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PKV publik 5.2015

„Es geht immer zuerst um den Erkenntnisgewinn.“

Dr. Frank Wild ist neuer Leiter des Wissenschaftlichen Instituts der PKV (WIP). Er tritt die Nachfolge von Dr. Frank Niehaus an, der das Institut nach über fünf Jahren in dieser Position verlassen hat. Frank Wild ist seit mehr als zehn Jahren beim WIP wissenschaftlich tätig und war zuletzt als Pro­jektleiter vor allem für den Bereich Arzneimittel verantwortlich. Im Interview mit PKV publik spricht er über die Bedeutung des Instituts, anstehende Projekte und wagt einen Blick in die Zukunft.


Das WIP feierte jüngst mit einem Festakt in Berlin sein 10-jähriges Bestehen. Wie hat sich das Institut aus Ihrer Sicht in dieser Zeit entwickelt?

Wild: Wir sind sehr stolz darauf, Aner­kennung in der Wis­senschaft gefunden zu haben, dass wir unsere Beiträge bei Konferenzen vor­stellen können und regelmäßig in Fach­zeitschriften vertreten sind. Wir werden gehört, sowohl in der Wissenschaft als auch in der gesundheitspolitischen Sze­ne. Zudem freuen wir uns auch, positive Rückmeldungen aus den PKV-Unterneh­men zu erhalten.

Rein personell ist das WIP nach wie vor noch ein kleines Team. Aber wir ha­ben mittlerweile eine ganze Reihe von Schwerpunkten herausgearbeitet, mit denen wir viel Beachtung finden.

"Wir haben eine Korrektivfunktion in der Wissenschaft."

Welche Rolle nimmt denn das WIP in der Wissenschaftslandschaft ein?

Wild: Was uns besonders wichtig ist, ist unsere Rolle als Korrektiv. Denn so, wie die Private Krankenversicherung ein wichtiges Wettbewerbselement im Gesundheitswesen darstellt, so sehen wir unsere Ergänzungsfunktion in der Wissenschaft. Denn viele, die im ge­sundheitsökonomischen Bereich tätig sind, haben eher die GKV-Brille auf. Sie haben in ihrem Studium die Struktu­ren der Gesetzlichen Krankenversiche­rung kennengelernt und kommen teil­weise aus dem Bereich der GKV. Viele PKV-spezifische Themen werden oft im Wissenschaftsbe­trieb gar nicht be­handelt. Deshalb wollen wir eine ergänzende Funk­tion im ganzen wissenschaftlichen Prozess einnehmen und mit wissenschaftlichen Themen aus Sicht der Privaten Krankenversicherung punkten.

Wie werden Sie dieser Rolle gerecht?

Wild: In den Bereichen Arzneimittel und ambulante ärztliche und zahnärztliche Versorgung können wir seit einigen Jah­ren Leistungs- und Abrechnungsdaten auswerten. Seit Neuestem sind wir dabei, eine Auswertung von Daten aus den Be­reichen Heil- und Hilfsmittel zu erstellen. Wir verfügen mit den Abrechnungsda­ten der PKV-Unternehmen über Daten­quellen, die so keinem anderen Institut vorliegen.

Wie gewährleisten Sie dabei die wissen­schaftliche Unabhängigkeit?

Wild: Wir sind absolut transparent: Wir sagen ganz klar, dass wir ein Institut des PKV-Verbandes sind. Und unter dem Ge­sichtspunkt werden unsere Studien auch gelesen. Aber bei dieser Frage muss man auch die Wissenschaftslandschaft insge­samt betrachten. Einerseits gibt es auch bei gesetzlichen Krankenkassen ver­gleichbare wissenschaftliche Institute. Und zum anderen gibt es Wissenschaft­ler, die einen Großteil ihrer Projekte über Drittmittel finanzieren.

"Wir sind frei darin, uns die Themenschwerpunkte auszusuchen."

Wir sind frei darin, die Themenschwer­punkte zu setzen. Was wir untersuchen, das liegt in erster Linie in unserem ei­genen Ermessen. Wir können nicht nur „Wohlfühlthemen“ der Privaten Kranken­versicherung behandeln, sondern müssen auch Bereiche anpacken, die vielleicht an der einen oder anderen Stelle für die Private Krankenversicherung etwas kriti­scher sind. Unser Ansatz ist es, relevante Themen wissenschaftlich aufzuarbeiten. Grundsätzlich geht es uns immer zuerst um den Erkenntnisgewinn.

Was sind denn die Themenschwerpunkte des WIP?

Wild: Ein wichtiger Teil unserer Arbeit  ist der Vergleich des Leistungsgesche­hens in der Versorgung der Privatversi­cherten mit den gesetzlich Versicherten. Ein zweiter Teil sind Studien, in denen die Herausforderungen der demografi­schen Veränderungen untersucht wer­den. An entsprechenden Fragestellungen ist die PKV grundsätzlich immer sehr interessiert, denn ihr System der kapital­gedeckten Alterungsrückstellungen zielt bekanntlich auf eine demografiefeste Finanzierung ab. Hier gilt es zu untersu­chen, was mit den demografischen Ver­änderungen auf uns zukommt, gerade auch im Gesundheitswesen.

Wir beschäftigen uns darüber hinaus mit dem internationalen Vergleich der Gesundheitssysteme und der Frage: Wie steht das deutsche Gesundheitswesen weltweit da? Dieser Blickwinkel wird aus meiner Sicht von anderen Wissenschaft­lern viel zu wenig eingenommen.

Ein weiteres Thema ist der Mehrumsatz durch die PKV. Diesen Begriff haben wir vor mehreren Jahren definiert, um zu un­tersuchen, wie viel mehr an finanziellen Mitteln dem Gesundheitswesen durch die Privatversicherten zur Verfügung steht.

Und schließlich stehen im WIP auch ge­samtgesellschaftliche Fragen auf der Agenda. Zum Beispiel haben wir Unter­suchungen zu Impfquoten vorgenom­men. Oder sind der Frage nachgegangen, wie sich ein hohes Lebensalter auf die Gesundheitsleis­tungen auswirkt. Bewirkt zum Bei­spiel die steigende Lebenserwartung, dass die Menschen ihre zusätzlichen Lebensjahre eher in Gesundheit verbringen oder eher in Krankheit? Das sind gesamtgesellschaft­liche Fragen, die über die reine Betrach­tung durch die Kostenträger der Privaten und Gesetzlichen Krankenversicherung hinausreichen.

Gibt es denn schon eine Antwort auf die Frage, ob wir alle gesünder älter werden?

Wild: Die meisten Studien hierzu bli­cken ausschließlich auf den Parameter Lebensqualität. Wenn man sich den ge­sundheitlichen Zustand anschaut, zeigt sich durchaus, dass ein 60-Jähriger von heute so gesund ist wie früher ein 50-Jäh­riger. Aber ob der 60-Jährige möglicher­weise nur deshalb so gesund ist, weil er vom Gesundheitssystem gut versorgt wurde und seinen Gesundheitszustand so halten konnte, ist damit noch nicht beantwortet.

Deswegen werfen wir den Blick auch auf den monetären Aspekt. Das ist die Frage, die man sich als Kostenträger besonders genau anschauen muss – egal ob in der Privaten oder in der Gesetzlichen Kran­kenversicherung: Wird denn die Versor­gung im Alter teurer? Und da zeigt sich, dass die Menschen einerseits älter wer­den, aber in diesen zusätzlichen Jahren nehmen sie auch mehr medizinische Leis­tungen in Anspruch. Wir sprechen hier von einer monetären Medikalisierung.

Welche Projekte sind denn für die Zukunft geplant?

Wild: Auf der Basis der uns vorliegenden Abrechnungsdaten wollen wir uns dem Thema Innovation im Gesundheitswesen widmen. Zudem sind wir daran interes­siert, die Auswirkungen einer möglichen Novellierung der Gebührenordnung für Ärzte zu verfolgen. Wir haben – wie be­reits erwähnt – die Möglichkeit, Abrech­nungsdaten aus dem ambulanten ärzt­lichen Bereich auszuwerten. Da liegt es nahe, auch die Entwicklung im Bereich GOÄ zu begleiten und zu evaluieren.

Mal unabhängig von einzelnen Projekten, planen Sie weitere Änderungen im Institut?

Wild: Mir schwebt vor, dass man noch mehr mit anderen Wissenschaftlern zu­sammenarbeitet, also Kooperationen sucht. In einigen Gesprächen konnte ich feststellen, dass das Interesse an PKV-The­men auch bei anderen Wissenschaftlern groß ist. Allerdings fehlt ihnen oft der Zugang zur Welt der Privaten Kranken­versicherung. Und so können sich durch eine bessere und stärkere Kooperation Möglichkeiten ergeben, verschiedene Fragestellungen zu untersuchen.  


www.wip-pkv.de