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PKV publik 7.2016

älterer Herr mit blauem Pullover und karriertem Schal lächelt
 

09.09.2016

So funktioniert die Pflegereform

Ab dem nächsten Jahr erhalten Pflegebedürftige und ihre Angehörigen mehr Leistungen

Ab dem kommenden Jahr werden die bisherigen Pflegestufen durch fünf neue Pflegegrade ersetzt. Dabei wird niemand, der schon Pflegeversicherungsleistungen erhält, schlechter gestellt als vorher – und die Versicherten müssen selbst nichts tun.


Es ist ein Menschheitstraum, der in Erfüllung geht: Medizinischer Fortschritt, höhere Einkommen und weitere Faktoren lassen die Lebenserwartung immer weiter steigen. Mädchen, die heute in Deutschland geboren werden, dürfen damit rechnen, 83 Jahre alt zu werden – vier Jahre mehr als Neugeborene vor 20 Jahren und sogar 30 Jahre mehr als vor einem Jahrhundert. Jungen haben im Durchschnitt zwar ein paar Jahre weniger Lebenserwartung, doch die Entwicklung geht in die gleiche Richtung.

Ganz umsonst sind die zusätzlichen Jahre allerdings nicht. Für viele bringt ein höheres Lebensalter körperliche Beschwerden oder dementielle Erkrankungen mit sich. Das kann so weit gehen, dass sie den Alltag nicht mehr alleine bewältigen können und pflegebedürftig werden. Die Politik hat diese Herausforderungen erkannt und bereits im Jahr 1995 eine Pflegepflichtversicherung eingeführt. Seitdem wurden deren Regelungen immer wieder angepasst. Am 1. Januar 2017 treten nun aufgrund des Pflegestärkungsgesetzes weitreichende Änderungen in Kraft, die die Pflegepflichtversicherung grundlegend verändern werden. Für Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) ist es ein „Meilenstein“, für den Pflegebeauftragten der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), die „bedeutendste Reform der Pflegeversicherung“.

Das Pflegestärkungsgesetz ist die bisher bedeutendste Reform der Pflegeversicherung.

Die wohl sichtbarste Veränderung findet in der Unterteilung der Schwere von Pflegebedürftigkeit statt: Die bisherigen drei Pflegestufen werden ab dem kommenden Jahr durch fünf sogenannte Pflegegrade ersetzt. „Damit erhalten erstmals alle Pflegebedürftigen einen gleichberechtigten Zugang zu Pflegeleistungen – unabhängig davon, ob sie an körperlichen Beschwerden oder an einer Demenz erkrankt sind“, so Minister Gröhe. Für die Versicherten und vor allem für diejenigen, die bereits Leistungen aus der Pflegepflichtversicherung erhalten, gibt es dabei gleich zwei gute Nachrichten:

Zum einen hat die Politik festgelegt, dass niemand, der heute pflegebedürftig ist, nach der Reform schlechter gestellt wird als heute. Zum anderen erfolgt die Überführung von den Pflegestufen in die neuen Pflegegrade automatisch. Die Empfänger von Leistungen müssen selbst also nichts unternehmen. Privatversicherte werden von ihren Versicherungsunternehmen umfassend über alle Neuregelungen informiert.

Die Prüfung, ob eine Pflegebedürftigkeit vorliegt, orientiert sich bisher am Hilfebedarf bei körperlichen Aktivitäten der Grundpflege – gemessen in Minuten. Daneben wird in einem separaten Verfahren geprüft, ob ein Betreuungs- und Beaufsichtigungsbedarf aufgrund einer eingeschränkten Alltagskompetenz vorliegt (z.B. wegen Demenz). Künftig geht es allein um die Frage, welche Fähigkeiten die Pflegebedürftigen haben, wie selbstständig sie also bei Aktivitäten oder der Gestaltung von Lebensbereichen sind. So wird beispielsweise untersucht, wie mobil ein Mensch noch ist, ob er seine grundlegenden Bedürfnisse mitteilen, soziale Kontakte pflegen oder selbstständig Medikamente einnehmen kann. Die bisher getrennten Bewertungsverfahren werden durch ein einheitliches Begutachtungsinstrument ersetzt.

„Damit wird die bisher defizitorientierte Pflegebegutachtung zu einer ressourcenorientierten Begutachtung, was sie ganzheitlicher und gerechter macht“, analysiert Renate Richter, Abteilungsleitung Sozialmedizin bei MEDICPROOF, dem medizinischen Dienst der Privaten (s. Gastbeitrag).

Vor allem Menschen mit geistigen und seelischen Krankheiten wie einer Demenz erhalten dadurch deutlich mehr Leistungen. Prognosen gehen von bis zu einer halben Million zusätzlichen Leistungsempfängern im Zuge der Reform aus. Für alle bereits Pflegebedürftigen wird es zudem einen Bestandsschutz geben, der ihnen garantiert, dass sich ihre Leistungen nicht verschlechtern werden.

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