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PKV publik 5.2016

Uwe Laue, Vorstandsvorsitzender des PKV-Verbandes
 

08.06.2016

"Die PKV ist bereit, eine noch stärkere Rolle im Gesundheitswesen zu übernehmen“

Uwe Laue, Vorsitzender des PKV-Verbandes, spricht im Interview mit PKV publik über die Zukunft der Branche, wichtige Reformprozesse im Interesse der Versicherten und die Vorteile des dualen Versicherungssystems für alle Patienten in Deutschland.


Herr Laue, die Private Krankenversicherung ist immer wieder Gegenstand der gesundheitspolitischen Diskussion. Wie ist die Branche aktuell aufgestellt?

Laue: Die Private Krankenversicherung steht sehr gut da: So stiegen die Alterungsrückstellungen – die Vorsorge unserer Versicherten für zukünftige Gesundheitsausgaben – trotz anhaltendender Niedrigzinsphase um 6,2 Prozent auf 219 Milliarden Euro Ende 2015; die Gesamtzahl der Voll- und Zusatzversicherungen stieg auf 33,56 Millionen; und die Beschwerden von Privatversicherten gehen sowohl bei der PKV-Schlichtungsstelle als auch bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht seit Jahren zurück. Mit 0,013 Prozent bewegt sich die Beschwerdequote beim PKV-Ombudsmann auf einem absoluten Tiefststand. Das ist ein deutlicher Beleg für die hohe Kundenzufriedenheit in der PKV.

Dennoch ist die Zahl der Versicherten in der Krankenvollversicherung zurückgegangen...

Laue: Ja, in der Krankenvollversicherung sind die Zahlen leicht rückläufig. Das hat ganz wesentlich mit einem Sondereffekt zu tun: Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten erreichte 2015 laut Statistischem Bundesamt einen historischen Rekordstand, sodass zwangsläufig auch der Wechsel von Versicherten in die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) besonders hoch ausfiel. Gleichzeitig ging die Zahl der Selbstständigen um 97.000 zurück. Infolgedessen mussten zigtausende vorher privatversicherte Selbstständige beim Wechsel in sozialversicherungspflichtige Anstellungen in die GKV wechseln, ob sie das nun wollten oder nicht. Denn Angestellte müssen ja die gesetzlich vorgegebene Einkommensgrenze von derzeit 56.250 Euro jährlich überschreiten, bevor sie in die PKV wechseln dürfen.

Das Interesse der Menschen an einem privaten Krankenversicherungsschutz ist aber nach wie vor ungebrochen. Das zeigt das erneute Wachstum bei den Zusatzversicherungen. Hier konnten wir Ende 2015 einen Anstieg auf 24,77 Millionen verzeichnen.

Union und SPD hatten nach der Wahl eine Art Stillhalte-Vereinbarung in Sachen PKV geschlossen. Hat das der Branche genutzt?

Laue: In gewisser Weise schon. Denn wenn die Versicherungsunternehmen nicht permanent mit der Systemfrage konfrontiert sind, bekommt die Branche Zeit und Kapazitäten, um interne Reformprozesse zu Gunsten ihrer Versicherten in Gang zu bringen und umzusetzen. Diese Chance haben wir beherzt ergriffen und viele Verbesserungen für die Privatversicherten eingeführt. Andererseits gibt es natürlich auch sinnvolle Reformen, die die PKV nicht in Eigenregie umsetzen kann. Da sind wir dann auf die Unterstützung des Gesetzgebers angewiesen.

Mit den Reformprozessen meinen Sie die Tarifwechsel-Leitlinien des PKV-Verbandes, die seit diesem Jahr gelten?

Laue: Ja, die „Leitlinien für einen transparenten und kundenorientierten Tarifwechsel“ sind ein sehr wichtiges Beispiel. Sie schaffen eine neue Qualität, indem sie das geltende Recht versichertenfreundlich auslegen und durch Selbstverpflichtungen der Unternehmen erweitern. Inzwischen sind diesen Leitlinien bereits Unternehmen mit mehr als 80 Prozent der Versicherten beigetreten; weitere haben ihren Beitritt angekündigt.

Nach 6 Monaten ist es zwar noch zu früh für eine Bilanz, doch es gibt bereits Lob von unabhängigen Verbraucherschützern. So hieß es etwa in einem Statement der nordrhein-westfälischen Verbraucherzentrale: „Die Beschwerden haben sich in den letzten Jahren verringert, und wir hoffen, dass ab Gültigkeit der Verpflichtung die Beschwerden gen null gehen.“ Aber die Leitlinien sind natürlich nur ein Aspekt des PKV-Reformprozesses.

Können Sie weitere Beispiele nennen?

Laue: Die Branche hat zum Beispiel die Einführung der Unisex-Tarife genutzt, um auf breiter Front umfassende Mindestleistungen einzuführen. Wir haben im Interesse des Verbraucherschutzes die Begrenzung der Vermittlerprovisionen unterstützt. Viele PKV-Unternehmen bieten heute zudem einen vereinfachten Zugang für Beamte und Angestellte – mit dem im Ergebnis der vielzitierte Vorwurf einer „Rosinenpickerei“ bei Neukunden widerlegt wird.

Darüber hinaus sind wir im Jahr 2015 eine vertragliche Selbstverpflichtung zur Förderung ambulanter Hospizdienste eingegangen. Dafür hat der PKV-Verband den Ehrenpreis des Deutschen Hospizund Palliativverbandes erhalten. Seit einigen Jahren fördern wir auch die Unabhängige Patientenberatung Deutschland. Dank der Unterstützung der PKV kann die UPD – neben dem deutschen Angebot – auch in türkischer und russischer Sprache beraten. Angesichts der Flüchtlingssituation wird jetzt zudem auch eine Patientenberatung in arabischer Sprache angeboten.

Und nicht zu vergessen ist natürlich das Konzept für eine Reform der Gebührenordnung für Ärzte, das wir zusammen mit der Bundesärztekammer und in Abstimmung mit Vertretern der Beihilfe entwickelt haben.

Das aber vom Vorstand der Bundesärztekammer in der vorliegenden Form noch nicht angenommen wurde.

Laue: Die Bundesärztekammer sieht aktuell noch Klärungsbedarf. Angesichts der Komplexität der Gebührenordnung mit zum Beispiel mehr als 4.600 Leistungsbeschreibungen müssen wir das akzeptieren. Dennoch sind wir uns mit der Bundesärztekammer einig, dass wir den Prozess der Entwicklung einer neuen GOÄ konstruktiv fortsetzen.

In jedem Fall haben wir gemeinsam schon viel erreicht. Von allen Beteiligten wurde gute fachliche Arbeit geleistet. Das bisher vereinbarte Gesamtpaket ist ein sehr guter Kompromiss, der zwar auch der PKV einige schwierige Zugeständnisse abverlangt hat, der aber insgesamt einen fairen Interessenausgleich widerspiegelt. Unser gemeinsames GOÄ-Konzept bringt eine deutliche Stärkung der „sprechenden Medizin“, also der persönlichen Zuwendung des Arztes zum Patienten. Es sichert den Patienten eine Versorgung auf dem modernsten Stand bei voller Therapiefreiheit der Ärzte. Und es erlaubt eine schnellstmögliche Integration künftiger medizinischer Innovationen.

Aber natürlich wird die Gebührenordnung am Ende nicht von den Ärzten und der PKV erlassen, sondern vom Gesetzund Verordnungsgeber. Wir setzen darauf, dass die politisch Handelnden in der Bundesregierung, im Bundestag und im Bundesrat ihrer Verantwortung gerecht werden und im Interesse aller Patienten in Deutschland diese Reform nicht blockieren.

Das gilt übrigens auch für andere Reformen zu Gunsten der Versicherten, die die PKV nicht ohne die Unterstützung der Politik umsetzen kann.

Welche Vorhaben sind das?

Laue: Wir haben zum Beispiel konkrete Vorschläge vorgelegt, die eine stetigere und moderate Beitragsentwicklung erlauben würden. Im Kern geht es um das – durchaus lösbare – Problem, dass die Versicherungen die Kalkulationsgrundlagen, wie etwa das geänderte Zinsniveau, nicht regelmäßig und zeitnah anpassen dürfen. Die bisher im Versicherungsaufsichtsrecht geltenden starren Schwellenwerte, die so genannten „auslösenden Faktoren“, sind zu unflexibel. Sie führen unter Umständen zu einem willkürlich anmutenden Wechsel von mehrjährigen Null-Runden und dann sprunghaft ansteigenden Beiträgen.

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