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PKV publik 1.2016

Arzt schüttelt Patient die Hand
 

Ohne Hürde zum Arzt

In Deutschland gibt es weniger Zugangsbeschränkungen zum Haus- und Facharzt als in der Schweiz und den Niederlanden

Ein Ländervergleich des Wissenschaftlichen Instituts der PKV (WIP) über die ambulante Versorgung zeigt: Das duale Gesundheitssystem in Deutschland steht nicht nur sehr gut da, sondern ist auch der Garant für einen schnellen Arztzugang für alle Patienten.


Es ist eine gute Nachricht für alle gesetzlich und privat Versicherten in Deutschland: Das deutsche Gesundheitssystem braucht den Vergleich mit den leistungsfähigsten Nachbarländern nicht zu scheuen – ganz im Gegenteil.

Das belegt eine neue Studie des Wissenschaftlichen Instituts der PKV (WIP). Autorin Verena Finkenstädt hat die ambulante ärztliche Versorgung in Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz untersucht – also in genau den Ländern, die oft als Referenz für ein besonders vorbildliches Gesundheitssystem gelten.

Im Krankheitsfall ist der niedergelassene Arzt für Patienten meistens der erste Ansprechpartner. Er diagnostiziert und behandelt gesundheitliche Probleme und veranlasst darüber hinaus viele Leistungen, die er nicht selbst erbringen kann oder darf. Die ambulante Versorgung hat damit eine Schlüsselfunktion in jedem Gesundheitswesen, da sie den weiteren Weg eines Patienten durch das Versorgungssystem bestimmt. Damit sind Versorgungseinschränkungen in diesem Bereich für alle Patienten direkt erlebbar.

Das Ergebnis der Analyse: In allen drei Ländern hat die gesamte Bevölkerung „Zugang zu einer umfassenden gesundheitlichen Versorgung unabhängig von Einkommen und Gesundheitszustand“, profitiert also von einer hochwertigen Absicherung im Krankheitsfall. Aber in der Schweiz und den Niederlanden muss sie dafür deutlich stärkere Zugangshürden als in Deutschland in Kauf nehmen.

„Jeder kann in Deutschland zum Arzt seines Vertrauens gehen“, erläutert Finkenstädt. „Der Zugang zur ambulanten ärztlichen Versorgung ist deutlich weniger reglementiert als in den beiden Nachbarländern. Und trotzdem haben wir ein vergleichsweise günstiges Kostenniveau.“

Das zeigt sich unter anderem im Vergleich der Wartezeiten zwischen Deutschland und den Niederlanden: „Umfragen zufolge belegt Deutschland beim Zugang zur hausärztlichen Versorgung den Spitzenplatz in Europa“, fasst Finkenstädt die Daten zusammen. So gaben gut drei Viertel der befragten Deutschen in einer Umfrage des Commonwealth Fund an, dass sie noch am selben oder nächsten Tag einen Arzttermin erhielten – gegenüber 63 Prozent in den Niederlanden.

Anders sieht es auf den ersten Blick zwar bei den Wartezeiten beim Facharzt aus: Hier sagten 72 Prozent der Deutschen, dass sie weniger als vier Wochen auf einen Termin beim Facharzt warten; in den Niederlanden waren es 75 Prozent. Dabei muss man allerdings berücksichtigen, dass in den Niederlanden ein Hausarztmodell existiert und Fachärzte zudem ausschließlich in Kliniken zu finden sind. Die Patienten können nicht wie in Deutschland direkt zum Facharzt gehen – und das so oft und zu so vielen Fachärzten, wie sie wollen – sondern sie müssen sich zu diesem überweisen lassen. Der Hausarzt entscheidet, wann und wie oft er das für richtig hält. „Das führt natürlich dazu, dass insgesamt weniger Versicherte beim Facharzt ankommen“, erklärt Finkenstädt. „Vor diesem Hintergrund ist der deutsche Wert ein Spitzenergebnis.“

In der Schweiz wiederum müssen die Versicherten Zuzahlungen bei jedem einzelnen Arztkontakt leisten – was ebenfalls dazu führen kann, dass letztlich weniger Versicherte zum Facharzt kommen. „Die obligatorischen Selbstbehalte in der Schweiz können durchaus eine Hürde darstellen“, führt das WIP aus, „weil ein relativ hoher Anteil der Arztkosten aus eigener Tasche finanziert werden muss“.

In den Niederlanden und der Schweiz gibt es also deutlich stärkere Rationierungen beim Zugang zu ambulanten ärztlichen Leistungen als in Deutschland. Befürworter von Rationierungen argumentieren oft, dass diese letztlich zu einem kostengünstigeren Gesundheitssystem führen. Doch die Annahme trügt: Wenn man von Kaufkraftstandards (KKS), also der durchschnittlichen Kaufkraft eines Euro – ausgeht, landet das rationierungsarme Deutschland bei seinen Pro-Kopf-Ausgaben im Mittelfeld: In der Schweiz sind die Ausgaben für die ambulante ärztliche Versorgung mit 736 Euro pro Einwohner um fast 30 Prozent höher, in den Niederlanden mit 304 Euro um rund 47 Prozent geringer. Allerdings sind im niederländischen Wert die Ausgaben für die fachärztliche Versorgung nicht enthalten.

Bei dieser Berechnung ist zudem nicht berücksichtigt, dass die Bevölkerung in den Niederlanden deutlich jünger als in Deutschland ist, also dementsprechend weniger Leistungen in Anspruch nimmt. „Es liegt auf der Hand, dass die Gesundheitsausgaben im ambulanten Bereich auch in den Niederlanden höher als in Deutschland wären, wenn die Holländer das deutsche Bevölkerungsprofil hätten“, stellt Finkenstädt fest (vergleiche auch PKV Publik 02/2015).

Ein unentgeltlicher Zugang zu Fachärzten, keine Einschränkung der freien Arztwahl durch verpflichtende Hausarztmodelle, geringe Wartezeiten für alle – und das bei moderaten Kosten trotz der höchsten Zahl an Arztkontakten pro Einwohner: Die Stärke des deutschen Gesundheitswesens beruht vor allem im Miteinander von Gesetzlicher und Privater Krankenversicherung. Denn der stetige Wettbewerb mit der PKV und ihrem lebenslangen Leistungsversprechen ist auch für gesetzlich Versicherte der beste Schutz vor Rationierung. In den Niederlanden und der Schweiz, deren Gesundheitssysteme einer Bürgerversicherung gleichen, ist die ambulante Versorgung deutlich restriktiver.


Die Studie finden Sie im Internet unter www.wip-pkv.de