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PKV publik 6.2016

 

13.07.2016

In Bewegung

Ein neues Sportprogramm hilft Pflegebedürftigen, Kraft und Mobilität zurückzugewinnen

Das Lübecker Modell „Bewegungswelten“ ist Teil des von der PKV finanzierten Programms „Älter werden in Balance“.


Martin Willkomm hat eine Idee. Die Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen will er mit einem neuen Bewegungsprogramm wieder mobiler machen. Denn oft sind diese zwar noch in der Lage, zum Beispiel mittags allein zum Speisesaal zu gehen. Viele von ihnen sind dabei aber akut sturzgefährdet. „Die bisherigen Beschäftigungsangebote erreichen nur die Fittesten“, schildert Willkomm die derzeitige Situation in Pflegeheimen. Viele der hochaltrigen Personen seien jedoch auf Hilfe angewiesen und zudem nicht nur motorisch, sondern auch kognitiv, psychisch oder sozial beeinträchtigt. Trotz zahlreicher Angebote verbringe der Großteil der pflegebedürftigen Bewohner den überwiegenden Teil des Tages sitzend am Tisch.

Willkomm, Chefarzt und ärztlicher Direktor am Krankenhaus Rotes Kreuz in Lübeck weiß, wovon er spricht. Er kennt die Seniorinnen und Senioren als Patienten, die aus dem Pflegeheim zu ihm in die geriatrische Klinik kommen. Gemeinsam mit zahlreichen Projektpartnern hat er in den vergangenen eineinhalb Jahren einen neuen Ansatz entwickelt: Das „Lübecker Modell Bewegungswelten“ richtet sich an Heimbewohner genauso wie an Bürgerinnen und Bürger mit Pflegebedarf, die in der Umgebung wohnen. Als ein Element des von der PKV finanzierten Programms „Älter werden in Balance“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) wird es gegenwärtig in elf Lübecker Pflegeheimen angeboten. Dabei bilden immer acht bis zwölf Personen eine Gruppe. Sie trainieren zweimal in der Woche unter Anleitung eines speziell geschulten Übungsleiters ihre körperliche Beweglichkeit, aber auch ihre geistige Flexibilität. Denn jede Übungsstunde steht unter einem besonderen Motto.

„Heute heißt unser Thema ‚Am Strand‘“, erklärt die gelernte Sportlehrerin Ute Brink auf dem „Lübecker Bewegungstag“. An der Auftaktveranstaltung Ende Juni nehmen neben Schleswig-Holsteins Gesundheitsministerin Kerstin Alheit (SPD) und Landtagspräsident Klaus Schlie (CDU) zahlreiche weitere Vertreter aus Politik, Pflege und Sport teil. Die Schirmherrschaft hat der Lübecker Senator für Wirtschaft und Soziales, Sven Schindler (SPD), übernommen.

Acht Seniorinnen und Senioren sitzen neben der SPD-Ministerin in einem Stuhlkreis, in der Mitte die Übungsleiterin Brink. Diese wirft den Teilnehmern nacheinander einen Plastikball zu und ruft: „Ich packe meinen Koffer und nehme mit...“. „Meinen Bikini“, antwortet eine ältere Dame um die 80, während sie den Ball zurückwirft. „Ein Bier“, krächzt ein älterer Herr, als er an der Reihe ist. Auch er hat die Lacher auf seiner Seite. Später, als die Teilnehmer ihre Arme wie beim Rückenschwimmen im Meer bewegen, kommt sogar die Ministerin vor Anstrengung außer Atem. Ute Brink lächelt und sagt: „Unsere Gruppe findet dienstags und freitags statt. Kommen Sie vorbei, wenn Sie morgen Muskelkater haben!“

Insgesamt vierzehn Mottos haben die beteiligten Sportlehrerinnen und Physiotherapeuten entwickelt. Mal geht es um die Hausarbeit, mal heißt das Motto „Im Garten“, „Beim Einkaufen“ oder „Auf dem Bauernhof“. Weil das Programm sportliche Einheiten enthält, aber zugleich persönliche Erinnerungen wachruft und zum Reden anregt, ist es bei den Teilnehmern sehr beliebt. „Die Absprungquote ist äußerst gering, die meisten bleiben am Ball“, freut sich Initiator Willkomm.

Ihm ist bewusst, wie sehr es auf die Fähigkeiten des jeweiligen Kursleiters ankommt. Alle Übungsleiter müssen daher mindestens über eine Lizenz als Sporttrainer oder eine vergleichbare Qualifikation verfügen und absolvieren ein mehrtägiges Schulungsprogramm. Durch Hospitationen bei erfahrenen Kursleitern, Supervisionen in den ersten Monaten und kontinuierliche Austauschtreffen danach will Willkomm die Qualität des Lübecker Kursangebots dauerhaft sichern. Überdies wird das Programm von Beginn an durch das Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Bielefeld begleitet. Die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel ihrerseits vergleicht die gesundheitlichen Effekte durch das Lübecker Modell mit einer Vergleichsgruppe in Kiel.

Erste Erfolge stimmen Willkomm hoffnungsvoll: So gelang es einer übergewichtigen Seniorin vor Teilnahme am „Lübecker Modell“ nur mit Hilfe von zwei Pflegern, aus dem Sitzen aufzustehen. In nur drei Monaten kräftigten sich ihre Muskeln so sehr, dass sie zunächst nur noch einen Pfleger benötigte. Heute schafft die Seniorin das Aufstehen wieder ganz allein. Auch bei anderen Bewohnern beobachtet Willkomm Fortschritte: „Manche steigen plötzlich wieder Treppen, nehmen an Ausflügen teil oder sind sozial wieder aktiver.“ Und er freut sich, dass aus seiner Idee Realität geworden ist.


Weitere Informationen zum Lübecker Modell: www.aelter-werden-in-balance.de/luebecker-modell/