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PKV publik 3.2016

GASTBEITRAG

Individuelle Pflege: Perspektivenwechsel mit der Methode „Schattentage“

Alltagsroutinen, Zeitdruck und eingespielte Rollenverteilungen wirken oft hinderlich für bedürfnisorientierte Pflege. Die Methode
„Schattentage“ ist ein kreativer Ansatz, um die Bedürfnisse von pflegebedürftigen Menschen in der Pflegepraxis besser zu berücksichtigen. Das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) hat jetzt ein Praxisheft dazu veröffentlicht. Von Daniela Sulmann


Wie kann individuelle, bedürfnisgerechte Pflege im hektischen Pflegealltag gelingen? Diese Frage beschäftigt Fachleute aus der Praxis, der Wissenschaft und Politik. Hierfür werden Pflegekonzepte und gesetzliche Vorgaben stetig fortentwickelt. „Personenorientierung statt Institutionenorientierung“ ist das gemeinsame Ziel.

Der Schlüssel zu einer personenorientierten Pflege ist das Pflegepersonal: dessen Qualifikation, Motivation und Haltung gegenüber den pflegebedürftigen Menschen. Entgegen routinemäßiger, schematischer Pflege sind Empathie, Respekt und Aufmerksamkeit für Bedürfnisse bei der Pflege von höchstem Stellenwert für pflegebedürftige Menschen. Diese „weichen“ Faktoren können allerdings kaum in eine Organisation hinein konzeptioniert oder gar geprüft werden – eine menschenfreundliche, werteorientierte Kultur in der Organisation kann nur von innen heraus gestaltet werden. Grundvoraussetzung ist, dass Pflegende die Bedürfnisse der pflegebedürftigen Menschen wahrnehmen, anerkennen und ihr eigenes Handeln reflektieren und steuern können.

Die Methode „Schattentage“ in der Pflege kann dabei nützlich sein. Sie geht zurück auf ein vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördertes Projekt zur Umsetzung der deutschen Pflege-Charta. Die „Schattentage“ finden in Form eines Rollentauschs von Pflegenden oder mittels beobachtender Begleitung durch Pflegende statt. Der Dreh- und Angelpunkt ist dabei der Perspektivenwechsel, den Pflegende während der Schattentage vornehmen. Abläufe und Umgangsformen werden aus der Perspektive der pflegebedürftigen Menschen erlebt. Die Beobachtungen werden systematisch reflektiert, um daran anknüpfend konkrete Maßnahmen zur Verbesserung anzustoßen. Lernen durch Erleben und Erfahren – darum geht es.

Das neue Praxisheft des ZQP „Perspektivenwechsel – Methode Schattentage in der Pflege“ bietet Informationen zur Idee, zu Zielen und zur Umsetzung der Methode „Schattentage“. Sie werden durch Erfahrungen von Einrichtungsleitungen, Pflegenden, Pflegepädagogen und Schülern veranschaulicht. Auch zwei ZQP-Mitarbeiterinnen waren als „Schatten“ im Einsatz und schildern ihre Eindrücke. Fazit: Wechselt man die Perspektive von der einer „Fachfrau“ zu der einer Pflegebedürftigen, erscheint das Geschehen in einem anderen Licht. Geräusche, Gerüche, Worte und Gesten werden anders bewertet. Zeit bekommt eine andere Dimension. Dabei werden die vielen Gestaltungsmöglichkeiten in der Pflege sichtbar – oft sind es Kleinigkeiten, die bedeutsam sein können: das leise Schließen der Tür, ruhige, weniger hektische Bewegungen, ein kurzer zugewandter Händedruck, die Information, welches Essen gereicht wird.

Unsere Empfehlung: Schattentage sind in jeder Pflegeeinrichtung umsetzbar und eine sehr wirkungsvolle Methode der Qualitätsentwicklung in der Pflege – jenseits von Prüfverfahren.


www.zqp.de