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PKV publik 2.2015

 

Barrieren abbauen

Migranten wünschen sich mehr Hilfe im Pflegefall

In den nächsten Jahren wird die Zahl der Pflegebedürftigen mit Migrationshintergrund stark steigen. Eine Studie der Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) zeigt, welche Erwartungen diese Bevölkerungsgruppe an eine gute Pflege hat.


 

Wie kaum eine andere Bevöl­kerungsgruppe in Deutschland wächst die Zahl der über 65-jährigen Migranten. Schätzungen zufolge wird sie sich bis 2030 auf etwa 2,8 Millionen verdoppeln. Das Bundesamt für Migra­tion und Flüchtlinge rechnet mit einem erhöhten Pflegebedarf. So rückt auch die Pflege dieser Menschen zunehmend in den Vordergrund. Pflegeorganisationen müssen sich allerdings nicht nur auf den Anstieg dieser Bevölkerungsgruppe ein­stellen, sondern auch auf deren kulturel­le Bedürfnisse.

Eine Studie der Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) und der Cha­rité Universitätsmedizin zeigt, dass sich in Berlin fast jeder zweite türkeistämmi­ge Migrant im Pflegefall mehr Unterstüt­zung im Alltag wünscht. Die Mehrheit hofft dabei auf die Hilfe von professionel­len Pflegekräften. „Die Studie zeigt, dass sich fast die Hälfte der türkeistämmigen hilfe- und pflegebedürftigen Menschen im Alltag nicht gut unterstützt fühlt. Das sind Ergebnisse, die klar zum Handeln auffordern“, sagt der ZQP-Vorstandsvor­sitzende Dr. Ralf Suhr. Demnach bewer­ten die Befragten ihre Pflegesituation als unzureichend (37 Prozent) oder zu­mindest als teilweise unzureichend (11 Prozent).

Die Mehrheit hofft auf die Hilfe professioneller Pflegekräfte

Die große Mehrheit der Befragten (89 Prozent) ist hierbei der Meinung, dass diese Pflege professionell geleistet wer­den sollte. Gleichwohl sehen mehr als drei Viertel zusätzlich den Ehepartner in der Pflicht sowie gut die Hälfte die Kinder. Folglich gilt die Kombina­tion aus familiärer und professioneller häuslicher Pflege als bevorzugtes Pflegemodell.

Zwar erhalten mehr als drei Viertel der Befragten mit Unterstützungsbedarf im Alltag Hilfe aus ihrem sozialen Umfeld: etwa vom Partner oder den Kindern, aber auch durch Freunde oder Nachbarn. Doch diese reicht nicht aus. Die Betrof­fenen geben an, es fehle neben pflegeri­scher Unterstützung vor allem an Hilfe­stellung im Alltag – beispielsweise beim Einkaufen oder bei Arbeiten in Haus und Garten. Ebenfalls gefragt ist Hilfe im Um­gang mit Behördengängen und Geldan­gelegenheiten sowie bei der außerhäus­lichen Mobilität und der Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln.

Die Qualität guter Pflege messen die türkeistämmigen Migranten an ei­ner kultursensiblen Alltagspraxis der Pflegekräfte. Dem­nach empfindet ein Großteil der Befrag­ten beispielsweise die Rücksicht auf Essgewohnheiten oder das Ausziehen von Straßenschuhen vor Betreten des Wohnraumes als entscheidend. Darü­ber hinaus sind die Türkischkenntnisse von Pflegekräften und die Körperpflege durch eine gleichgeschlechtliche Pflege­fachkraft wichtig.

„Zwar nehmen Pflegeanbieter schon heute stärker auf die kulturellen Bedürf­nisse von pflegebedürftigen Menschen Rücksicht. Dennoch erreichen unsere Versorgungsstrukturen noch nicht aus­reichend alle Zuwanderungsgruppen“, sagt ZQP-Chef Suhr. Generell gehen Experten aktuell von einer pflegeri­schen Unterversorgung türkeistämmiger Migranten aus. Gründe hierfür sind vor allem sprachliche und kulturspezifische Zugangsbarrieren.

So belegt die Studie zudem, dass sich der Großteil der Befragten unzureichend über das Thema Pflege informiert fühlt. Zum Beispiel wissen 58 Prozent der Be­fragten nicht, was eine Pflegestufe ist, wie man sie beantragt (72 Prozent) und welche Leistungen die Pflegeversiche­rung anbietet (70 Prozent). 70 Prozent haben noch nie vom Angebot der Pflege­beratung gehört. Entsprechend nehmen nicht alle pflegebedürftigen Befragten auch die ihnen zustehenden Leistungen der Pflegeversicherung in Anspruch.

Hausärzte und Pflegeberatung sollten sich besser vernetzen

Um den Zugang zu professioneller pfle­gerischer Unterstützung unter türkei­stämmigen Menschen zu verbessern, ist es laut Suhr wichtig, diese Bevölkerungs­gruppe intensiver über das bestehende Angebot aufzuklären und zu informie­ren. Auch müssten verstärkt professio­nelle Pflegekräfte mit Migrationshin­tergrund eingebun­den werden. Und da der Hausarzt von den Befragten als zentraler Ansprech­partner bei gesundheitlichen Problemen genannt wurde, sollten sich hausärztli­che Praxen und die Pflegeberatung bes­ser vernetzen. Zudem ist mehrsprachiges Informationsmaterial zu den Angeboten von Pflegeversicherung und -beratung notwendig, um möglichst auch Zuwan­derer zu erreichen, die formelles Deutsch kaum verstünden.

Die Studie leistet nach Angaben der lei­tenden Wissenschaftlerin des Projektes, Dr. Liane Schenk, einen richtungwei­senden Beitrag zur Verbesserung der Datenlage. „Wir verfügen damit über quantitativ basierte Informationen zu Lebenssituation, pflegerischer Versor­gung und Pflegeeinstellungen türkei­stämmiger Migranten in Berlin“, sagt Schenk. Diese Bevölkerungsgruppe ist hierzulande die am zahlreichsten ver­tretene nicht-europäische Zuwande­rergruppe und zugleich die größte au­ßerhalb der Türkei lebende türkische Gemeinschaft. Dem­nach wird die Nach­frage türkeistämmi­ger Älterer nach Pflegeleistungen in der ambulanten und stationären Altenhilfe zunehmen.

„Pflegebedürftigkeit wird als Schick­salsschlag wahrgenommen und ist stark angstbesetzt“, erklärt Schenk. Deshalb sei die prinzipielle Offenheit insbesonde­re gegenüber ambulanten Pflegeangebo­ten ein überraschendes Ergebnis der Stu­die gewesen. „Professionell unterstützte häusliche Pflege scheint unter Türkei­stämmigen ebenso wie in der Bevölke­rung ohne Migrationshintergrund die zentrale Versorgungsform der Zukunft zu sein“, betont die Wissenschaftlerin.


Weitere Informationen finden Sie auf der Internetseite des ZQP: www.zqp.de