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PKV publik 7.2015

"Wir sind auf einem guten Weg."

Susanne Hilsenbek arbeitet seit sechs Jahren bei der privaten Pflegeberatung COMPASS und ist auf das Thema Demenz spezialisiert. Zuvor leitete die gelernte Krankenschwester über 10 Jahre einen ambulanten Pflegedienst. Im Interview mit PKV publik spricht sie über die zunehmende Bedeutung des Themas Demenz, die Herausforderungen für pflegende Angehörige und einen neuen Umgang mit dem Thema in der Öffentlichkeit.


 

Frau Hilsenbek, Sie sind Demenz-Expertin bei COMPASS. Was kann man sich darunter vorstellen?

Hilsenbek: Zunächst einmal bin ich Pflegeberaterin vor Ort. Das heißt, ich arbeite von zu Hause und fahre in meinem Umkreis im Saarland zu Klienten, die einen Beratungswunsch haben. Rund 90 Prozent der Beratungen finden bei den Betroffenen zu Hause statt, manchmal berate ich aber auch im Pflegeheim oder im Krankenhaus.

Natürlich haben alle Pflegeberaterinnen und Pflegeberater bei COMPASS ein solides Grundwissen zum Thema Demenz. Sonst könnten wir gar nicht in diesem Bereich arbeiten. Dafür ist das Thema mittlerweile viel zu verbreitet, als dass wir darüber nur mit einzelnen Experten beraten könnten. Ich bin aber die Ansprechpartnerin für das gesamte Team, wenn es um Sonderfragen zum Thema geht. Demenzielle Erkrankungen können ja sehr unterschiedlich sein, und dementsprechend verschieden ist der Umgang damit. Zum anderen bin ich als Demenzexpertin dafür verantwortlich, in der Öffentlichkeit dafür zu sorgen, dass das Thema Demenz breit aufgestellt ist. Dazu gehört zum Beispiel die Vernetzung der Beratungsangebote vor Ort.

Seit wann interessiert Sie das Thema Demenz?

Hilsenbek: Das Thema Demenz begleitet mich, seitdem ich in der Pflege arbeite. Über die Jahre habe ich gemerkt, dass die Demenzerkrankungen stetig zunehmen. Und ich habe erfahren, dass die Betreuung von Menschen mit Demenz ganz besondere Herausforderungen stellt und viel Wissen über die Krankheit erfordert. Deswegen habe ich angefangen, mich fortzubilden und habe Schulungen besucht, wie etwa bei der Deutschen Alzheimer Gesellschaft und bei anderen Trägern, die theoretisches Grundwissen über die verschiedenen Formen und Verläufe der Demenz vermittelt haben. Denn da gibt es große Unterschiede, die auch unterschiedliche Vorgehensweisen erfordern. Und so habe ich mich sukzessive immer weiter in das Thema hineingearbeitet.

Woran lässt sich die zunehmende Bedeutung von Demenzerkrankungen festmachen?

Hilsenbek: In den sechs Jahren, die ich für COMPASS arbeite, habe ich eine deutliche Zunahme an Beratungsanfragen erfahren, bei denen es um einen Menschen mit Demenz ging. Da ist ein deutlicher Anstieg spürbar. Während meiner Zeit im ambulanten Pflegedienst war das Thema noch weniger präsent. Da standen körperliche Einschränkungen deutlich im Vordergrund. Da merkt man, dass sich etwas verschiebt.

Was meinen Sie, woran das liegt?

Hilsenbek: Das ist zum einen natürlich altersbedingt. Die Zahl der hochbetagten Menschen, die eher von einer Demenz betroffen sind, steigt an. Hinzu kommt, dass man sich früher nicht so sehr mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Früher hörte man oft von Angehörigen, die vielleicht „etwas sonderbar“ oder „ein bisschen durcheinander“ waren. Aber das hatte noch nicht den Namen Demenz. Dadurch, dass so etwas aber inzwischen eben immer häufiger vorkommt, rückt es gleichzeitig immer mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit.

Denn immer mehr Menschen sind ja mit den gleichen Fragen konfrontiert: Wie werden Betroffene versorgt? Wie leben sie in Städten, wo sehr viele alte Menschen alleine sind, weil die Kinder nicht vor Ort leben und die sozialen Netzwerke nicht so stark sind wie auf dem Land.

Demenz ist oft ein Abschied aus der gemeinsamen Lebenswirklichkeit.

Wie unterscheidet sich die Pflege eines Menschen mit Demenz von der Pflege eines Betroffenen mit körperlichen Einschränkungen?

Hilsenbek: Eine Herausforderung liegt darin, mit einer immer schlechter werdenden Orientierung der Betroffenen klar zu kommen. Stellen Sie sich einen Angehörigen vor, der körperlich noch in guter Verfassung ist, den Sie aber nicht alleine lassen können, weil er normale Alltagstätigkeiten nicht mehr sicher durchführt. Es besteht die Gefahr, dass er wegläuft oder dass er den Herd anlässt und dass dadurch gefährliche Situationen entstehen. Das haben Sie in der Regel bei Menschen mit körperlichen Gebrechen nicht. Natürlich kann es sein, dass die körperliche Beanspruchung bei pflegenden Angehörigen sehr hoch ist, weil gehoben, getragen oder gelagert werden muss. Das gibt es bei einem Menschen mit Demenz oft nicht. Aber die Angehörigen sind rund um die Uhr auf den Beinen, sie sind eingespannt, weil kein Tag wie der andere ist und sie nicht wissen, was in der nächsten Minute passieren wird. Und das ist natürlich vor allem eine riesengroße psychische und emotionale Belastung.

Spiegelt sich das auch in den Beratungen wider?

Hilsenbek: Selbstverständlich. Ständig präsent sein zu müssen, immer darauf achten zu müssen, was passiert und nicht zu wissen, ob der Alltag heute mal glatt durchläuft – Das ist eine immense Belastung.

Hinzu kommt die psychische Belastung, die dadurch entsteht, dass man zusehends einen Menschen verliert, der einem ein Gegenüber ist. Zum Beispiel Ehepaare, die 50 oder 60 Jahre miteinander gelebt und alles miteinander geteilt haben. Und plötzlich erkrankt ein Partner an Demenz und verabschiedet sich aus der gemeinsamen Lebenswirklichkeit. Das ist ein großer emotionaler Verlust. Gleichzeitig steigt aber die Notwendigkeit zur Betreuung und zur Beaufsichtigung stark an. Das belastet die Betroffen sehr stark.

Wie können Sie den Angehörigen helfen?

Hilsenbek: Das Wichtigste ist, dass wir den Angehörigen helfen, aus dieser permanenten Überlastungssituation herauszukommen. Dafür müssen sie ihre Angehörigen gut aufgehoben und umsorgt wissen – entweder zu Hause oder in der Betreuungseinrichtung. Dazu raten wir sehr oft, weil das Momente sind, in denen die Angehörigen wieder Kraft tanken können. Oft empfehlen wir, dass die Angehörigen regelmäßig feste Tage einplanen, in denen sie Zeit für sich haben.

Außerdem geben wir einen Überblick über Kurse, in denen die Angehörigen lernen, sich mit der Krankheit besser auseinanderzusetzen und mit schwierigen Situationen umzugehen. Angehörige in ihrer Kompetenz zu stärken ist sicher das, was ihnen am meisten helfen kann.

Werden die Angebote angenommen?

Hilsenbek: Ja. Aber oft erleben wir, dass Angehörige erst sehr spät Hilfe akzeptieren. Zum Teil pflegen sie ihre Partner zwei bis drei Jahre, bis sie eine Beratung in Anspruch nehmen. Und oft dauert es, bis sie es nicht mehr als persönliches Versagen empfinden, wenn sie ihren Partner mal in eine Kurzzeitpflege geben. Wir müssen ihnen dann zeigen, dass das ein verantwortungsvoller Umgang mit der eigenen Kraft ist.

Wie beraten Sie Menschen, bei denen bereits eine Demenz festgestellt wurde?

Hilsenbek: Bei Menschen, die selbst mit einer beginnenden Demenz konfrontiert werden, muss ganz klar die Vorsorge im Mittelpunkt stehen. Wie bereite ich mich darauf vor? Wie kläre ich Vollmachten? Wie informiere ich mein Umfeld, was ich gerne möchte und was ich nicht möchte. Dafür ist es natürlich wichtig, dass eine Demenz möglichst früh erkannt wird, damit die Betroffenen noch Zeit haben, sich vorzubereiten und sich damit auseinanderzusetzen.

Das Pflegestärkungsgesetz II soll Verbesserungen für Menschen mit Demenz bringen. Wie beurteilen Sie die geplanten Neuregelungen?

Hilsenbek: Dass es mehr Leistungen für Menschen mit Demenz, aber auch für die pflegenden Angehörigen geben soll, halte ich für unbedingt erforderlich, damit mehr Entlastungsangebote in Anspruch genommen werden können. Oft scheitert das ja auch daran, dass es eben auch finanziell eng ist. Zudem haben wir schon in der Vergangenheit erlebt, dass sich mit mehr Leistungen auch bessere Strukturen vor Ort herausbilden und mehr Angebote entstehen. Das ist gerade in ländlichen Regionen sehr wichtig. Was ich mir zudem noch wünschen würde ist, dass es etwas übersichtlicher wird, welche Leistungen Pflegebedürftige oder Angehörige in Anspruch nehmen können. Immer wieder erleben wir in der Beratung, dass die Menschen gar nicht wissen, wo sie Unterstützung erhalten können.

Wie ist Ihr Ausblick in die Zukunft?

Hilsenbek: Wir sind auf dem richtigen Weg. Wenn ich mir ansehe, wo wir in der Diskussion in der Pflegebedürftigkeit herkommen, bin ich zuversichtlich: Noch vor 20 bis 30 Jahren war ja auch der Umgang mit Menschen mit einem körperlichen Handicap in der Öffentlichkeit sehr schwierig. Das war eigentlich gar kein Thema und kaum jemand wollte darüber reden. Inzwischen ist das ganz selbstverständlich. Wir haben hier eine weitgehende Integration in unseren Alltag erlebt. Und das wird mit Menschen mit Demenz genauso sein. Aber das braucht einfach Zeit. Ich bin mir sicher, dass man in der nächsten Generation ganz anders mit dem Thema umgeht.