• Vorlesen
  • A A A

PKV publik 7.2015

„Die Patienten sind mündiger geworden.“

Arztbriefe sind für Patienten oft schwer zu verstehen. Über das Internetportal „washabich.de“ übersetzen Ärzte und Medizinstudenten medizinische Befunde in eine leicht verständliche Sprache. Mitgründerin und Geschäftsführerin Anja Bittner spricht im Interview mit PKV publik über Qualitätssicherung, politische Unterstützung und Zukunft des Projekts.


 

Frau Bittner, mit dem Projekt „Was hab‘ ich?“ übersetzen Sie für Patienten Arztbefunde in eine leicht verständliche Sprache. Wie kam es zu dieser Idee?

Bittner: Im Januar 2011 bat mich eine Freundin, ihr einen medizinischen Befund ihrer Mutter zu erklären. Im Nachhinein kam die Frage auf, was Sie wohl ohne meine Hilfe gemacht hätte? Eine Antwort darauf hatten meine heutigen Kollegen – Johannes Bittner und Ansgar Jonietz – und ich nicht. Also wollten wir herausfinden, ob es noch mehr Menschen gibt, die ihre Arztbriefe besser verstehen wollen. Vier Tage später gingen wir mit unserer Internetseite „washabich.de“ online. Wenige Minuten später kam die erste Anfrage, nach einigen Tagen waren wir völlig überlastet. Wir wussten nun also, dass es da einen Bedarf gab. So fingen wir an, ein Netzwerk aus Medizinern aufzubauen und unsere Website nach und nach zu professionalisieren.

Wird das Angebot heute noch immer viel genutzt?

Bittner: Ja. Wir haben inzwischen ein virtuelles Wartezimmer eingerichtet, um unsere Arbeit gerecht verteilen zu können: Jeden Morgen um 7 Uhr können Patienten sich mit ihrer E-Mailadresse registrieren. Wenn unsere Kapazität für den Tag erreicht ist, schließen wir das Wartezimmer und die Patienten können es am nächsten Tag wieder versuchen. Unser Wartezimmer hat übrigens auch Samstag und Sonntag geöffnet. Insgesamt übersetzen wir ungefähr 150 Befunde pro Woche – das sind fast 25.000 seit Beginn unserer Arbeit.

Wie gehen Patienten vor, wenn Sie ihren Service in Anspruch nehmen wollen?

Bittner: Wenn sie einen Platz im virtuellen Wartezimmer bekommen haben, erhalten die Patienten nach wenigen Tagen einen Link, über den sie ihren Befund auf unserer Webseite einsenden können. Dafür laden sie ihren Befund hoch, senden ihn uns per Fax oder tippen die wichtigen Textstellen ab. Zusätzlich benötigen wir das Geschlecht und das Geburtsjahr des Patienten. Darüber hinaus erfragen wir keine persönlichen Daten. Lediglich eine E-Mailadresse muss der Nutzer angeben, damit wir ihn über die Fertigstellung der Befundübersetzung informieren können.

Wie viele Mitarbeiter sind bei Ihnen beschäftigt?

Bittner: Unser ehrenamtliches Team umfasst knapp 1.300 Mediziner aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Davon sind immer etwa 200 Mediziner aktiv, übersetzen also Befunde oder beantworten Fachfragen von anderen Medizinern im Netzwerk.

Übrigens ist für uns die Zahl der erreichten Mediziner sehr wichtig – denn jeder neue Helfer erhält von uns eine Schulung in laienverständlicher Kommunikation. Dadurch erklären unsere Mediziner nicht nur die eingesendeten Befunde besser, sondern sie können das Gelernte auch in ihrem Berufsalltag einsetzen und so anderen Patienten noch besser helfen.

Zusätzlich zu unserem ehrenamtlichen Team haben wir ein kleines hauptamtliches Team: In unserer „Was hab’ ich?“-Zentrale in Dresden sind wir zu sechst – wir drei Gründer sowie zwei Ärztinnen und eine Kommunikationswissenschaftlerin.

Nun enthalten Arztbriefe sensible Daten. Wie wird die Anonymität der Patienten gewahrt und wie sichern Sie die Qualität?

Bittner: Die persönlichen Daten unserer Nutzer zu schützen, ist uns ein großes Anliegen. Wir bitten daher die Patienten bei Einsendung ihres Befundes alle persönlichen Daten zu schwärzen. Zusätzlich werden die Daten auf unserer Seite über eine sichere Datenverbindung übertragen, so wie es auch beim Online-Banking der Fall ist. Der Zugriff auf Befunde ist zudem unseren Medizinern nur in einem passwortgeschützten Bereich möglich und selbstverständlich unterliegen wir alle der Schweigepflicht.

Die Qualität der Übersetzungen sichern wir durch ein aufwändiges Einarbeitungs- und Betreuungssystem für unsere ehrenamtlichen Mediziner. Mitmachen kann nur, wer mindestens im 8. Fachsemester Medizin studiert. Jeder neue Ehrenamtler erhält eine Ausbildung zum Übersetzer. Dabei lernt man mit Hilfe eines erfahrenen und speziell geschulten Übersetzers unter 1:1-Betreuung unsere Leitlinien zum leicht verständlichen Erklären kennen und übt, diese anzuwenden. Erst nach Abschluss dieser Ausbildung dürfen die Übersetzer eigenständig Befunde erklären. Zusätzlich haben wir ein Netzwerk aus erfahrenen Ärzten, die unseren Medizinern bei Fachfragen weiterhelfen. Für onkologische Fragestellungen gibt es sogar die Möglichkeit, direkt den Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums um fachliche Unterstützung zu bitten.

Ihr Angebot ist für die Patienten kostenlos. Wie finanzieren Sie sich?

Bittner: Genau – Patienten können unser Angebot kostenlos nutzen. So stellen wir sicher, dass jeder Patient, unabhängig von seinen finanziellen Möglichkeiten, unser Angebot nutzen kann. Durchschnittlich jeder dritte Nutzer von „Was hab’ ich?“ spendet etwas an uns. Zusätzlich erhalten wir Unterstützung zum Beispiel von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und von Stiftungen. Außerdem führen wir unter anderem Projekte gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung und dem AOK Bundesverband durch, die uns eine Querfinanzierung unseres Angebots ermöglichen. Natürlich sind wir auch immer auf der Suche nach weiteren Unterstützern.

Bekommen Sie auch Unterstützung von der Politik?

Bittner: Für uns war es von Anfang an wichtig, die Ärzteschaft hinter uns zu wissen. Wir möchten mit unserem Angebot die Arzt-Patient-Kommunikation unterstützen, die aus vielerlei Gründen oft nicht optimal funktioniert. Das ist bei Weitem nicht immer die Schuld des Arztes. Die politische Brücke zur Ärzteschaft haben wir erfolgreich geschlagen – die beiden großen Ärztegewerkschaften Marburger Bund und Hartmannbund sind Unterstützer unseres Projektes.

Auch das Bundesministerium für Gesundheit unterstützt uns. In der Vergangenheit war diese Unterstützung vor allem ideell – so wurde beispielsweise der ehemalige Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr noch zu seiner Amtszeit unser Botschafter und wir stehen in regelmäßigem Austausch mit dem Patientenbeauftragten der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann. Seit diesem Jahr erhalten wir für ein Forschungsprojekt auch finanzielle Förderung.

Unter dem Stichwort „Patientenkompetenz“ wird ja zunehmend diskutiert, wie die Kommunikation im Gesundheitsbereich verbessert werden kann. Ist es nicht zunächst Aufgabe der Ärzte, ihre Briefe so zu formulieren, dass der Patient sie versteht?

Bittner: Die medizinische Fachsprache hat, wie jede andere Fachsprache auch, durchaus ihre Berechtigung. Arztbriefe sind zunächst einmal ein Kommunikationsmittel zwischen Ärzten, und dort ist die Fachsprache als schnelles und präzises Ausdrucksmittel sehr sinnvoll. Bei „Was hab’ ich?“ entsteht beispielsweise aus einem einseitigen Arztbrief oft eine fünfseitige Übersetzung. Wenn man also die Fachsprache umgehen wollte, würden sowohl beim schreibenden als auch beim lesenden Arzt ein hoher Zeitaufwand entstehen, der an anderer Stelle fehlt.

Trotzdem existiert natürlich ein Bedarf beim Patienten. Für die Kommunikation zwischen Ärzten gibt es den Arztbrief, für die Patienten gibt es keine schriftlichen Informationen. Das ist deswegen kritisch, weil Patienten sich von der Menge an Informationen, die im Arztgespräch ausgetauscht werden, bei Weitem nicht alles merken können. Studien zufolge gehen bis zu 80 Prozent der Informationen direkt wieder verloren – nicht verwunderlich, denn die Patienten sind gerade in den wichtigen Gesprächen, etwa über eine neu festgestellte Erkrankung, sehr aufgeregt. Eine leicht verständliche schriftliche Information nach dem Gespräch kann also helfen, die besprochenen Dinge noch einmal aufzugreifen. In einem Pilotprojekt werden wir das jetzt überprüfen: Patienten werden nach dem Krankenhausaufenthalt nicht nur einen Arztbrief erhalten, sondern zusätzlich eine verständliche Version – den Patientenbrief. Diese Version werden wir für die Klinik erstellen und dann in ihrem Namen an die Patienten versenden. Wir erwarten sehr viel von diesem Ansatz und sind gespannt auf die Reaktionen und unsere Forschungsergebnisse.

Wie wird sich das Arzt-Patienten-Verhältnis in den nächsten Jahren verändern?

Das Arzt-Patienten-Verhältnis hat sich bereits verändert. Die Patienten sind mündiger geworden, möchten mitentscheiden oder zumindest genau informiert sein. Die Selbstverständlichkeit des Informationsbedarfs wird in den nächsten Jahren zunehmen. Die junge Ärztegeneration lernt inzwischen bereits im Studium viel über Kommunikation. Darüber hinaus wird die Telemedizin sicher große Veränderungen für das Arzt-Patient-Verhältnis mit sich bringen.


https://washabich.de