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PKV publik 9.2015

„Das große Engagement der PKV in der HIV-Prävention zahlt sich aus“

Dr. med. Axel Baumgarten engagiert sich als niedergelassener Facharzt für Allgemeinmedizin und Infektiologie besonders in der Versorgung HIV-Infizierter. Im Interview mit PKV publik spricht er über die Erfolge in der AIDS-Prävention, besondere Versorgungsangebote für infizierte Patienten und die Herausforderungen der Zukunft.


Herr Dr. Baumgarten, Christoph Uleer, der langjährige Vorstand des PKV-Verbandes und der Deutschen AIDS-Stiftung, hat – bei allen Erfolgen – vor einem Erlahmen im Kampf gegen HIV/AIDS gewarnt. Stimmen Sie zu?

Baumgarten: Ja, er hat Recht. Zunächst ist es natürlich erfreulich, dass wir heute eine flächendeckende und gleichzeitig qualitativ hochwertige Versorgung von Menschen mit HIV/AIDS in Deutschland haben. Das drückt sich unter anderem in der stark gesunkenen Mortalität aus. Analysen zum Beispiel von UNAIDS, einer Organisation der Vereinten Nationen, zeigen, dass Deutschland im westlichen Vergleich vorbildlich ist. Das sah vor 20, 30 Jahren noch ganz anders aus.

Aber wir dürfen in unseren Bemühungen auch nicht erlahmen. HIV bleibt eine komplexe Erkrankung. Medizinisch und versorgungspolitisch gibt es weiter Herausforderungen, so etwa Komorbiditäten gerade bei den zunehmend älteren HIV-Patienten, Unverträglichkeiten und Resistenzen. Weitere Forschung ist notwendig. Der Arzt ist als Spezialist wie als Generalist in hohem Maße gefordert, mit dem Patienten zusammen langfristig den Therapieerfolg zu sichern.

Besondere Sorge dabei machen die sogenannten Late Presenter. Diese Patienten werden viel zu spät diagnostiziert, eine erfolgreiche Behandlung ist dadurch viel schwerer. Und natürlich dürfen wir beim Dauerthema Prävention nicht nachlassen.

Wie fällt denn aus Ihrer Sicht die Bilanz der bisherigen HIV-Präventionsarbeit aus?

Baumgarten: Grundsätzlich sind wir dabei auf einem guten Weg: Deutschland hat im europäischen Vergleich geringe HIV-Neudiagnosen. Umfragen zeigen außerdem, dass die meisten Menschen über HIV/AIDS und mögliche Übertragungswege gut informiert sind. Die Private Krankenversicherung (PKV) unterstützt seit vielen Jahren die HIV-Prävention. Dieses große Engagement ist positiv – und zahlt sich aus.

Es gibt aber keinen Grund, sich zurückzulehnen: Die Zahl der Neudiagnosen stieg jüngst wieder an. Da spielt Migration eine Rolle, vielleicht auch der verlorengegangene Schrecken. Neue Wege der Prävention können hier helfen.

Bei den „Late Presentern“, deren Symptome sehr oft falsch gedeutet werden, sind die Hausärzte sicherlich der Schlüssel. Gespräche über Risikokontakte sind gleichwohl nicht einfach. Viele Ärzte fühlen sich in der Beratung zu HIV/AIDS oder anderen sexuell übertragbaren Krankheiten nicht kompetent. Die durch den PKV-Verband geförderte Ärzte-Fortbildung „Let’s talk about sex“ ist deshalb verdienstvoll. Übrigens: Sie geht auf eine Idee von dagnä und Deutscher AIDS-Hilfe zurück.

Von der Prävention zur Versorgung: Ist auch das ein Thema für die PKV?

Baumgarten: In den Sprechstunden sehen wir nicht selten privatversicherte HIV-positive Patienten. Konkrete Zahlen hat das Wissenschaftliche Institut der PKV im Jahr 2013 vorgelegt: Demnach ist der relative Anteil der HIV-infizierten Menschen in der PKV höher als in der Gesamtbevölkerung. Das gilt auch für die Zahl der Neuinfektionen.

HIV/AIDS ist also nicht nur aus Sicht der Prävention, sondern auch aus Sicht der Versorgung ein Thema für die PKV. Bei HIV findet sich eine – im Vergleich zur GKV – überproportionale Betroffenheit. Deshalb werden Versorgungsangebote zunehmend wichtiger.

Welche Angebote genau können das denn sein?

Baumgarten: Bei komplexen Indikationen lohnt sich eine strukturierte Versorgung besonders. Qualitätsvereinbarungen können Anreize geben, Schwerpunktzentren zu bilden und einheitliche Parameter für Struktur- und Prozessqualität zu definieren. Wünschenswert sind deutschlandweite, einheitlich hohe Qualitätsstandards in der Versorgung der Betroffenen.

Inwiefern partizipieren daran auch privatversicherte Patienten?

Baumgarten: Von der ambulanten Schwerpunktbildung bei spezialisierten HIV-Ärzten profitieren selbstverständlich auch die Privatversicherten. Allerdings bleiben offenbar auch Fehlanreize: Umfragen des PKV-Verbandes unter Ärzten zeigen, dass fast 50 Prozent der Befragten lediglich bis zu vier HIV-Patienten im Jahr behandeln. Die Erfahrung zeigt, dass eine leitliniengerechte Behandlung dabei nicht selten auf der Strecke bleibt. Dies wirft die Frage auf, ob und wie Versorgungsmanagement hier greifen kann. Einige private Krankenversicherer engagieren sich in anderen Indikationen ja bereits sehr stark.

„Eine Versorgung aus Spezialistenhand hat positive Effekte auf die Wirtschaftlichkeit.“

Wie kann denn Versorgungsmanagement im Bereich HIV/AIDS aussehen?

Baumgarten: Ein Beispiel: Wo würde sich eine Zweitmeinung durch einen Experten eher anbieten als bei einer normalerweise tödlichen Erkrankung, deren Behandlung deshalb ein Leben lang passgenau greifen muss? Eine Versorgung durch spezialisierte Ärzte ist hier eindeutig angeraten: Enge Begleitung von versorgungsintensiven Patienten, Abstimmung von Versorgungsabläufen, Adhärenzförderung und so weiter.

Die Patienten profitieren durch eine Erhöhung der Versorgungsqualität. Grundlegendes Ziel ist die Vermeidung von Therapieversagen. Für Krankenversicherer dabei nicht ganz unwichtig: Eine Versorgung aus Spezialistenhand hat positive Effekte auf die Wirtschaftlichkeit. Denn nach Therapieversagen und Resistenzentwicklung steigen die direkten Kosten an, vor allem wegen des Einsatzes komplexerer und teurerer Arzneimittel.

Gibt es bereits erste Erfahrungen?

Baumgarten: Ja, ein solches Versorgungsmodell der dagnä zu HIV befindet sich bereits in der Umsetzung mit einem privaten Krankenversicherer. Die ersten Erfahrungen sind ermutigend. Patientenautonomie und Therapiefreiheit gelten natürlich weiter.

Rita Süssmuth, eine Vorreiterin im Engagement gegen HIV und AIDS, hat stets betont: „Wir bekämpfen die Krankheit, nicht die Kranken.“ Wie kann dieses Leitmotiv heute helfen?

Baumgarten: Die Worte sind noch aktuell! Und wir haben heute sicher einen Vorteil: Im Jahr 2015 können wir endlich unaufgeregt über eine moderne HIV-Prävention und -Versorgung sprechen: Brauchen wir neue Wege in der Prävention? Wie halten wir das hohe Niveau der HIVVersorgung? Was ist mit den zunehmend älteren HIV-Patienten? Und für mich als niedergelassener Arzt ganz wichtig: Wie motivieren wir junge Mediziner, unsere Nachfolge anzutreten, als Infektiologen der Zukunft?

Der Ansatz von Frau Süssmuth war nicht zuletzt ein breites Bündnis von verschiedenen Akteuren aus dem Bereich HIV/ AIDS. Wir freuen uns, wenn der PKV-Verband in seinen Aktivitäten hier weiter voran geht.


www.dagnae.de