• Vorlesen
  • A A A

PKV publik 8.2015

 

„Zurzeit sind Patienten nicht gut informiert.“

Odette Wegwarth ist Vorsitzende der neuen Stiftung Gesundheitswissen, die Patienten zukünftig in ihrer Gesundheitskompetenz stärken wird. Im Interview mit PKV publik spricht sie über die Bedeutung der Patientensouveränität, die Qualität der verfügbaren Gesundheitsinformationen in Deutschland und das Ziel der vom PKV-Verband gegründeten Stiftung.


Frau Wegwarth, warum brauchen die Patienten überhaupt die neue Stiftung Gesundheitswissen?

Wegwarth: Die Rolle der Patienten im Gesundheitswesen ist im ständigen Wandel. Sie werden heute viel stärker als Kooperationspartner der Ärzte wahrgenommen, als das etwa noch vor zehn Jahren der Fall war. Studien belegen, dass eine gemeinsame Entscheidungsfindung zwischen Patienten und Ärzten die Therapietreue und das gesundheitliche Befinden der Patienten verbessern kann. Voraussetzung dafür, dass die Patienten in die ihre Gesundheit betreffenden Fragen einbezogen werden, ist aber, dass sie gut informiert sind. Dafür müssen ihnen qualitätsgesicherte, unabhängige und zielgerichtete Gesundheitsinformationen zur Verfügung gestellt werden. Die Stiftung wird dazu einen wichtigen Beitrag leisten.

Wie bewerten Sie denn die Patientenkompetenz in Deutschland heute?

Wegwarth: Zurzeit sind Patienten nicht besonders gut informiert. Sie glauben zum Beispiel häufig, mehr Tests oder neuere Testverfahren bringen ihnen mehr. Vom Schaden solcher Untersuchungen haben sie allerdings meistens noch nie etwas gehört. Und im therapeutischen Bereich beobachten wir, dass Patienten oft der Ansicht sind, viel hilft viel. Wenn man sich die Qualität der Informationen im Internet ansieht, ist das aber auch kein Wunder. Denn wer sich heute im Internet informieren möchte, findet dort vor allem intransparente Informationen. Oft sind etwa Behauptungen gar nicht mit wissenschaftlichen Erkenntnissen belegt.

Können Sie ein Beispiel für diese Intransparenz nennen?

Wegwarth: Für die Krebsfrüherkennung in Deutschland finden die Patienten im Internet zum Beispiel nur sehr selten Informationen darüber, dass Früherkennung nicht nur nützt. Darüber, dass eine Früherkennung auch schaden kann, erfahren sie so gut wie nie etwas. Tatsächlich ist es aber so, dass es durch Früherkennungsuntersuchungen auch zu Überdiagnosen und damit zu Überbehandlungen kommen kann. Denn dadurch, dass schon sehr früh nach Zellabnormalitäten gesucht wird, werden auch Abnormalitäten entdeckt, die dem Patienten zu Lebzeiten nicht geschadet hätten. So entsteht die Gefahr, dass manche Frauen und Männer aufgrund der Untersuchungsergebnisse mit einer Krebstherapie behandelt werden, die sie eigentlich nicht gebraucht hätten.

Wie unterscheidet sich die Stiftung von anderen Institutionen, die Gesundheitsinformationen anbieten?

Wegwarth: Es gibt tatsächlich viele Anbieter, die Gesundheitsinformationen für Patienten zur Verfügung stellen. Viele davon sind aber weder qualitätsgesichert noch unabhängig und laienverständlich. Daher hat der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen in seinem jüngsten Gutachten 2014 den Bedarf nach einer unabhängigen Plattform für Patienteninformationen formuliert. Die Stiftung Gesundheitswissen wird diesen Bedarf gezielt adressieren, in dem sie für alle Patienten evidenzbasierte, laienverständliche und transparente Informationen zu verschiedensten Themen rund um die Gesundheit verfügbar macht.  

"Es ist unsere Aufgabe, Informationen laienverständlich aufzuarbeiten."

Wie wird die Stiftung ihre Aufgaben umsetzen?

Wegwarth: Wir erarbeiten indikationsbezogene Patienteninformationen und stellen dazu Behandlungsalternativen sowie Diagnose- und Präventionsmöglichkeiten dar. Ausgangspunkt unserer Arbeit sind der konkrete Informationsbedarf der Patienten, der vor der Bearbeitung eines Themas ermittelt wird, und systematische Literaturrecherchen des aktuellen Wissensstandes zu diagnostischen und therapeutischen Verfahren. Grundlage der Arbeit sind die Methoden der evidenzbasierten Medizin und die Expertise von wissenschaftlichen Instituten und ärztlichen Fachgesellschaften.

Was verstehen Sie unter evidenzbasiert?

Wegwarth: Evidenzbasiert bedeutet, dass wir als Grundlage für die Patienteninformation stets Daten aus den qualitativ hochwertigsten klinischen Studien verwenden, die uns die besten Aussagen dazu liefern, ob etwas den Patienten nutzt oder nicht. Wir übersetzen diese wissenschaftlichen Erkenntnisse dann in eine laienverständliche Sprache. Damit kann sich der Patient – schon bevor er einen Arzt sieht – darauf vorbereiten, was er von möglichen Behandlungsmethoden erwarten kann und was nicht.

Wie werden diese Informationen den Patienten dann zur Verfügung gestellt?

Wegwarth: Die zentrale Informationsplattform wird die Internetseite der Stiftung sein. Dort wird es ein multimediales Informationsangebot geben: Über leicht verständliche Texte hinaus wollen wir Faktenboxen, Infografiken, Erklärvideos, Patienteninterviews und ähnliches anbieten. Diese Angebote richten sich bewusst an unterschiedliche Informationsbedarfe und Bildungsgrade und sollen die Reichweite des Portals erheblich erhöhen. Insbesondere Videos werden ja immer öfter als Informationsquelle genutzt. Diese Chance wollen wir wahrnehmen, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Langfristig ist zudem geplant, Informationen über die Internetseite hinaus auch als Printmaterial anzubieten, das zum Beispiel in Arztpraxen ausgelegt werden kann.

Welchen Krankheiten werden Sie sich zuerst widmen?

Wegwarth: Sehr spezielle oder seltene Erkrankungen werden sicher erst später bei der Stiftung Beachtung finden können. Und die Dinge, die viele Bürger betreffen, werden natürlich Vorrang haben. Wie zum Beispiel Diabetes oder Herzerkrankungen.

Wann werden die ersten Informationen zur Verfügung stehen?

Wegwarth: Zurzeit bauen wir die Stiftung Schritt für Schritt auf und leisten die notwendigen Vorarbeiten. Im Dezember wollen wir eine Studie zu den Informationsbedürfnissen der Patienten vorstellen. Auf den daraus gewonnenen Erkenntnissen werden wir unser Informationsangebot aufbauen.