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PKV publik 1.2016

Noch nicht angekommen

Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Laut einer Studie kennen die meisten ihre Rechte nicht

Vor einem Jahr sind zahlreiche Regelungen zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Pflege in Kraft getreten. Den meisten Berufstätigen sind diese Ansprüche aber noch unbekannt.


Auch ein Jahr nach Einführung der neuen Regelungen zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf glaubt die große Mehrheit der erwerbstätigen Deutschen nicht, dass sich Beruf und Pflege gut vereinbaren lassen. Lediglich 7 Prozent sind der Meinung, man könne parallel zum Berufsleben gut oder sogar sehr gut für einen pflegebedürftigen Angehörigen sorgen. Zwar ist das Gesetz bereits vor über einem Jahr in Kraft getreten. Aber dieses Wissen ist noch nicht in der Erwerbsbevölkerung angekommen, so das Fazit einer repräsentativen Erhebung der Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP), für die im November 2015 über 1.000 berufstätige Deutsche ab 18 Jahre befragt wurden.

„Zwar bieten die aktuellen gesetzlichen Regelungen vielfältige Entlastungsmöglichkeiten, dennoch bleiben die Maßnahmen zu oft ungenutzt, da viele Berufstätige noch nicht ausreichend über die bestehenden Gesetze informiert sind“, sagte Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des ZQP bei der Vorstellung der Ergebnisse.

Auf die Frage, wie gut sie sich über die Regelungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege informiert fühlen, antworteten 84 Prozent mit „eher schlecht“ oder „sehr schlecht“. Ebenfalls 84 Prozent der Befragten ist zum Beispiel die Familienpflegezeit unbekannt, die einen Rechtsanspruch auf reduzierte Arbeitszeit und teilweise Freistellung vorsieht. Ähnliches gilt auch für die halbjährige Pflegezeit (82 Prozent) sowie die zehntägige Freistellung (72 Prozent). Selbst bei Personen mit eigener Pflegeerfahrung gilt: Nicht einmal die Hälfte kennt die verschiedenen gesetzlichen Ansprüche.

Dabei würden womöglich mehr Menschen die Möglichkeiten nutzen, wenn sie besser darüber Bescheid wüssten – dies zeigt sich bei der Familienpflegezeit: Je besser sich die Befragten über das Gesetz informiert fühlen, desto eher können sie sich vorstellen, es auch in Anspruch zu nehmen. Bei den gut informierten Befragten sind es 44 Prozent. Von denen, die ihre Kenntnisse als schlecht einschätzen, würden sich lediglich 30 Prozent dafür entscheiden.

Zudem äußern Berufstätige, die keine Familienpflegezeit für sich in Betracht ziehen, vielfältige Vorbehalte: 76 Prozent geben finanzielle Gründe und 23 Prozent organisatorische Probleme an. Auch die Angst vor beruflichen Nachteilen würde immerhin 43 Prozent davon abhalten, die Familienpflegezeit tatsächlich zu nutzen. Zudem bestehen nach wie vor Ängste, dass Vorgesetzte (19 Prozent) oder Kollegen (9 Prozent) wenig Verständnis haben. „Unsere Studienergebnisse zeigen auch, dass die Möglichkeiten der Politik, die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege zu fördern, begrenzt sind. Deshalb ist vor allem eine pflegesensible Unternehmenskultur gefordert, um einen offeneren Umgang mit dem Thema Vereinbarkeit von Beruf und Pflege zu ermöglichen. Aber auch um betrieblich passende Unterstützungsangebote für Mitarbeiter anbieten zu können“, so Suhr.

Angesichts der demografischen Entwicklung und des steigenden Hilfe- und Pflegebedarfs sind gute Rahmenbedingungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege eine zentrale gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Aufgabe. Denn rund 70 Prozent der Pflegebedürftigen werden zurzeit zu Hause versorgt. Weil aber die Zahl der Pflegebedürftigen laut Statistischem Bundesamt von heute 2,63 Millionen auf rund 4,6 Millionen im Jahr 2050 ansteigen wird, braucht es in Zukunft auch deutlich mehr Menschen, die die Versorgung privat leisten können. Hierbei spielt die Vereinbarkeit mit dem Beruf eine zentrale Rolle.


Die Studie finden Sie auf der Internetseite des ZQP: www.zqp.de