegung dazu beitragen, der eigenen Pflegebedürftigkeit entgegen zu wirken. Grundsätzlich gelte bei beiden Elementen, dass jeder auch in höherem Alter und selbst bei bereits eingeschränkter Beweglichkeit damit beginnen und spürbare Erfolge erzielen kann.


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