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PKV publik 3.2015

INTERVIEW

"Wir sind auf einem sehr hohen Niveau."

Thomas Reumann ist hauptberuflich Landrat des Landkreises Reutlingen und seit Anfang des Jahres Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). Im Interview mit PKV publik spricht er über den Qualitäts- und Vergütungsanspruch der Krankenhäuser, die anstehende Krankenhausreform und die Bedeutung der Wahlleistungen für die Finanzierung der Kliniken.


 

Das Thema Qualität im Krankenhaus wird in der Öffentlichkeit immer häufiger diskutiert. Wie sehen Sie die Krankenhäuser in Deutschland hier allgemein aufgestellt?

Reumann: Die Qualität in Deutschlands Krankenhäusern ist sehr gut. Nur leider wird in der aktuellen Diskussion häufig so getan, als würde das Thema Qualität neu erfunden. Das stimmt nicht und wird den permanenten Anstrengungen der Krankenhäuser, die bestmögliche Qualität und Patientensicherheit zu erreichen, nicht gerecht. Qualität und Patientensicherheit sind zentrale Aufgaben und Kernkompetenz der Krankenhäuser. Sicher müssen wir immer daran arbeiten, noch besser zu werden, aber wir befinden uns auf einem sehr hohen Niveau.

Natürlich gibt es immer Verbesserungspotenzial – so müssen beispielsweise die Qualitätsberichte der Krankenhäuser für die Patienten verständlicher gemacht werden. Dennoch sollten die Instrumente der stationären Qualitätssicherung auf ihre Wirksamkeit geprüft werden. Ein stetiges Draufsatteln von neuen Vorgaben kann keine dauerhafte Lösung sein. Jede Minute, die das Personal für eine unnötige oder doppelte Dokumentation einsetzt, fehlt am Ende für die Versorgung der Patienten.

Es wird ja diskutiert, dass Qualität zukünftig eine größere Rolle bei der Vergütung spielen soll. Was halten Sie davon?

Reumann: Die Krankenhäuser lehnen eine qualitätsorientierte Vergütung grundsätzlich ab. Es gibt aktuell keine eindeutigen und rechtssicheren Qualitätsindikatoren, die eine Absenkung der Vergütung für erbrachte Krankenhausleistungen rechtfertigen würden. Es muss zudem verhindert werden, dass ein Anreiz entsteht, Patienten mit einem erhöhten Risiko gar nicht erst zu behandeln. Der Patient wäre dann der Leidtragende. Das kann niemand wollen.

Außerdem sollen Abschläge auch immer Ersparnisse für die Kostenträger bringen. Mit immer niedrigeren Preisen kann aber die gewünschte Qualität nicht finanziert werden. Unabhängig davon muss es möglich sein, Krankenhausabteilungen, die nachgewiesenermaßen und dauerhaft eine schlechte Qualität erbringen, von der Versorgung auszuschließen.

Die PKV hat mittlerweile mit rund 150 Krankenhäusern sogenannte Qualitätspartnerschaften abgeschlossen. Damit bescheinigt sie ausgewählten Häusern herausragende Leistungen im medizinischen, aber auch im Service-Bereich. Wie beurteilen Sie dieses Partnerschaftsprogramm?

Reumann: Wir begrüßen jede Maßnahme, die zu einer Verbesserung der Qualität und der Patientensicherheit führt. Solche Programme zeigen, dass der in der Krankenhauslandschaft initiierte Qualitätswettbewerb funktioniert.

Einige große gesetzliche Krankenkassen wollen separate Qualitätsvereinbarungen mit Krankenhäusern abschließen, sogenannte Selektivverträge. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Reumann: Die Krankenhäuser bekennen sich zum Qualitätswettbewerb und sehen den  flächendeckenden Einsatz von Selektivverträgen kritisch. Selektivverträge schränken die Wahlfreiheit der Patienten ein und gefährden die Sicherstellung der flächendeckenden Versorgung. Zudem besteht die Gefahr eines Preisdumpings. Dennoch werden die Krankenhäuser die Erprobung der vorgesehenen Qualitätsverträge konstruktiv begleiten.

Diese Qualitätsverträge dürfen aber nicht zu qualitativ unterschiedlichen medizinischen Leistungen am Krankenbett führen, je nach Versicherung des Patienten. Qualität ist unteilbar. Deshalb müssen die Qualitätsverträge von allen Krankenkassen gemeinsam und einheitlich angeboten werden. Jedes Krankenhaus, das mitmachen will, sollte das auch dürfen. Bevor die Qualitätsverträge flächendeckend zum Einsatz kommen, müssen sie zwingend wissenschaftlich evaluiert werden.

Welche Erwartungen haben Sie an die anstehende Krankenhausreform?

Reumann: Wie jede Gesundheitsreform muss sich die Krankenhausreform vor allem an ihrem Beitrag zur Verbesserung der Patientenversorgung messen lassen. Für die Krankenhäuser ist eine faire und stabile Finanzierung wichtig, um eine bestmögliche medizinische Versorgung erbringen zu können. Wir erwarten daher, dass ein bedarfsnotwendiges, wirtschaftlich geführtes Krankenhaus seine Kostensteigerung, etwa für Personal, Energie und Versicherungen, aus der regelhaften Preisanpassung bezahlen können muss.

Die Bundesregierung muss die Probleme der Krankenhäuser angehen und gemeinsam mit den Ländern tragfähige Lösungen finden. Doch bei aller Anerkennung für die in den Eckpunkten zur Krankenhausreform geplanten Verbesserungen, sehen die Krankenhäuser darin zumindest noch keine nachhaltige Lösung für ihre zentralen Probleme.

Es gibt einige gute Ansätze, was die bessere Finanzierung der tatsächlichen Kosten der Krankenhäuser angeht, etwa bei den Kosten der Qualitätsvorgaben. Wir begrüßen es, dass  Mengensteigerungen nicht mehr zu niedrigeren Landesbasisfallwerten führen sollen und dass es ein neues Pflegestellenförderprogramm geben soll. Andere Vorschläge im Eckpunktepapier haben aber das Potenzial, diese positiven Ansätze wieder zunichte zu machen. Vor allem die neuen Absenkungstatbestände bei den Landesbasisfallwerten sind absurd.

In diesem Frühjahr steht nun die konkrete Formulierung eines Gesetzentwurfs an. Wenn Sie Autor des Textes wären: Was würden Sie unbedingt noch in das Gesetz hineinschreiben?

Reumann: Ich würde eine Lösung für die mangelhafte Investitionskostenfinanzierung in das Gesetz mit aufnehmen. Die dauerhafte Unterfinanzierung geht an die Substanz der Krankenhäuser, das ist nicht länger hinnehmbar. Die Länder dürfen sich nicht weiter aus ihrer Verantwortung für die Investitionsfinanzierung herausstehlen. Der Bund steht aber genauso in der Pflicht. Der Bund könnte sich beispielsweise über eine feste Quote an den Zahlungen der Länder beteiligen.

Zusätzlich muss der Versorgungszuschlag basiswirksam in die Landesbasisfallwerte überführt werden. Die aktuell geplante ersatzlose Streichung kommt einer Kürzung um 500 Millionen Euro für die Krankenhäuser gleich und ist unter den aktuellen Rahmenbedingungen nicht hinnehmbar.

Die zentrale Herausforderung für Deutschlands Gesundheitssystem ist der steigende Versorgungsbedarf aufgrund von Demografie, Multimorbidität und medizinischem Fortschritt. Wir brauchen einen Demografiefaktor.

"Die Honorare aus den Wahlleistungen sind für die Krankenhäuser unverzichtbar."

Die meisten Privatversicherten haben die Unterbringung im Ein- oder Zweibettzimmer und Chefarztbehandlung mit abgesichert. Welche Rolle spielen diese Leitungen für die Finanzierung der Krankenhäuser?

Reumann: Angesichts der bereits sehr angespannten wirtschaftlichen Situation der Krankenhäuser sind diese Mittel ein wichtiger Bestandteil der Krankenhauserlöse. Sie sind ein weiteres Standbein unserer Krankenhäuser, jedoch handelt es sich dabei nur um einen Anteil von circa 10 Prozent im Vergleich zu den Leistungen der gesetzlich versicherten Patienten. Insbesondere die Beteiligung der Krankenhäuser an den Honoraren aus wahlärztlichen Leistungen als Bestandteil der Gesamtfinanzierung ist für die Krankenhäuser unverzichtbar.    


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