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PKV publik 7.2016

09.09.2016

„Unsere Stiftung hatte von Beginn an die Aufklärung der Bevölkerung zum Ziel.“

Die Deutsche AIDS-Stiftung kann bald ihr 30-jähriges Bestehen feiern. Der PKV-Verband gehörte zu den ersten Institutionen, die sich in Deutschland für die Gründung der Stiftung engagierten. Der damalige Direktor des Verbandes, Dr. Christoph Uleer, der später viele Jahre als ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender die Deutsche AIDS-Stiftung leitete, erinnert sich an die Anfänge.


Als das Thema AIDS in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts in die Schlagzeilen kam, herrschte verbreitet Hysterie gegenüber dieser „Todesseuche“. Die Krankheit selbst betraf eine Minderheit, die zudem gesellschaftlich oft ausgegrenzt wurde. Das Thema war also anfangs eher anrüchig, wurde von vielen in Politik und Gesellschaft nur mit spitzen Fingern angefasst. Wie kam es, dass der PKV-Verband damals so beherzt zugegriffen und an der Gründung der Stiftung mitgewirkt hat?

Uleer: Damals kamen verschiedene Handlungsstränge und auch persönliche Konstellationen zusammen. Die damalige Bundesgesundheitsministerin Prof. Rita Süssmuth hatte sich des Themas intensiv angenommen – und zu ihr hatten wir als Krankenversicherungsverband natürlich regelmäßige Kontakte. Sie hatte die Sorge, dass es zu einer Diskriminierung homosexueller Männer kommen könnte. Denn damals betraf die Krankheit vor allem die schwulen Männer. Die zweite große Gruppe von Betroffenen waren Patienten, die von infizierten Bluttransfusionen angesteckt wurden.

Dr. Christoph Uleer und Prof. Dr. Rita Süssmuth
Uleer war von 2001 bis 2014 Vorstandsvorsitzender der Deutschen AIDS-Stiftung. Bis 2002 war er über 31 Jahre lang Direktor des PKV-Verbandes.

Woher kam damals der erste Impuls zur Gründung einer AIDS-Stiftung?

Uleer: Die Initiative ging von Rainer Jarchow aus, einem ganz tollen Menschen. Er war evangelischer Pfarrer und hatte eine Erbschaft gemacht, mit der er die Stiftung gegründet hat. Ihm als offen auftretendem Schwulen war es wichtig, in den Kreisen der damals von HIV und AIDS ganz besonders betroffenen Homosexuellen das Verantwortungsbewusstsein wachzurütteln. Das war eine Welt, der die Private Krankenversicherung damals noch nicht so nahe stand. Da hat sich sehr viel verändert. So haben die vielen Bemühungen, diese Seuche in Deutschland aufzuhalten, erfreulicherweise auch dazu geführt, dass man sich gesellschaftlich viel näher gekommen ist.

Herr Jarchow wurde unterstützt vom damaligen NRW-Sozialminister Hermann Heinemann. Jarchow hat aus seinem Familienvermögen eine Million D-Mark gestiftet und Heinemann hat für das Land NRW eine weitere Million mobilisiert. So entstand die „Deutsche AIDS-Stiftung – Positiv leben“. Dass Herr Heinemann sich so stark für die Stiftung engagierte, hat wiederum auf Seiten des PKV-Verbandes Sympathien geweckt. Herr Heinemann stammte aus Dortmund, ebenso wie unser damaliger PKV-Verbandsvorsitzender, Heinrich Frommknecht, und dessen Stellvertreter Dr. Heinz Bach. Ich erinnere mich an ein Gespräch im Landessozialministerium, bei dem ich mit Erstaunen erlebte, dass sich unsere beiden Vorstände mit dem SPD-Minister von vornherein geduzt haben.

Aha, die Ruhrpott-Connection aus dem Dortmunder Fußballstadion…

Uleer: (lacht) Ja, die Vermutung liegt nahe. Nun stand die Stiftung von Herrn Jarchow in der ersten Zeit allerdings in dem Ruf, dass sie sich einseitig nur der Zielgruppe der homosexuellen Männer zuwendete. Ministerin Süssmuth fand diesen Ansatz zu eng, sie wollte den umfassenden Blick auf alle Bevölkerungsgruppen stärken. Und offenbar ist es ihr gelungen, auch Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl davon zu überzeugen. Der Kanzler hat dann im März 1987 auf dem Deutschen Krankenhaustag in Düsseldorf erstmals öffentlich die Gründung einer nationalen AIDS-Stiftung angeregt. In dieser Phase wurden wir als PKV-Verband vom damaligen Gesundheits-Staatsekretär Werner Chory namens seiner Ministerin gefragt, ob wir uns an einer entsprechenden Stiftung beteiligen würden.

Also kam es zunächst zur Gründung einer zweiten Stiftung?

Uleer: Richtig. Sie wurde im Dezember 1987 gegründet und hieß auf Vorschlag des Bundesgesundheitsministeriums „Nationale AIDS-Stiftung“. Die Gründer waren der Verband der Privaten Krankenversicherung mit einer Million D-Mark Stiftungskapital sowie das Deutsche Rote Kreuz mit 100.000 D-Mark und die Daimler Benz AG mit 200.000 D-Mark.

Unsere Stiftung hatte nicht in erster Linie die Zielgruppe der homosexuellen Männer im Auge, sondern die Aufklärung der breiten Bevölkerung. Aber im Grunde waren beide Stiftungen von Anfang an im gleichen Geiste tätig. Sie bildeten schon sehr früh auch eine Arbeitsgemeinschaft. 1997 kam es schließlich zur Fusion unter dem Namen „Deutsche AIDS-Stiftung“. Und seitdem sitzen wir in einem Boot.

Sie haben den Vorsitz der AIDS-Stiftung an Frau Prof. Elisabeth Pott übergeben, wirken aber weiter im Vorstand mit – inzwischen seit mehr als 15 Jahren. Wie bedeutend ist die Unterstützung der PKV heute für die Arbeit der Stiftung?

Uleer: Ich bin sehr froh, dass es uns gelungen ist, Frau Prof. Pott für dieses Ehrenamt zu gewinnen. Kaum jemand in Deutschland kennt sich auf diesem Gebiet so gut aus und ist so gut vernetzt wie sie – und ihr Engagement ist wunderbar. Seit vielen Jahren ist die PKV eine der wichtigsten und verlässlichsten finanziellen Stützen für die Stiftung. Und die PKV hat uns in einer kritischen Phase sehr geholfen, als vor etwa zehn Jahren die anfänglichen Fernseh-Galas mit ihren Spendenaufrufen eingestellt wurden. Dadurch sind damals plötzlich große Teil der Spendeneinnahmen der Stiftung weggebrochen. Da ist die PKV in die Bresche gesprungen und hat die Aufgabe eines ständigen Sponsors übernommen. Das gibt unserer Arbeit eine wichtige finanzielle Substanz.

Heute unterstützt der PKV-Verband die Stiftung jedes Jahr mit 300.000 Euro. Das sind etwa zehn Prozent unseres Etats. Und auf die können wir uns verlassen. Andere große Teile unserer Einnahmen sind Erbschaften, da gibt es naturgemäß sehr starke Schwankungen. In diesem Jahr werden wir erfreulicherweise über 3 Millionen Euro liegen, aber es gibt auch Jahre fast ohne Erbschaften. Kontinuierliche Einnahmen haben wir dank der Privaten Krankenversicherung und aus unseren Spenden-Galas. Und dass der PKV-Verband mit seinen bekannten Mitgliedsunternehmen wiederum zu den Unterstützern dieser Operngalas zählt, hat es für uns erleichtert, auch andere große Sponsoren aus der deutschen Wirtschaft anzusprechen. Dass wir zum Beispiel AUDI seit zwei Jahren als großen Unterstützer unsere Berliner Operngala gewinnen konnten, hat gewiss auch damit zu tun.

Die Operngalas der Stiftung bringen immer sehr große öffentliche Resonanz für das Thema AIDS, ist die möglicherweise sogar noch wichtiger als das Spendenaufkommen?

Uleer: Die Resonanz auf die Galas ist wirklich enorm. Gerade in einer Zeit, in der AIDS nicht mehr so oft in den Schlagzeilen steht, ist das ein ganz wichtiges Transportmittel, um das Bewusstsein zu verbreiten, dass man sich hier weiterhin engagieren muss. Die vielen – auch prominenten – Gäste der Galas zeigen mit ihrer Teilnahme auch ganz persönlich ihre Solidarität mit den HIV-Infizierten und AIDS-Kranken und gegen die Diskriminierung der Betroffenen.

Für die Stiftung ist natürlich auch das damit verbundene Spendenaufkommen sehr wichtig, aber für die Gesellschaft insgesamt ist die öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema HIV/AIDS mit Blick auf die Prävention von ganz großer Bedeutung. Da hat die Private Krankenversicherung mit ihrem Mitteleinsatz einen sehr großen Effekt erreicht, weil in Deutschland die Prävention exzellent entwickelt worden ist.