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PKV publik 8.2015

Ältere Dame erhält eine Kopfmassage
 

Natürliche Pflege

Pflegebedürftige profitieren von Naturheilverfahren

Eine Studie der Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) belegt das große Potenzial naturkundlicher Verfahren im Pflegebereich.


Naturheilkundliche Verfahren in der Pflege fördern die Gesundheit älterer und pflegebedürftiger Menschen. Zudem machen sie die Pflege oft einfacher, weil die Betroffenen bei entsprechenden Anwendungen weniger Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Das zeigt eine aktuelle, vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) geförderte Studie, die das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) in Kooperation mit der Berliner Charité und dem Kneipp-Bund durchgeführt hat.

Ein Becher Lavendeltee kann das Beruhigungsmittel ersetzen, eine sanfte Fußmassage die Schlaftablette. Naturheilverfahren wie diese zielen darauf, die Selbstheilungskräfte des Menschen zu aktivieren. Sie lassen sich gut als Ergänzung beim Versorgen älterer und pflegebedürftiger Menschen in den Pflegealltag integrieren und können nicht nur die Gesundheit der Betroffenen positiv beeinflussen, sondern indirekt auch die der Pflegenden. Dies zeigt die Studie, an der insgesamt 174 Bewohner und 111 Mitarbeiter aus 13 Pflegeeinrichtungen teilgenommen haben. Die Untersuchung, die mit dem Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité – eine der führenden Einrichtungen für die Erforschung naturheilkundlicher Verfahren – durchgeführt wurde, soll den bislang dürftigen Informationsstand zur Wirkung und Praktikabilität naturheilkundlicher Konzepte in der Pflege verbessern.

Senioren, Pflegepersonal und Krankenversicherungen profitieren gleichermaßen.

Ein wesentliches Ergebnis: Bewohner von Kneipp-Seniorenwohnheimen, die regelmäßig naturheilkundliche Maßnahmen anwenden, benötigen insgesamt weniger der sogenannten Bedarfsmedikamente, wie Abführmittel oder Schlafmittel, als die in anderen Pflegeheimen lebenden Menschen. Prävention statt Medikation lautet die Devise. Davon profitieren neben den Betroffenen und dem Pflegepersonal auch die Krankenversicherungen. Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender der Stiftung ZQP: „Um die Herausforderung in der Pflege bewältigen zu können, benötigen wir in einer Gesellschaft des langen Lebens verstärkt pflegerische Versorgungskonzepte, die auf Prävention und Gesundheitsförderung ausgerichtet sind.“

Die Studieninitiatoren sehen gleichzeitig Hinweise darauf, dass sich das sogenannte herausfordernde Verhalten demenzkranker Menschen, also beispielsweise Unruhe oder Schreien, mit naturheilkundlichen Maßnahmen reduzieren lässt. Dies ist nicht nur von Vorteil für die Betroffenen, sondern hat auch positive Auswirkungen auf das Stressniveau der Pflegekräfte.

Doch nicht nur Kneipp, sondern auch andere naturheilkundliche Methoden können Gutes bewirken. „Durch eine hohe Anwendungsfrequenz von gesundheitsfördernden Maßnahmen im Pflegealltag können Lebensqualität und Gesundheit von Bewohnern in Seniorenwohnheimen deutlich verbessert werden“, erläutert Suhr. So belegen die Ergebnisse, dass das persönliche Wohlbefinden bei Bewohnern, die mindestens einmal täglich gezielte gesundheitsfördernde pflegerische Anwendungen erhalten, steigt. Dies gilt sowohl für Kneipp-Anwendungen als auch für andere gesundheitsfördernde Maßnahmen in Form von Bewegungsförderungs-, Mental- und Kreativitätstraining gleichermaßen. Insgesamt waren Gesundheitszustand, Kognition und Alltagsfähigkeiten der Bewohner im Verlauf eines Jahres erstaunlich gut und stabil.

Die Untersuchung zeigt also, dass naturheilkundliche Methoden einen vielversprechenden Ansatz bieten, die Lebensqualität in Pflegeeinrichtungen zu verbessern. Studienleiter Professor Benno Brinkhaus vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité-Universitätsmedizin Berlin: „Mit dieser Untersuchung konnten wir eine umfangreiche, methodisch hochwertige Vergleichsstudie durchführen, die den Nutzen naturheilkundlicher Verfahren in der Pflege zeigt.“

Dennoch sind derartige Konzepte in Pflegeeinrichtungen bisher eher die Ausnahme. „Naturheilkundliche Verfahren als Maßnahmen zur Gesundheitsförderung bei älteren und pflegebedürftigen Menschen finden in der Pflege bisher noch zu wenig Beachtung, obwohl wir wissen, dass bis zu 60 Prozent der älteren Menschen naturheilkundliche Verfahren einsetzen“, sagt Brinkhaus.

Dabei bietet eine naturheilkundliche Pflege viele Einsatzmöglichkeiten. Physikalische Maßnahmen wie Kalt-Warmbeziehungsweise Nass-Trocken-Anwendungen, Bewegungen, Einreibungen oder Massagen stimulieren den Stoffwechsel sowie das Immun- oder Herz- Kreislauf-System. Methoden, die den Geruchs-, Geschmacks- oder Tastsinn aktivieren, fördern die Wahrnehmungsfähigkeit. Pflanzliche Tees und Arzneimittel können leichtere Beschwerden nebenwirkungsarm lindern. Gut belegt sind unter anderem die schleimlösende Wirkung von Thymian, die durchblutungsfördernde von Rosmarin und die beruhigende von Lavendel. Zusätzlich erhält die pflegebedürftige Person Zuwendung und Aufmerksamkeit. Das kann ihre Stimmung heben und vertrauensbildend wirken. Grundsätzlich ist es wichtig, nur Anwendungen zu nutzen, deren Wirkweisen und Risiken bekannt sind.

Maßnahmen wie diese nützen nicht nur den Bewohnern der Einrichtungen, sondern auch den Pflegenden. Denn sie können in Abstimmung mit Ärzten und anderen Berufsgruppen gezielt wohltun und Beschwerden lindern. „Das Arbeiten mit Naturheilverfahren kann dem Pflegepersonal mehr Autonomie, breiteren Handlungsspielraum und eine höhere Arbeitszufriedenheit geben“, so der ZQPVorstandsvorsitzende Suhr.  


Das ZQP hat in Kooperation mit der Charité einen Ratgeber zum Einsatz von Naturheilmitteln in der Pflege entwickelt. Alle Empfehlungen sind qualitätsgesichert. Sie basieren auf aktuellem Fachwissen. Das Heft kann kostenlos unter info@zqp.de bestellt oder auf www.zqp.de heruntergeladen werden.