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PKV publik 3.2015

Vorsprung bei neuen Pillen

Privatversicherte erhalten eher innovative Arzneimittel als gesetzlich Versicherte

Eine Studie belegt bei Arzneimitteln eine größere Therapiefreiheit in der Privaten Krankenversicherung.


 

Es ist ein deutlicher Beleg für die größere Therapiefreiheit der Ärzte bei der Behandlung von Privatversicherten: Diese haben eine über 40 Prozent höhere Chance, ein neues, innovatives Arzneimittel mit beträchtlichem Zusatznutzen zu erhalten. Das zeigt eine neue Studie des Wissenschaftlichen Instituts der PKV (WIP) zur Arzneimittelversorgung von Privatversicherten. Demnach ist der Marktanteil der Privaten Krankenversicherung bei Medikamenten, denen vom Gemeinsamen Bundesausschuss bei der gesetzlichen Nutzenbewertung ein „beträchtlicher Zusatznutzen“ bescheinigt wurde, deutlich höher als in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV).

Seit dem Inkrafttreten des „Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetzes“ (AMNOG) zum 1. Januar 2011 hat der Gemeinsame Bundesausschuss bis Ende 2013 insgesamt 75 neue Wirkstoffe einer Nutzenbewertung unterzogen. Wie die Analyse der WIP-Forscher zeigt, lag der PKV-Marktanteil für diejenigen Medikamente, denen dabei ein „beträchtlicher Zusatznutzen“ bescheinigt wurde, bei 16,2 Prozent – obwohl nur 11,3 Prozent der Bevölkerung privat versichert sind. Auch bei Medikamenten mit der Einstufung „geringer Zusatznutzen“ war der Marktanteil der PKV mit 14,2 Prozent größer als der Anteil der Privatversicherten in der Bevölkerung. Medikamente, denen bei der offiziellen Bewertung kein Zusatznutzen bescheinigt wurde, erhielten die  Privatversicherten hingegen seltener. Hier liegt der Marktanteil bei nur 11,1 Prozent.

„Das lässt sich dadurch erklären, dass der Arzt bei Privatversicherten nicht an die Rabattverträge und Richtlinien der GKV gebunden ist“, erläutert Studien-Autor Frank Wild vom WIP. Zwar gelten die zwischen Herstellern und GKV-Spitzenverband im Benehmen mit dem PKV-Verband verhandelten Preise für Gesetzliche und Private Krankenversicherung gleichermaßen. „In der GKV beeinflussen allerdings diverse Kostensteuerungsinstrumente das Verschreibungsverhalten der Ärzte, so dass dort bei der Therapieentscheidung auch Wirtschaftlichkeitsaspekte eine wesentliche Rolle spielen.“

Infolgedessen müssen die Ärzte bei zu vielen bzw. zu kostenintensiven Verschreibungen für Kassenpatienten finanzielle Nachteile in Form von Regressen befürchten – und verhalten sich entsprechend vorsichtig. Bei privatversicherten Patienten können sich die Mediziner dagegen ausschließlich an den medizinischen Notwendigkeiten der jeweiligen Therapie sowie an den individuellen Bedürfnissen ihrer Patienten orientieren.

„Das zeigt sich vor allem bei teuren, neuen Medikamenten“, so Wild. Denn der PKV-Marktanteil nimmt zu, je teurer die Tagesdosis eines bestimmten Medikaments ist. Somit ist der – zunächst rein statistische – Effekt letztlich ein Beleg der größeren Therapiefreiheit in der Privaten Krankenversicherung. Ein Beispiel dafür ist das Krebs-Medikament Zytiga. Es wurde im Jahr 2011 zur Behandlung des metastierenden Prostatakarzinoms zugelassen und bekam vom Gemeinsamen Bundesausschuss im Folgejahr einen „beträchtlichen Zusatznutzen“ bescheinigt. Der PKV-Marktanteil von Zytiga beträgt 17 Prozent, inzwischen befindet sich das Mittel auf Platz vier der umsatzstärksten Medikamente in der Privaten Krankenversicherung.

Durch die größere Verschreibungsfreiheit der Ärzte profitieren letztlich nicht nur die Privatversicherten, sondern auch Apotheken und Arzneimittelhersteller. Dank des höheren Finanzierungsanteils der PKV kommt ihnen jedes Jahr ein Mehrumsatz zugute, mit dem sie unter anderem ihre Forschungs- und Entwicklungskosten refinanzieren können.

Der durchschnittliche Preis einer Arzneimittelverordnung lag im Jahr 2013 in der PKV bei etwa 46,50 Euro und damit um fast 20 Prozent höher als in der GKV (rund 39 Euro). Insgesamt gaben die Privatversicherten im Jahr 2013 deswegen 822 Millionen Euro mehr für Arzneimittel aus, als wenn sie alle gesetzlich krankenversichert gewesen wären.

Ein weiterer Grund für diese Diskrepanz ist der geringere Anteil von Generika unter den PKV-Verordnungen. Das sind Wirkstoffe, für die der Patentschutz abgelaufen ist und die deswegen nun als Nachahmer-Präparate zu günstigeren Preisen von weiteren Herstellern angeboten werden können. Die Generikaquote unter den 100 umsatzstärksten Wirkstoffen lag laut der WIP-Analyse in der Privaten Krankenversicherung im Jahr 2013 bei 60,1 Prozent. Zwar steigt diese Quote seit Jahren an, sie liegt aber immer noch deutlich unter der GKV-Generikaquote für die gleichen Wirkstoffe von 93,9 Prozent. Zugleich zeigt die stetige Zunahme der Quote in der PKV, dass Privatversicherte und ihre Ärzte zunehmend auf eine kostenbewusste  Arzneimittelversorgung achten, obwohl die PKV-Unternehmen – im Gegensatz zu den gesetzlichen Krankenkassen – nicht in die Auswahl der Arzneimittel eingreifen.

Insgesamt gab die PKV im Jahr 2013 etwa 2,6 Milliarden Euro für Arzneimittel aus. Das waren 5,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Als eine große Entlastung der Versicherten zeigte sich dabei der gesetzliche Herstellerrabatt, der auch für die Private Krankenversicherung gilt: Ohne ihn wären die Arzneimittelausgaben der PKV noch 204 Millionen Euro höher gewesen.


www.wip-pkv.de