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PKV publik 4.2016

Frau mit Fitnessarmband schnürrt sich lilafarbene Turnschuhe zu

Beim Thema E-Health denken viele zuerst an sogenannte „Wearables“, mit denen Gesundheitsdaten gemessen und übertragen werden können.

 

10.05.2016

Phantom-Debatte

Digitale Gesundheitsdaten haben keinen Einfluss auf die Beitragskalkulation in der PKV

In der öffentlichen Diskussion über das Thema E-Health geht es oft um angebliche neue PKV-Tarife, in denen Versicherte Beitragsvorteile für die Übermittlung ihrer Gesundheitsdaten erhalten. Tatsache ist: In der Krankenvollversicherung gibt es solche Tarife nicht.


Die zunehmende Digitalisierung betrifft alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft. Speziell für die Gesetzliche und Private Krankenversicherung lautet die Herausforderung „E-Health“. Dieser Begriff umfasst ein breites Spektrum an IT-basierten Funktionen. Teils bedienen diese Life-Style- Aspekte, teils Assistance-Leistungen, teils aber werden sie wohl in absehbarer Zeit Teil der Grundversorgung werden. Zu denken ist etwa an die Telemedizin in strukturschwachen Gebieten oder an datengestützte Chronikerprogramme. In der PKV gibt es erste positive Erfahrungen im Einsatz digitaler Infrastruktur zugunsten einer Optimierung des Versorgungsmanagements.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob die Möglichkeit der digitalen Erhebung individueller Gesundheitsdaten auch Auswirkungen auf den Preis der Krankenversicherung haben kann, insbesondere ob der Nachweis gesundheitsbewussten Verhaltens die Prämienhöhe günstig beeinflussen kann. Hintergrund sind internationale Produktentwicklungen, wie etwa der Tarif „Vitality“ eines südafrikanischen Versicherers, der auf Basis digital erfasster Daten gesundheitsbewusstes Verhalten z.B. mit Prämienreduzierung belohnt. In jüngster Zeit gibt es daher auch hierzulande immer wieder Medienberichte über angebliche neue PKVTarife, bei denen der Versicherte mittels ‚wearable technology‘ dem Versicherer sein Gesundheitsverhalten dokumentiere und dafür Beitragsvorteile erhalte. Die Bundesdatenschutzbeauftragte hat solche Berichte zum Anlass genommen, den Gesetzgeber zum Handeln aufzufordern.

Tatsache ist jedoch, dass es in der Privaten Krankenvollversicherung keinen „Vitality“-ähnlichen Tarif gibt, der die Bereitschaft zu einem digitalen individuellen Gesundheitsmonitoring mit einer günstigeren Beitragskalkulation belohnt. Dies wäre auch mit den rechtlichen Vorgaben für die nach Art der Lebensversicherung kalkulierte Private Krankenvollversicherung nicht vereinbar: Der Beitrag wird zu Versicherungsbeginn nach den Faktoren Alter, Vorerkrankungen und Leistungsumfang kalkuliert. Bestimmte Verhaltensmerkmale können allenfalls im Rahmen der Risikoprüfung berücksichtigt werden (z.B. Raucher/Nichtraucher, Body Mass Index). Für die Verwertung digitaler Gesundheitsdaten, etwa zum Ernährungs- und Bewegungsverhalten, aus der Zeit vor Vertragsabschluss gibt es indes keine Grundlage. Und nach Vertragsabschluss dürfen Verschlechterungen des individuellen Risikos, sei es durch Erkrankungen oder Verhaltensänderungen, keine Prämienerhöhung nach sich ziehen.

Viele PKV-Tarife setzen allerdings Beitragsrückerstattungsprogramme als Anreiz für ein eigenverantwortliches und gesundheitsbewusstes Verhalten ein. Derartige Anreizsysteme sind immer dann ein Beitrag zur Prävention und zum managed care in der Krankenversicherung, wenn dadurch gesundheitsbewusste Verhaltensweisen motiviert werden, die es ohne den Anreiz nicht gegeben hätte und durch die sich statistisch nachweisbare Einsparungen bei den Leistungsausgaben ergeben. Der Vorteil für den Einzelnen ist dann auch ein Vorteil für das Kollektiv.

Infolge der technischen Entwicklung ist es plausibel, dass Programme mit Anreizen für Prävention und Eigenverantwortung zukünftig mittels digitaler statt analoger Datenübermittlung umgesetzt werden. Dies wird häufig nur ein Unterschied des Mediums und nicht der Substanz sein. Zugleich ermöglicht digitales Gesundheitsmonitoring aber auch substantielle Verbesserungen im case management von chronisch Kranken.

Je mehr Versicherte ein Tarif hat, desto sicherer ist die Beitragskalkulation.

Das in diesem Zusammenhang diskutierte Szenario, eine Individualisierung des Risikos auf Basis eines digitalen Gesundheitsmonitorings führe zu einer „Atomisierung des Kollektivs“ und zerlege die Solidargemeinschaft in kleine Paralleltarife, ist für die PKV nicht plausibel. Die statistische Wahrscheinlichkeit künftiger Krankheitskosten lässt sich versicherungsmathematisch nur in einem größeren Kollektiv hinreichend genau ermitteln. Je größer das Kollektiv, desto sicherer die Beitragskalkulation. Je kleiner das Kollektiv, desto gefährdeter der Risikoausgleich, desto volatiler die Leistungsausgaben und desto instabiler die Beitragsentwicklung bzw. desto höher das Beitragsniveau. Schon aus diesem Grund haben die Privaten Krankenversicherer ein Interesse am Ausgleich der Risiken im großen Kollektiv – und nicht an kleinen, fragmentierten Tarifgemeinschaften.

Selbst wenn ein neuer Tarif mit Tarifmerkmalen wie einem digitalen Gesundheitsmonitoring ausnahmslos am Thema „Fitness“ Interessierte und damit mutmaßlich gute Risiken anzöge, könnte dies nicht eine Risikoentmischung mit günstigen Tarifen für die Gesunden und teuren Tarifen für die Kranken einleiten: Das Tarifwechselrecht garantiert PKV-Versicherten, jederzeit in andere Tarife des Versicherers wechseln zu können.

Für digitale Produktgestaltungen in der Krankenversicherung gibt es sicherlich viele sinnvolle Anwendungsmöglichkeiten, insbesondere im Bereich des Versorgungsmanagements. Wie immer diese auch aussehen, gilt für die PKV, dass in diesem sensiblen Bereich der Gesundheitsdaten die strengen Vorschriften des Bundesdatenschutzgesetzes zu beachten sind. Erstens: keine Datenübertragung und kein Verwendungszweck ohne vorherige Einwilligung des Versicherten. Zweitens: ausreichende Sicherheitsstandards nach dem Stand der Technik, um Versichertendaten vor dem Zugriff von Dritten zu schützen. Die meisten heute im Internet verfügbaren Gesundheits-Apps wären in der Privaten Krankenversicherung nicht zulässig. Datenspuren im Internet sind für die Beitragskalkulation tabu.


Dieser Text ist eine leicht gekürzte Version des Artikels „Entsolidarisierung des Kollektivs?“ von Timm Genett, in: Gesellschaftspolitische Kommentare; Nr. 3-4/16 - März-April 2016. Den Artikel finden Sie im Internet unter www.pkv.de/digitale_Gesundheitsdaten.