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PKV publik 6.2015

älterer Herr mit blau-weiß karriertem Hemd schaut lächelnd
 

Der Patient im Mittelpunkt

Eine neue gemeinnützige Stiftung soll das Gesundheitswissen in Deutschland verbessern


„Qualität“, so lautete der Oberbegriff der Jahrestagung des Verbandes der Privaten Krankenversicherung (PKV) in Berlin. „Die PKV versteht sich als Treiber für mehr Qualität“, betonte der Verbandsvorsitzende Uwe Laue – und stellte eine neue Initiative vor, mit der die PKV einen weiteren Beitrag zur Verbesserung der Versorgungsqualität in Deutschland leisten wird.

Über das bestehende System der gesetzlichen Qualitätssicherung hinaus, an dem die PKV in weiten Bereichen beteiligt ist, will die Branche nun zusätzliche Impulse geben und es durch eigene Angebote ergänzen. „Ein Kernanliegen der PKV ist es, die Patienten zu stärken“, betonte Laue. Der private Versicherungsvertrag garantiert den Versicherten persönliche Freiheit bei der Wahl ihrer Ärzte oder anderer Leistungserbringer, und denen wiederum garantiert die PKV eine umfassende Therapiefreiheit im Rahmen der medizinischen Notwendigkeit. Das bringt wiederum ein hohes Maß an Eigenverantwortung mit sich.

"Die PKV hat das beste Beratungssystem, das wir in Deutschland im Bereich der Pflege haben."

Laue verwies auf intensive Debatten in der Gesundheitswissenschaft darüber, dass der Ansatz der gesetzlichen Qualitätssicherung mit ihrer umfassenden Sammlung und Auswertung von Daten ergänzt werden müsse durch eine „kommunikative“ Qualitätssicherung. Das Leitmotiv der Fachwelt heiße „Gemeinsame Entscheidungsfindung“. Denn wenn der Patient zum Mitgestalter werde, könne er sich viel stärker mit der Behandlung identifizieren. „Zum Beispiel wird er seine Arzneimittel konsequent so einnehmen, wie er es mit dem Arzt besprochen hat.“

Das alles erfordert natürlich eine entsprechende Patientenkompetenz. Studien belegen allerdings, dass im internationalen Vergleich das Gesundheitswissen in Deutschland eher unterentwickelt ist. Und das trotz eines schier unüberschaubaren Angebots von Informationen für Patienten vor allem im Internet. Denn oft mangelt es an unabhängigen, qualitätsgesicherten und laienverständlichen Patienteninformationen. Die Informationen aus dem Internet sind oft widersprüchlich, zuweilen sogar falsch oder mit Verkaufsabsichten verbunden. So hat der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen in seinem jüngsten Gutachten auf den Bedarf nach einer unabhängigen Quelle für Gesundheitswissen hingewiesen.

„Genau hier setzt die neue Initiative der Privaten Krankenversicherung an“, sagte Laue und berichtete den zahlreichen Zuhörern aus Politik, Medien und Gesundheitsszene von der neuesten Gründung der PKV: der gemeinnützigen „Stiftung Gesundheitswissen“. Ihre Aufgabe sei vor allem die Entwicklung und Bereitstellung von laienverständlichen Patienteninformationen, die auf international anerkannten wissenschaftlichen Grundlagen erarbeitet werden – unabhängig, qualitätsgesichert und praxistauglich.

Die Stiftung wird sich Ende 2015 der Öffentlichkeit mit ersten Projekten vorstellen. Als gemeinnützige Einrichtung steht die „Stiftung Gesundheitswissen“ für die Unabhängigkeit der Patienteninformationen von Interessen Dritter. Und sie verpflichtet sich auf die Methoden der evidenzbasierten Medizin, die gleichzeitig ein Garant für größtmögliche Transparenz sind. Mit ihren Informationen ermöglicht die Stiftung den Patienten informierte Entscheidungen und stärkt damit Selbstbestimmung und Wahlfreiheit.

Der große Erfolg der 2009 von der PKV gegründeten gemeinnützigen Stiftung „Zentrum für Qualität in der Pflege“ (ZQP), die inzwischen ein allseits anerkanntes nationales Kompetenzzentrum in Sachen Pflegequalität sei, habe die Branche ermutigt, etwas Ähnliches nun auch zur Steigerung der Qualität im medizinischen Bereich auf die Beine zu stellen.

Der Vorstandsvorsitzende des ZQP, Ralf Suhr, wertete die stetig steigende Lebenserwartung als „Menschheitstraum, der in Erfüllung gegangen ist“. Suhr sprach von einer „dritten Lebenszeit“, mit der die meisten Menschen heutzutage rechnen könnten und die es zu gestalten gelte. Diese zusätzlichen Lebensjahre brächten allerdings auch steigende Pflegebedürftigkeit mit sich. Daher sei es umso wichtiger, die Menschen in die Lage zu versetzen, im Hinblick auf eine mögliche Pflegebedürftigkeit eigenständige Entscheidungen zu treffen. Das gelinge nur durch eine Stärkung der Information. Diese Einschätzung bestätigen die Ergebnisse einer aktuellen ZQP-Umfrage, der zufolge nur jeder fünfte Bürger weiß, an wen er sich im Falle einer Pflegebedürftigkeit wenden soll (siehe Artikel auf Seite 8).

Suhr bot dem Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung, Staatssekretär Karl-Josef Laumann, konkrete Unterstützung bei dessen Einsatz für eine Neukonzeption des „Pflege-TÜV“ an. Politische Forderungen nach der Schaffung eines unterstützenden pflegewissenschaftlichen Instituts seien überflüssig, meinte Suhr, denn: „Das gibt es schon. Es heißt ZQP.“ Auch der PKV-Vorsitzende Laue machte sich für dieses Angebot des ZQP stark. Es sei sinnvoll, bei der Reform des Pflege-TÜV auf eine bestehende Einrichtung mit einschlägiger Expertise zurückzugreifen. Das ZQP sei in seiner Arbeit unabhängig und in der Lage, in verhältnismäßig kurzer Zeit eine Entscheidungsgrundlage zu erarbeiten.

„Ich weiß sehr wohl, dass es in der PKV sehr viel Wissen in dieser Frage gibt“, sagte Staatssekretär Laumann. Für die Neugestaltung der Pflegenoten brauche man eine gewisse wissenschaftliche Begleitung und schlanke Strukturen, betonte er. Laumann bekräftigte seine deutliche Kritik am bisherigen System der Pflegenoten: „Wir haben jetzt ein System, was keine Aussagekraft hat und nur Arbeit macht. Dann kann man es auch sein lassen.“

Im Pflegestärkungsgesetz II müsse nun geregelt werden, auf welche Weise, mit welchen Beteiligten und bis zu welchem Zeitpunkt man zu einem neuen System komme: „Wir brauchen ein Gremium, das die Verantwortlichen in der Pflege mitnimmt, aber auch so zusammengesetzt ist, dass am Ende Entscheidungen getroffen werden können“, sagte Laumann. „Die Kunst dabei ist es, ein System zu finden, das gute und schlechte Heime in der Pflege unterscheidbar macht; das aber auf der anderen Seite nicht den kleinsten Fehler zum Skandal macht.“ Wo Menschen zusammenarbeiteten, seien auch Fehler unvermeidlich. Deswegen brauche es eine Kultur, mit Fehlern vernünftig umzugehen.

"Die Pflege muss ein stärkerer Bestandteil der öffentlichen Infrastruktur werden."

Neben der Reform der Pflegenoten sprach Laumann noch einen weiteren Aspekt an, der ihm am Herzen liege. Ihn treibe die Frage um: „Wo bekommen wir genug Menschen her, die bereit sind, sich um einen Pflegebedürftigen zu kümmern?“ Denn selbst wenn man – sehr optimistisch – davon ausgehe, dass auch in Zukunft die meisten Pflegebedürftigen zu Hause betreut würden, müsse man dennoch jedes Jahr 20.000 neue Pflegekräfte finden. Daher plädierte Laumann für eine bessere Ausbildung und eine Aufwertung des Berufs der Pflegekraft. So sei heute etwa das Einkommen in der Krankenpflege um ein Drittel höher als in der Altenpflege – obwohl die Anforderungen ähnlich seien. Darüber hinaus müsse die Pflege ein stärkerer Bestandteil der öffentlichen Infrastruktur in den Städten und Gemeinden werden: „Die Bevölkerung muss es interessieren, was in einem Pflegeheim geschieht.“

Ausdrücklich lobte Laumann die Pflege-Kompetenz der PKV: „Die PKV hat das beste Beratungssystem, das wir in Deutschland im Bereich der Pflege haben. Denn die aufsuchende Pflegeberatung ist genau das, was wir brauchen. Wenn ich jemanden beraten will, muss ich die Wohnung sehen, in der dieser Mensch lebt. Da kann die GKV ohne Frage von der PKV lernen,“ sagte er mit Blick auf die private Pflegeberatung COMPASS.

Die Menschen dort abholen, wo sie sind – diesen Ansatz vertrat auch Professor Martin Scherer bei seiner Kernthese, dass die Kommunikation ein Schlüssel für Qualität in der Medizin sei. Der Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf ist seit 2008 auch Sprecher der Leitlinienkommission der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin sowie seit 2010 deren Vizepräsident. Scherer belegte sein Anliegen mit beeindruckenden Zahlen: So würden Ärzte 50 bis 80 Prozent ihrer Arbeitszeit mit Patientengesprächen verbringen. Gleichzeitig könnten Patienten aber nach einem Arztgespräch nur 50 Prozent des Inhalts wiedergeben. Zudem seien 90 Prozent aller Beschwerdefälle von Patienten bedingt durch Kommunikationsprobleme. Deswegen müssten einerseits Ärzte lernen, wie man sich in einem Gespräch mit Patienten verhalte. An seinem Institut werde das sogar mit Laienschauspielern geprobt. Andererseits müsse das System den Ärzten aber auch mehr Zeit für Patientengespräche ermöglichen. „Denn“, so Scherer, „Zeit ist das wertvollste Gut der zukünftigen Versorgung.“

Mit diesem Fazit bestätigte Scherer den aktuellen Kurs des PKV-Verbandes. Denn gemeinsam mit der Bundesärztekammer arbeitet die Private Krankenversicherung zurzeit an einer Reform der Gebührenordnung für Ärzte. Eines der gemeinsamen Ziele ist es dabei, die persönliche Zuwendung des Arztes zum Patienten im Verhältnis zur so genannten Apparatemedizin relativ höher zu gewichten. Denn die „sprechende Medizin“ ist ein wesentlicher Qualitätsaspekt in der PKV.

Die Stärkung der Patientensouveränität spielt eine zentrale Rolle.

Die Stärkung der Patientensouveränität spielt auch angesichts der Herausforderungen des demografischen Wandels in Zukunft eine immer größere Rolle. Diese Erkenntnis stand bei der PKV-Jahrestagung im Vordergrund – durch eine gute Beratung bei Pflegebedürftigkeit, durch mehr Transparenz bei der Bewertung von Pflegeeinrichtungen oder durch eine gute Kommunikation von Arzt und Patient auf Augenhöhe.

Ganz handfeste Möglichkeiten der Zukunftsvorsorge in einer alternden Bevölkerung zeigte Professor Ingo Froböse vom „Zentrum für Gesundheit durch Sport und Bewegung“ an der Deutschen Sporthochschule in Köln auf. In einem sehr dynamischen Vortrag demonstrierte er eindrucksvoll die Vermeidung oder das Hinauszögern von Krankheit und Pflegebedürftigkeit durch körperliche Bewegung. Jeder einzelne könne den biologischen Alterungsprozess durch gezieltes Ausdauer- und Muskeltraining verzögern. Bewegung sei in jedem Alter möglich und könne körperliche Einschränkungen aufschieben, betonte Froböse. Bloße Hinweise des Arztes, der Patient müsse sich mehr bewegen, reichten allerdings nicht aus. Es sei eine gezielte Ansprache der Menschen notwendig, um sie zu mehr Bewegung zu animieren.

In diesem Zusammenhang begrüßte Froböse ausdrücklich das neue, vom PKV-Verband finanzierte Präventionsprogramm „Älter werden in Balance“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Froböse engagiert sich als Botschafter dieses Programms, das die körperliche Bewegung, geistige Aktivität und soziale Teilhabe älterer Menschen fördern soll. Denn wer bis ins Alter fit bleibt, hat gute Chancen, viele Krankheiten und Pflegebedürftigkeit aufzuschieben oder sogar ganz zu vermeiden.

Unter dem Strich zeigte die Jahrestagung des Verbandes der Privaten Krankenversicherung damit, dass neben einer nachhaltigen finanziellen Vorsorge für den demografischen Wandel sehr viel getan werden kann, um die Gesellschaft besser auf die Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten.