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PKV publik 7.2015

Hand hält Vergissmeinnicht
 

Vergiss mein nicht

Das Thema Demenz spielt in der Öffentlichkeit eine immer größere Rolle

In unserer Gesellschaft wird es immer mehr Menschen mit Demenz geben. Höchste Zeit also, dass diesem wichtigen Thema mehr Beachtung geschenkt wird. Im September findet in Deutschland erstmals „Die Woche der Demenz“ statt.


Es ist ein langsamer aber stetiger Bewusstseinswandel, der sich in der öffentlichen Wahrnehmung vollzieht: Das Thema Demenz rückt immer mehr in den Mittelpunkt, wenn es um die Frage geht, wie unsere Gesellschaft mit der wachsenden Zahl pflegebedürftiger Menschen umgehen soll. Denn dass die Alterung unserer Bevölkerung einen steigenden Pflegebedarf mit sich bringen wird, dürfte mittlerweile wohl den meisten bewusst sein. 4,5 Millionen Pflegebedürftige wird es nach Prognosen des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2050 geben. Heute sind es 2,6 Millionen. Doch lange Zeit konzentrierte sich die Diskussion vor allem auf körperliche Gebrechen, die ein hohes Lebensalter gewöhnlich mit sich bringt. Über Demenzerkrankungen hingegen wurde lange Zeit – sei es aus Unwissenheit, Scham oder sonstigen Gründen – nur am Rande gesprochen.

Schon heute leben in Deutschland etwa 1,5 Millionen Menschen mit Demenz.

Dabei leben in Deutschland schon heute etwa 1,5 Millionen Menschen mit Demenz. Und jedes Jahr bringt rund 300.000 Neuerkrankungen. Die Häufigkeit der demenziellen Erkrankungen steigt mit dem Alter stark an. In der Altersgruppe der 60-Jährigen ist nur jeder Hundertste betroffen, bei den 80-Jährigen jeder Zehnte und bei den 90-Jährigen und älteren jeder Dritte. Aufgrund einer steigenden Lebenserwartung und der damit einhergehenden wachsenden Zahl alter und hochbetagter Menschen ist mit einer weiteren Zunahme zu rechnen. Ohne Fortschritte bei Prävention und Therapie könnte sich die Anzahl der demenziell erkrankten Menschen im Jahr 2050 auf etwa drei Millionen erhöhen.

So sprach etwa Prof. Gereon Fink in einem Zeitungsinterview von einem „Flächenbrand“, der auf uns zukomme (Kölner Stadt-Anzeiger vom 18.08.2015). Unsere Lebenserwartung liege bei etwa 85 Jahren, damit liege die Wahrscheinlichkeit, eine Demenz zu entwickeln, bei etwa 25 bis 30 Prozent, rechnete der Direktor am Institut für Neurowissenschaften und Medizin am Forschungszentrum Jülich vor. Darüber hinaus seien viele weitere Menschen, die Angehörige pflegen müssten, mittelbar betroffen.

Unter dem Begriff Demenz wird in der Medizin ein anhaltender oder fortschreitender Zustand herabgesetzter Fähigkeiten in den Bereichen des Gedächtnisses, des Denkens und anderer Leistungen des Gehirns verstanden. Die nach dem deutschen Neuropathologen und Psychiater Alois Alzheimer benannte Alzheimerkrankheit stellt mit 60 Prozent die häufigste Ursache einer Demenzerkrankung dar. Eine demenzielle Erkrankung kann durch Neurologen, Gerontologen oder geriatrische Psychiater diagnostiziert werden. 

Derzeit sind noch keine Wirkstoffe zur Heilung demenzieller Erkrankungen vorhanden. Jedoch gibt es einige verfügbare Medikamente, die eine symptomatische Linderung der Leistungseinbußen bewirken und die Lebensqualität von Erkrankten sowie deren Angehörigen verbessern können.

Inzwischen ist das Thema Demenz endlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen. So findet vom 21. bis zum 27. September 2015 erstmals in Deutschland „Die Woche der Demenz“ statt. Diese wird – in Anlehnung an „Remember me“, das Motto des diesjährigen Welt-Alzheimer-Tages – unter dem Leitgedanken „Demenz – Vergiss mich nicht“ stehen. Die Schirmherrschaft übernehmen Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig und Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe.

Die Woche der Demenz geht zurück auf eine Vereinbarung der Gestaltungspartner der Allianz für Menschen mit Demenz (www.allianz-fuer-demenz.de) im September 2014, die im Rahmen der Demografiestrategie der Bundesregierung ins Leben gerufen wurde und an der der PKV-Verband beteiligt ist. Im Mittelpunkt der Allianz stehen die Fragen des Alterns in Würde sowie einer qualitativ hochwertigen Pflege und Versorgung. In einer Gesellschaft des langen Lebens wird auch die Zahl der Menschen mit Demenz weiter zunehmen. Eine demenzielle Erkrankung ist oftmals schambesetzt und wird tabuisiert. Erkrankte und Angehörige fühlen sich isoliert.

Den Umgang mit der Erkrankung Demenz zu verändern, gehört zu den großen gesundheits- und gesellschaftspolitischen Herausforderungen, denen nur mit vereinten Kräften begegnet werden kann. Der Allianz für Menschen mit Demenz gehören fünf Bundesministerien an. Sie bündeln ihre Aktivitäten und setzen sich für eine Verbesserung der Lebensqualität Betroffener und ihrer Angehörigen ein. Die Umsetzung der vereinbarten Ziele und Maßnahmen erfolgt zudem gemeinsam mit Verantwortlichen aus den Bereichen Politik und Wissenschaft, Medizin, Pflege, Verbänden, privater und gesetzlicher Krankenversicherung, Pharmaindustrie, Wirtschaft, Gewerkschaften, Trägern der Sozialhilfe, Medien und auch Vertretern der Betroffenen selbst. Durch diese breite Basis erfolgt die Zusammenführung und Bündelung der Kräfte aller Verantwortlichen auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene.

Die an der Allianz beteiligten Gestaltungspartner haben sich zu einer Vielzahl von Vereinbarungen und Maßnahmen auf vier Handlungsfeldern (Wissenschaft und Forschung, Gesellschaftliche Verantwortung, Unterstützung von Menschen mit Demenz und deren Familien, Gestaltung des Unterstützungs- und Versorgungssystems) verständigt, die in unterschiedlicher Trägerschaft und Verantwortung umgesetzt werden. Bereits Anfang 2016 soll ein erster Fortschrittsbericht vorgelegt werden.

Der wohl wichtigste Schritt hin zu einer besseren Versorgung von Menschen mit Demenz ist die geplante Pflegereform, für die unter dem Namen „Pflegestärkungsgesetz II“ (PSG II) seit August ein Regierungsentwurf vorliegt.

Mit dem PSG II werden durch die Verbesserung der Beratungsstrukturen, ein neues Begutachtungsverfahren, Verbesserungen im Leistungsrecht und weitere Regelungen auch wesentliche Maßnahmen der Allianz für Menschen mit Demenz umgesetzt. Auch die Private Krankenversicherung unterstützt die Ziele des Gesetzentwurfs ausdrücklich. Insbesondere wird eine noch differenziertere Leistungs- und Angebotspalette im Rahmen der Pflegeversicherung ermöglicht, die eine wohnortnahe Pflege sowohl für Menschen mit körperlichen Einschränkungen als auch für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigen (z. B. Demenz) unterstützt.

Schon bei der Begutachtung der Versicherten zur Feststellung der Pflegebedürftigkeit werden nach den Plänen der Bundesregierung wesentlich mehr Kriterien zur Anwendung kommen als heute. So werden etwa psychische Probleme oder auch die Fähigkeit bzw. der Wunsch nach sozialen Kontakten der Betroffenen abgefragt. Ziel ist es, möglichst genau zu erfassen, welche Bedürfnisse der Einzelne konkret hat. Damit sollen nach Angaben der Bundesregierung körperlich, geistig und psychisch bedingte Pflegebedürftigkeit vollkommen gleichrangig als Einschränkungen angesehen und bewertet werden.

So wird in Zukunft auch die Einstufung in fünf Pflegegrade, die die heutigen drei Pflegestufen ersetzen, eine bessere Differenzierung möglich machen (s. Tabelle). Vollkommen neu ist dabei der Pflegegrad 1. Hier werden Menschen eingestuft, für die zum Beispiel schon eine Verbesserung des Wohnumfeldes eine wichtige Unterstützung im Alltag darstellt. Damit werden viele Menschen erstmals einen Anspruch auf Leistungen aus der Pflegeversicherung haben. Bis zu eine halbe Million Leistungsempfänger wird es dann mittelfristig laut Prognose der Bundesregierung zusätzlich geben.

Bei der Überleitung bisheriger Leistungsbezieher von den heutigen Pflegestufen in die zukünftigen Pflegegrade soll ebenfalls ein besonderes Augenmerk auf die Menschen mit Demenz gelegt werden. Für die Überleitung gibt die Bundesregierung zwei Grundsätze vor: Niemand soll durch die Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs schlechter gestellt werden und niemand, der bereits Leistungen bezieht, soll einen neuen Antrag auf Begutachtung stellen müssen.

Um diesen Grundsätzen gerecht zu werden, sollen Menschen mit körperlichen Einschränkungen im Vergleich zu ihrer aktuellen Pflegestufe jeweils in den nächst höheren Pflegegrad überführt werden. Wer also heute die Pflegestufe I hat, kommt in den Pflegegrad 2, wer Pflegestufe III hat, kommt in den Pflegegrad 4. Menschen mit geistigen Einschränkungen kommen im Vergleich zur heutigen Pflegestufe in den übernächsten Pflegegrad. Also: Von der heutigen Pflegestufe 0 etwa in Pflegegrad 2; oder von Pflegestufe II in den neuen Pflegegrad 4.

Neben diesen Neuregelungen sieht der Gesetzentwurf der Bundesregierung noch weitere Änderungen vor. So sollen etwa pflegende Angehörige bessergestellt werden. Zuvor muss der Entwurf allerdings noch Bundestag und Bundesrat passieren. Nach aktueller Planung soll das Gesetz aber am 18. Dezember endgültig verabschiedet werden.

Neben Regierung und Gesetzgeber sowie vielen anderen Gestaltungspartnern tragen auch der Verband der Privaten Krankenversicherung und die Private Pflegepflichtversicherung permanent dazu bei, die Situation der Pflegebedürftigen allgemein und der Menschen mit Demenz im besonderen zu verbessern:

Pflegeberatung

Durch die umfassende und aufsuchende Pflegeberatung der COMPASS Private Pflegeberatung wird dem besonderen Beratungsbedarf im Zusammenhang mit Pflegebedürftigkeit Rechnung getragen. In Kooperation mit der Deutschen Alzheimer Gesellschaft ausgebildete Demenzberaterinnen und Demenzberater decken den speziellen Informationsbedarf der Ratsuchenden ab (s. auch Interview auf Seite 8). Bei der Verbesserung der Lebenssituation von Menschen mit Demenz und deren Angehörigen kommt der Pflegeberatung nach § 7a SGB XI daher eine besondere Bedeutung zu.

Online-Portal „www.pflegeberatung.de

Neben der Pflegeberatung durch COMPASS steht seit Ende 2014 zusätzlich ein Online-Portal als Ratgeber im Pflegefall bereit. Unter „www.pflegeberatung.de“ erhalten Betroffene und pflegende Angehörige Antworten zu wichtigen Fragen der persönlichen Pflegeplanung. So finden sie zum Beispiel Informationen zu Pflegeheimen, ambulanten Diensten, Tages- und Nachtpflege, Betreuungsangeboten sowie weiteren Entlastungsmöglichkeiten. Zudem gibt es viele Informationen zum Thema Demenz, die kontinuierlich ergänzt werden. Mithilfe von Checklisten und Tests kann zum Beispiel geprüft werden, ob eine Pflegestufe beantragt werden sollte. Mit einem Rechner lassen sich die Kosten von Pflegediensten speziell für die individuell benötigten Leistungen abschätzen.

Wissenschaft und Forschung

Zur Verbesserung der Versorgungspraxis trägt auch die Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) bei. Das ZQP wurde 2009 als unabhängige und gemeinnützige Stiftung der Privaten Krankenversicherung errichtet und hat seither rund 70 Projekte/Studien zum Thema Qualität in der Pflege initiiert. Die Ergebnisse stehen in Online-Portalen sowie als Fach- und Verbraucherbroschüren allen Interessierten zur Verfügung. Die allgemeine Verbesserung der Versorgung von Menschen mit Demenz ist ein Schwerpunktthema des Zentrums für Qualität in der Pflege.