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PKV publik 4.2015

Mädchen mit blonden Haaren hat eine grüne Erbse in der Zahnlücke
 

Vorsicht Lücke

Die Pflegepflichtversicherung deckt nur einen Teil der tatsächlichen Kosten ab

Trotz der in diesem Jahr gestiegenen Leistungen aus der Pflegepflichtversicherung ist die drohende Finanzierungslücke größer geworden. Das zeigen aktuelle Daten der PKV-Pflegedatenbank.


 

Die Menschen in Deutschland wer­den immer älter. In den nächsten 35 Jahren wird sich die Zahl der über 80-Jährigen verdreifachen. Das hat das Sta­tistische Bundesamt berechnet. Denn die Lebenserwartung steigt seit Jahrzehnten kontinuierlich an. Hinzu kommt, dass die geburtenstarken Jahrgänge – die soge­nannten Babyboomer – allmählich in die Jahre kommen. Diese Entwicklung bringt neue gesellschaftliche Herausforderun­gen mit sich.

Denn fast jeder Dritte über 80 ist ein Pflegefall. Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung hat diese Tatsache folgenschwere Auswirkungen: Während heute rund 2,6 Millionen Men­schen pflegebedürftig sind, werden es im Jahr 2050 schon 4,5 Millionen sein. Den Betroffenen ein angemessenes Maß an Zeit, Zuwendung und professioneller Betreuung zu gewährleisten, ist mit ho­hen Kosten verbunden. Ein wichtiger Be­standteil der notwendigen Finanzierung ist die Pflegepflichtversicherung, die es seit dem Jahr 1995 gibt. Im Pflegefall decken die Mittel daraus in aller Regel aber nur einen Teil der tatsächlich anfal­lenden Kosten. So hat zum Beispiel auch Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe wiederholt betont, dass die Pflege­pflichtversicherung nie als eine „Vollver­sicherung“ angelegt war.

Gleichwohl wurde im Laufe der Zeit auch bei der Pflegepflichtversicherung nachgebessert. So hat der Bundestag im Oktober 2014 das Pflegestärkungsge­setz I verabschiedet. Damit stehen Pfle­gebedürftigen und ihren Angehörigen seit Jahresbeginn mehr Geld und bessere Betreuungsmög­lichkeiten zur Verfügung. So wurden die meisten Leistungen der gesetzlichen Pfle­gepflichtversicherung zum Jahreswech­sel um vier Prozent angehoben. Konkret bedeutet das beispielsweise, dass die Zahlung der Pflegeversicherung bei sta­tionärer Versorgung in einem Pflegeheim in der Pflegestufe III von 1.550 Euro auf jetzt 1.612 Euro gestiegen ist.

Die Betreuung ist in allen Bundesländern teurer geworden

Dennoch hat sich die drohende Finan­zierungslücke im Falle einer Pflegebe­dürftigkeit in diesem Jahr noch einmal deutlich vergrößert. Denn die durch­schnittlichen Kosten für die Betreuung in einem Pflegeheim sind 2014 im Vergleich zum Vorjahr noch stärker gestiegen als die Leistungen der Pflichtversicherung. Das belegen aktuelle Zahlen aus der PKV-Pflegedaten­bank. Darin sind alle Vergütungsvereinba­rungen zwischen den Pflegekassen und den Heimen hinterlegt. Diese Vereinba­rungen gelten für privat und gesetzlich Versicherte gleichermaßen. Denn anders als in der Krankenversicherung ist der Leistungsanspruch der Versicherten bei der Pflege in beiden Systemen gleich.

Im bundesweiten Durchschnitt zeigt sich, dass zum Beispiel die Kosten für eine vollstationäre Versorgung in Pflege­stufe III 3.437,34 Euro im Monat betra­gen. Legt man nun die zu Jahresbeginn angepassten Leistungen aus der Pflege­pflichtversicherung von 1.612 Euro zu Grunde, bleibt eine monatliche Finanzie­rungslücke von rund 1.825 Euro, die die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen aus eigenen Mitteln aufbringen müssen. Das sind im Monat 36 Euro mehr als im Vorjahr. In Pflegestufe I sieht es nicht viel besser aus. Der Eigenbeitrag liegt hier bei durchschnittlich 1.427 Euro – 29 Euro mehr als zuvor (s. Grafik).

Ein Blick auf die Werte in den einzelnen Bundesländern zeigt, dass es durchaus Unterschiede beim Zuwachs der Pflege­kosten gibt. Teurer geworden ist die Be­treuung aber ohne Ausnahme in jeder Pflegestufe und in jedem Bundesland. Am deutlichsten sind die Kosten einer Heimversorgung in Bayern in Pflegestu­fe II gestiegen. Hier mussten die Pflege­bedürftigen im vergangenen Jahr monat­lich fast 230 Euro mehr zahlen als noch 2013 – nämlich fast 3.165 Euro. Mit etwa 10 Euro fiel der Preisanstieg in Pflegestu­fe I in Sachsen vergleichsweise moderat aus. Doch auch hier betragen die Kosten über 1.893 Euro. Bleibt eine Lücke von fast 830 Euro (vgl. Tabelle zum Kosten­anstieg in den Bundesländern).

Die Zahlen sollten jedem klar machen, dass eine zusätzliche Absicherung gegen das Risiko der Pflegebedürftigkeit für vie­le Menschen unerlässlich ist, wenn man im Fall der Fälle unabhängig vom Sozi­alamt sein möchte oder verhindern will, dass die eigenen Kinder zur Finanzie­rung herangezogen werden. Denn die gesetzliche Rente dürfte bei den meis­ten Menschen kaum ausreichen, um die Lücke zu schließen.

Welche Vorsorgeart die beste ist, muss jeder für sich selbst entscheiden

Natürlich kann sich auch jeder selbst Geld für eine eventuelle Pflegebedürf­tigkeit zurücklegen. Allerdings dürfte eine solche Reserve bei so manchem rasch aufgebraucht sein: Geht man von den bundesweiten Durchschnittskosten aus, müsste man heute für die Betreu­ung in einem Heim in Pflegestufe III fast 22.000 Euro jährlich aus eigenen Mitteln aufwenden ­­– das dürfte die Rücklagen schnell aufzehren. Hinzu kommt, dass die Pflegeheimkosten von Jahr zu Jahr weiter steigen und sich damit die selbst zu tragenden Kosten ebenfalls weiter erhöhen. Und – Hand aufs Herz – bei einem gut gefüllten Sparkonto ist die Verlockung groß, das für den Pflegefall zurückgelegte Geld für andere Dinge zu verwenden. Eine große Reise oder ein neues Auto – schon geht die Rechnung im Pflegefall nicht mehr auf.

Deswegen ist der Abschluss einer Pflege­zusatzversicherung eine sinnvolle Mög­lichkeit, zu über­schaubaren Kosten etwas gegen die drohende Pflegelü­cke zu tun. In einer Versicherung sorgen bekanntlich viele Menschen gemeinsam für ein bestimm­tes Risiko – in diesem Fall die Pflegebe­dürftigkeit – vor. Tritt Pflegebedürftig­keit bei einem Einzelnen auf, erhält er die vorher vereinbarte Summe von dem Geld aller Versicherten ausgezahlt. Wer das Glück hat, nicht pflegebedürftig zu werden, erhält zwar nichts, dafür lebt er aber in der Gewissheit, im Risikofall gut abgesichert zu sein.

Die Unternehmen der Privaten Kranken­versicherung bieten eine große Auswahl solcher Versicherungen an. Je nach per­sönlicher Risikobereitschaft und finan­ziellen Möglichkeiten, kann sich hier jeder eine monatliche Auszahlungssum­me für die verschiedenen Pflegestufen aussuchen. Alternativ gibt es auch so genannte Pflegekostenversicherungen. Dabei wird nicht ein bestimmter Geld­betrag pro Monat ausgezahlt, sondern ein festgelegter Anteil an den tatsäch­lich entstehenden Pflegekosten erstat­tet. Bei beiden Versicherungsarten gilt die Faust­formel: Je jünger man bei Ab­schluss des Vertrages ist, desto geringer fallen die Beiträge aus.

Die Bundesregierung hat die Vorteile der Pflegezusatzversicherungen erkannt und die Private Krankenversicherung damit beauftragt, eine zusätzliche Ab­sicherungsmöglichkeit zu schaffen, die staatlich gefördert werden kann. Seit dem 1. Januar 2013 gibt es daher die staatlich geförderte Pflegezusatzver­sicherung, den „Pflege-Bahr“. Damit besteht eine zusätzliche Option, gegen die Finanzierungs­lücke im Pflegefall vorzusorgen. Vom Staat wird sie mit 5 Euro monatlich bezuschusst. Von den Menschen in Deutschland wird diese neue Absicherungsform gut ange­nommen. So hatten Ende 2014 bereits 549.900 Personen eine entsprechende Zusatzversicherung abgeschlossen. Da­mit sind in den vergangenen beiden Jah­ren bereits mehr Verträge abgeschlossen worden als in den ersten 14 Jahren der ungeförderten Pflegezusatzversicherung (vgl. PKV publik 3/2015).

Und nicht nur das. Die Einführung der geförderten Pflegezusatzversicherung hat auch international Beachtung gefun­den. So besuchten bereits Delegationen aus den USA und Japan den PKV-Ver­band, um sich nach dem System der Pflegeversicherung in Deutschland im allgemeinen und der geförderten Zusatz­versicherung im besonderen zu erkundi­gen. Insbesondere Japan steht vor einer ähnlichen demografischen Entwicklung wie Deutschland und beschäftigt sich daher intensiv mit den Herausforderun­gen der Pflegebedürftigkeit.

Auch hierzulande bestätigen viele un­abhängige Experten grundsätzlich den Nutzen von Pflegezusatzversicherungen. So weist zum Beispiel die Zeitschrift „Fi­nanztest“ in ihrer Ausgabe 5/2015 auf die Versorgungslücke hin und empfiehlt vor diesem Hintergrund allgemein den Abschluss einer Zusatzversicherung. Aus Sicht der Zeitschrift schneiden dabei vor allem Kombinationen aus geförderten und ungeförderten Tarifen gut ab.

Die Hälfte der Personen in der geförderten Pflegeversicherung ist jünger als 50 Jahre

Bedauerlich ist allerdings, dass „Finanz­test“ bei der geförderten Pflegezusatz­versicherung nur die Daten für einen 65-jährigen Modellkunden im Heft ab­gedruckt hat. Wer erfahren möchte, wie viel ein 45- oder 55-jähriger Modellkun­de zahlen müsste, muss extra einen Blick ins Internet werfen. Hier zeigt sich, dass ein 45-Jähriger in vielen Fällen nur ein Drittel des Ei­genbeitrags eines 65-Jährigen zah­len muss – oft so­gar nur den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestbeitrag von 10 Euro. Dabei zeigt die Realität, dass sich keineswegs nur ältere Menschen für diese Art der Absi­cherung entscheiden: 50 Prozent aller Verträge wurden von Menschen unter 50 Jahren abgeschlossen, aber weniger als 5 Prozent von Menschen in den sogenann­ten pflegenahen Altern von 70 Jahren oder mehr.

Auch ein weiterer oft gehörter Vorwurf verwundert. Nämlich, dass die Absiche­rung durch die geförderte Pflegezusatz­versicherung nicht ausreiche, um die Pflegelücke zu schließen. Das ist zwar richtig, ignoriert jedoch, dass diese Ver­sicherungsart nie dazu gedacht war, die Pflegelücke vollständig zu schließen. Vielmehr war sie von Anfang an als ein zusätzlicher Baustein für die individu­elle Vorsorge gedacht. Zusammen mit der ungeförderten Pflegezusatzversiche­rung, der Pflegepflichtversicherung, der Altersente und den eigenen Ersparnissen bietet sie für jeden eine große Auswahl an Möglichkeiten, sich gegen das Risiko Pflege abzusichern. Auch das familiäre Umfeld spielt bei der Planung der Pflege­vorsorge oft eine wichtige Rolle. Welche Zusammenstellung der einzelnen Ins­trumente am meisten Sinn macht, muss deshalb jeder für sich selbst entscheiden.