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PKV publik 2.2015

Unter die Lupe genommen    

Das Wissenschaftliche Institut der PKV (WIP) stellt anlässlich seines 10-jährigen Bestehens eine Studie zur Aussagekraft von Länderrankings vor

Gemeinsam mit zahlreichen Teilnehmern aus Politik und Wissenschaft feierte das WIP 10-jähriges Jubiläum in Berlin.


Das deutsche Gesundheitswesen steht im internationalen Vergleich sehr gut da, muss sich aber angesichts des demografischen Wandels und des medizinisch technischen Fortschritts gro­ßen Herausforderungen stellen. So lautet das Fazit einer Jubiläums-Veranstaltung Ende Februar in Berlin, mit der das Wis­senschaftliche Institut der Privaten Kran­kenversicherung (WIP) sein 10-jähriges Bestehen feierte.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stan­den die Vorstellung einer neuen WIP-Stu­die zur Aussagekraft von Länderrankings im Gesundheitsbereich sowie eine an­schließende Podiumsdiskussion, die sich um die Frage drehte, wie das deutsche Gesundheitssystem im internationalen Vergleich zu bewerten ist.

Vor zahlreichen Gästen aus Politik und Wissenschaft – darunter Instituts-Grün­der Christian Weber – gab WIP-Projekt­leiter Dr. Frank Wild zunächst einen Überblick über die Arbeit der Forscher. Rund 70 Studien habe das WIP in den vergangenen 10 Jahren veröffentlicht, wobei Wild drei Arbeitsschwerpunkte besonders hervorhob. So zählten die Veröffentlichungen zum Mehrumsatz zu den wichtigsten Untersuchungen des Ins­tituts. Das Konzept des „Mehrumsatzes“, das von Instituts-Gründer Weber ins Le­ben gerufen worden sei, bezeichnet die überpro­portionalen Finanzmit­tel, die durch Privatver­sicherte zusätzlich ins Gesundheitssystem fließen und damit zum Beispiel Arztpraxen und Kranken­häusern zusätzlich für Investitionen zur Verfügung stehen. Im Jahr 2005 wurde die Höhe des Mehrumsatzes erstmals be­rechnet. Inzwischen beträgt er rund 11 Milliarden Euro jährlich.

Als zweiten Schwerpunkt nannte Wild das Arzneimittelprojekt, das die Versor­gungsunterschiede mit Medikamenten bei gesetzlich und privat versicherten Patienten untersucht. Zu diesem Thema werde das WIP in Kürze eine weitere Stu­die veröffentlichen.

Zudem verfolge das WIP einen interna­tionalen Ansatz, um das deutsche Ge­sundheitssystem mit denen in anderen Ländern zu vergleichen. „Der Blick über den Tellerrand ist immer wichtig“, sagte Wild. Zu diesem dritten Arbeitsschwer­punkt zählt auch die neue Untersuchung „Aussagekraft von Länderrankings im Gesundheitsbereich“ von Institutsleiter Dr. Frank Niehaus und Projektleiterin Verena Finkenstädt, die die Studie im Anschluss vorstellte.

OECD-Daten müssen hinterfragt werden

Die Untersuchung hinterfragt vor allem die Aussagekraft bisheriger Länderver­gleiche der Organisation für wirtschaft­liche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Darin stellt die OECD die Ope­rationszahlen und Gesundheitsausgaben ihrer Mitgliedstaaten pro 100.000 Ein­wohner gegenüber. So hat eine vielbe­achtete OECD-Studie vor zwei Jahren zu Berichten darüber geführt, dass Deutsch­land im internationalen Vergleich ein „Operationsweltmeister“ sei. Viele Kommentatoren schlussfolgerten daraus: Es gebe „Fehlanreize“ im System, durch die es zu unnötigen Operationen und zu überhöhten Ausgaben komme.

Aus Sicht des WIP ist das so nicht richtig. Denn die Ländervergleiche der OECD vernachlässigen bislang eine Tatsache, die für einen objektiven Vergleich der Gesundheitsleistungen verschiedener Staaten nicht ignoriert werden sollte: die Altersstruktur der Bevölkerung.

Deutschland weist – nach Japan – die zweitälteste Bevölkerung aller OECD-Länder auf. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Gesundheits­leistungen. Denn viele Operationen fal­len aus medizinischen Gründen häufiger in bestimmten Lebensaltern als in ande­ren an. So werden künstliche Knie- oder Hüftgelenke meist erst in einem höheren Lebensalter eingesetzt, während Mandel­­operationen eher bei jüngeren Patienten erfolgen.

Nur die reine Fallzahl bestimmter Eingrif­fe je Land miteinander zu vergleichen, führe daher zu einem verzerrten Bild, kritisieren die WIP-Forscher. Stattdessen müsse die Altersstruktur mit eingerech­net werden. Denn ein Land mit jüngerer Bevölkerung muss grundsätzlich weni­ger Ressourcen für die Gesundheitsver­sorgung seiner Bürger aufbringen als ein Land mit älterer Bevölkerung.

Wird dies berücksichtigt, verändert sich das Länder-Ranking deutlich. So landete Deutschland nach der alten Systematik in der OECD-Gesundheitsstatistik 2014 bei Hüftersatz-Operationen hinter der Schweiz auf dem zweiten Platz. Altersbe­reinigt wäre es dagegen der fünfte Platz – hinter der Schweiz, Norwegen, Öster­reich und Luxemburg.

Die USA würden – im gleichen Beispiel – altersbereinigt nicht mehr rund 30 Pro­zent weniger Operationen pro 100.000 Einwohner als Deutschland aufweisen, sondern annähernd die gleiche Fallzahl.

Auch der Abstand zu Schweden, Däne­mark, Belgien, Island, Frankreich und den Niederlanden würde sich deutlich verringern. „In all diesen Ländern wird also auf einem ähnlichen Niveau ope­riert wie in Deutschland“, schlussfolgert WIP-Autorin Verena Finkenstädt.

Auch bei den übrigen von der OECD ver­glichenen Eingriffen – diese reichen von Bypässen bis zu Nierentransplantationen – rutscht Deutschland im Länderran­king nach hinten, wenn berücksichtigt wird, dass die Eingriffe üblicherweise vor allem im höheren Lebensalter nötig werden: Besonders deutlich zeigt sich dies bei Koronar-Bypässen mit einer Ver­änderung vom dritten auf den zehnten Platz oder bei Leistenbruch-Operationen vom sechsten auf den zwölften Platz. „Deutschland als ‚Operations-Welt­meister‘ zu bezeichnen, ist daher in keiner Weise gerechtfertigt“, bilanziert Finkenstädt.

Im Gegenteil: Statt eine Überversorgung zu belegen, zeigen die vom WIP bereinig­ten Daten vielmehr, dass das deutsche Gesundheitssystem eine vergleichsweise hohe Versorgungsqualität zur Verfügung stellt – und das zu moderaten Kosten.

Denn auch beim Vergleich der Gesund­heitsausgaben rückt Deutschland nach einer Altersbereinigung der Daten nach hinten. Nach den OECD-Daten liegt die Bundesrepublik bei den Gesundheits­ausgaben pro 100.000 Einwohner auf Platz 6 – hinter den USA, Norwegen, Schweiz, Niederlande und Österreich. Mit Altersstandardisierung wäre es da­gegen Platz 9 – nach Österreich folgen dann noch Luxemburg, Kanada und Dänemark.

Dieser Platz befindet sich zwar immer noch im oberen Bereich der OECD-Tabel­len; dabei muss aber auch berücksichtigt werden, dass zur OECD beispielsweise mit Mexiko und Chile auch Staaten ge­hören, die gerade im Gesundheitsbereich noch spürbar vom westeuropäischen Standard entfernt sind. Insofern ist eine Platzierung im oberen Tabellendrittel weniger ein Beleg für überhöhte Ge­sundheitsausgaben als vielmehr für ein vergleichsweise leistungsfähiges Gesundheitssystem.

Im Verhältnis zu anderen west- oder nordeuropäischen Staaten kann sich das deutsche Ausgabenniveau durchaus se­hen lassen: Es ist geringer als das Ausga­benniveau von Österreich, den Niederlan­den, der Schweiz, Norwegen, Luxemburg und Dänemark – und nur knapp höher als in Irland, Belgien und Frankreich. Für ein Gesundheitssystem, das anerkennend als eines der besten der Welt bezeichnet wird, ist das kein schlechtes Ergebnis.

In einer anschließenden Gesprächsrun­de diskutierten der Ökonom Prof. Dr. Oliver Schöffski, der Mediziner Prof. Dr. Axel Ekkernkamp und Dr. Frank Niehaus, Leiter des WIP und Mitautor der Studie, über mögliche Schlussfolgerungen aus dem Untersuchungsergebnis.

Einig waren sich die Experten darin, dass es der richtige Weg sei, die Daten der OECD zu objektivieren: „Die Methoden­kritik ist gerechtfertigt. Die OECD-Daten sind interpretationsbedürftig“, sagte Schöffski.

Allerdings mahnte er eine fehlende Be­wertung an: „Sind weniger Operationen oder höhere Gesundheitsausgaben nun gut oder schlecht?“, fragte er in die Run­de. Ländervergleiche eigneten sich gut als Zeitungsaufmacher, aber die Interpre­tationen fehlten oft. Niehaus entgegnete, „Aufgabe des WIP ist es, zu hinterfragen, ob die oft plakativen Schlagzeilen stim­men, Deutschland sei Operationswelt­meister.“ Die Studie zeige, dass das deut­sche System für seinen Preis viel leiste.

Ekkernkamp sah die „Abstimmung mit den Füßen“ als ein wichtiges Indiz für das hohe Niveau des deutschen Systems. Denn wer sich als Deutscher im Ausland aufhalte, würde im Krankheitsfall alles dafür tun, sich in Deutschland behan­deln zu lassen. Schöffski war persönlich der gleichen Ansicht, betonte aber, dass noch nicht belegt sei, ob sich – unabhän­gig vom Gesundheitssystem – zum Bei­spiel ein Brite nicht auch lieber in seinem Heimatkrankenhaus behandeln lassen würde.

Niehaus wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass bereits die WIP-Studie „Rationierung und Versorgungsunter­schiede in Gesundheitssystemen – Ein internationaler Überblick“ gezeigt habe, dass der Zugang zu medizinischen Leis­tungen in Deutschland besser sei als in anderen Ländern. Hierauf konnten sich alle Diskussionsteilnehmer einigen. So sagte der Chirurg Ekkernkamp: „Wir wer­den weltweit darum beneidet, dass jeder – unabhängig vom Geldbeutel – selbst zu schwierigen Operationen Zugang hat.“ Vor diesem Hintergrund erzählte er auch von seinen persönlichen Erfahrungen mit einem Kollegen in der schwedischen Stadt Lund, der ihm berichtete, dass die Wartezeit für einen Ersttermin in der Schmerzambulanz in Schweden bis zu 18 Monate betragen könne. Die oft ge­führte Debatte über unterschiedliche Wartezeiten von gesetzlich und privat Versicherten in Deutschland nannte er „lächerlich“. Denn trotz kleinerer Unter­schiede sei das Niveau insgesamt sehr hoch. Auch Schöffski bestätigte, dass der Zugang zu medizinischen Leistungen in Deutschland im­mer noch recht gut sei. Das zeige der Vergleich mehrerer voneinander unab­hängiger Studien.

Der medizinisch technische Fortschritt wird das Gesundheitssystem verteuern

Dieselben Studien zeigten aber auch, dass man in Deutschland beim Thema Effizienz noch einiges verbessern könne. Das gelte insbesondere mit Blick in die Zukunft, denn da steuere Deutschland auf „ein echtes Finanzierungsproblem“ zu, so Schöffski. Grund dafür sei zum ei­nen die Alterung der Bevölkerung. Hier seien die Kostensteigerungen gut vorher­sehbar und würden langsam stattfinden. Hinzu kämen aber die Folgen des medi­zinisch technischen Fortschritts. Seine Prognose: „Innovationen führen immer zu steigenden Kosten im Gesundheitssys­tem“. In Zukunft müsse man sich daher ganz klar der Frage nach Rationierun­gen stellen. Ekkernkamp ergänzte, man müsse die Bürger fragen, was sie wollten. Hier habe eine Bürger-Umfrage in Zürich gezeigt, dass für die meisten Menschen eine dauerhafte Teilhabe am medizini­schen Fortschritt Priorität habe. Das dürfte in Deutsch­land genauso sein, betonte er. Da dies immer teurer wer­de, würden nur Qualitätsverbesserungen und eine dau­erhaft hohe Wirtschaftskraft helfen.

Mit Blick auf die hohen Kosten, die durch demografischen Wandel und medizi­nisch technischen Fortschritt entstehen, betonte Niehaus abschließend: „Die einzige Möglichkeit, diesen Heraus­forderungen zu begegnen ist es, recht­zeitig vorzusorgen.“ Genau das tue die Private Krankenversicherung mit ihren Alterungsrückstellungen.


Alle Studien finden Sie auf der Internetseite des WIP: www.wip-pkv.de