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PKV publik 1.2015

"Prävention hat mehr Gewicht bekommen."

Prof. Dr. Elisabeth Pott ist Vorstandsvorsitzende der Deutschen AIDS-Stiftung. Bis Januar 2015 war sie 30 Jahre lang Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Im Interview mit PKV publik spricht sie über die Entwicklung der Präventionsarbeit, ihre Erfahrungen und ihre Pläne für die Deutsche AIDS-Stiftung.


 

Sie haben soeben nach 30 Jahren die Leitung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in neue Hände übergeben. über welche Leistung, welches Ergebnis dieser langjährigen Arbeit freuen Sie sich am meisten?

Pott: Wichtig war aus meiner Sicht, dass über 30 Jahre eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Arbeit möglich war. Dadurch hat die Prävention ein anderes Gewicht bekommen. Das wäre in kurzer Zeit nicht möglich gewesen, denn als ich 1985 die Leitung der BZgA übernommen habe, wurde die Prävention noch sehr unterschätzt in ihren Möglichkeiten. Das hat sich geändert - insbesondere mit dem Erfolg der HIV-Präventionskampagne "Gib AIDS keine Chance".

"Nur wenn man über lange Zeit konsequent an einem Thema dranbleibt, hat man Aussicht auf Erfolg."

Die Kampagne wurde vielfach ausgezeichnet. Was macht diesen Erfolg aus? Sind es aufmerksamkeitsstarke Höhepunkte wie der Fernsehspot Ende der 80er Jahre mit Hella von Sinnen und Ingolf Lück an der Supermarkt-Kasse ("Tina, wat kosten die Kondome?") - oder ist es mehr die Hartnäckigkeit über diese lange Zeit?

Pott: Es ist eine Kombination von beidem. Nur wenn man konsequent über lange Zeiträume an einem Thema dranbleibt, hat man auch Aussicht auf tatsächlichen Erfolg. Wenn man ein Thema über so viele Jahre auf der Agenda halten will, muss es aber auch aufmerksamkeitsstarke Highlights geben. Und wenn Sie fragen, über welche Leistung ich mich am meisten freue, dann wohl darüber, dass wir eine international einzigartige und erfolgreiche Kooperationsstruktur mit den Selbsthilfeorganisationen entwickelt haben.

Was ist das Besondere daran?

Pott: Die BZgA als eine Bundesbehörde hat dabei zum ersten Mal eine intensive Zusammenarbeit mit der bundesweit tätigen Selbsthilfeorganisation der Deutschen AIDS-Hilfe (DAH) aufgebaut. Die BZgA fördert die DAH in großem Umfang und arbeitet darüber hinaus auch mit den lokalen AIDS-Hilfen zusammen. Diese auf Bundesebene erstmals entwickelte Struktur wiederholt sich vielfach im Zusammenwirken zwischen den örtlichen Gesundheitsämtern und den lokalen AIDS-Hilfen. Damit sind wir weltweit vorbildlich.

Mit dieser Struktur konnten wir auch besondere Glaubwürdigkeit in den Haupt-Betroffenengruppen erreichen. In der Präventionsarbeit kommt es ja sehr darauf an, in den Lebenswelten der Menschen anzusetzen, die man erreichen will. Dass der Staat hier nicht einfach nur Geld gegeben hat, sondern selbst auch Verantwortung übernommen und zusammen mit den Selbsthilfegruppen diese große nationale Kampagne umgesetzt hat, war mitentscheidend dafür, dass wir Ausgrenzung und Stigmatisierung von HIV-Infizierten deutlich verringern konnten. Und das gehört maßgeblich zu den Voraussetzungen für den Erfolg der Prävention, denn Stigmatisierung ist ein Motor für die Epidemie, weil Betroffene sich selbst nicht wert schätzen können und so auch keine Motivation haben, sich zu schützen.

Es gibt in der politischen Diskussion gelegentlich den Vorwurf, die BZgA-Kampagnen bestünden zu sehr aus Werbung und hätten zu wenig Bezug zu den Lebenswelten der Betroffenen.

Pott: Manche Menschen sehen von den umfassenden Leistungen der Gesamtkampagne lediglich das, was plakativ in der Öffentlichkeit sichtbar ist - also zum Beispiel die Plakate. Die konkrete Arbeit vor Ort ist oft nicht so öffentlich sichtbar. Bei denjenigen, die sich nicht intensiv mit der Gesamtstrategie befassen, könnte daher an manchen Stellen ein falscher Eindruck entstehen, dass die Plakate die gesamte Kampagne sind. Wenn man die Kampagne in allen ihren Teilen anschaut, sieht man, dass die Kritik völlig unbegründet ist.

Solche Kritik gab es gelegentlich gegenüber der BZgA-Kampagne zur Alkoholprävention bei Jugendlichen. Wie sieht es da mit dem Bezug zu den Lebenswelten aus?

Pott: Mit der Kampagne "Alkohol? Kenn dein Limit." wollen wir vor allem die Zielgruppe junger Menschen erreichen, die riskante Alkohol-Konsummuster haben und damit eine große Gefahr für ihre Gesundheit eingehen. Damit aber riskanter Alkoholkonsum überhaupt zum Thema wird, muss die BZgA zunächst die Aufmerksamkeit mit öffentlich gut sichtbaren Elementen darauf lenken. Die Lebenswelten der Jugendlichen erreichen wir in den Kommunen, zusammen mit Selbsthilfeeinrichtungen, Beratungsstellen und anderen Partnern, auf vielfältige Weise. Ich nenne zum Beispiel die Jugendfilmtage: Eine Kooperation mit großen Kinos, in die wir Schulklassen einladen und ihnen ausgewählte Filmangebote zeigen, um sie emotional zu diesem Thema anzusprechen, dem sie ansonsten eher ablehnend gegenüber stehen. Ich nenne außerdem den Mitmach-Parcour zur Suchtprävention, der von den Jugendlichen stark genutzt wird, oder die vielfältige Zusammenarbeit mit dem Sport.

Wie hat sich die finanzielle Basis der Präventionsarbeit für die BZgA im Laufe der Zeit entwickelt?

Pott: Bei der Aids-Prävention konnten wir 1987 mit sehr viel Geld starten. Und durch die kostenlose Ausstrahlung von Fernsehspots zur besten Sendezeit konnten wir die gesamte Bevölkerung erreichen. Die Bundesmittel sind dann immer weiter zurückgefahren worden und auch die Fernsehsender haben ihr Engagement reduziert. Das hat dazu geführt, dass das Schutzverhalten in der Bevölkerung zurückgegangen ist. Wir haben dann nach neuen Wegen gesucht, wie wir diesen Rückgang der Reichweite ausgleichen konnten. Damals haben wir mit dem Verband der Privaten Krankenversicherung vereinbart, dass die PKV uns seit 2005 jährlich mit 3,5 Millionen Euro Förderung für die Aids-Präventionskampagne unterstützt, was uns sehr geholfen hat.

Und als vor einigen Jahren das große Problem des riskanten Alkoholkonsums bei jungen Leuten auftauchte, hat sich erneut die PKV bereitgefunden, sich seit 2009 mit jährlich 10 Millionen Euro zu engagieren. Die Alkohol-Präventionskampagne "Alkohol? Kenn dein Limit." für junge Menschen wäre sonst gar nicht möglich gewesen.

"Die Entwicklung zu einer Gesellschaft des langen Lebens stellt uns vor neue Herausforderungen."

Kurz vor dem Abschluss Ihrer Zeit als BZgA-Direktorin haben Sie noch eine neue Kampagne zur Pflege-Prävention gestartet - unter dem Motto "Älter werden in Balance"...

Pott: Die demografische Entwicklung zu einer Gesellschaft des langen Lebens stellt uns in Deutschland vor neue Herausforderungen. Die meisten Menschen wollen möglichst lange selbstbestimmt zuhause in den eigenen vier Wänden leben können. Wenn wir der Einsamkeit im Alter, den Gebrechen im Alter und der Pflegebedürftigkeit vorbeugen wollen, müssen wir früh beginnen. Die Auswirkungen, die diese Gesellschaft des langen Lebens auf uns alle haben wird, sind noch nicht überall wirklich im Bewusstsein. Wir sind da zu einem richtigen Zeitpunkt eingestiegen. Auch das wäre übrigens nicht möglich gewesen, wenn die PKV sich nicht zu einem Engagement in diesem Bereich entschieden hätte.

Die Deutsche AIDS-Stiftung hat Sie soeben zur Vorstandsvorsitzenden gewählt. Welche Rolle soll die Stiftung in der Zukunft spielen?

Pott: Trotz verbesserter Behandlungsmöglichkeiten und der Tatsache, dass auch Erkrankte heute oft arbeitsfähig sind und einen Arbeitsplatz haben, gibt es noch immer eine große Zahl von Menschen, die durch Aids in Not geraten. Die Deutsche AIDS-Stiftung hat vor allem die Aufgabe, diesen Menschen zu helfen.

Was mir besonders am Herzen liegt, ist die sichtbare Solidarität mit den Betroffenen. Bei uns in Deutschland gibt es immer noch Fälle von Stigmatisierung und von Ausgrenzung. Das ist oft versteckter als in den Ländern, in denen ganz offen gegen homosexuelle Männer vorgegangen wird. Aber Diskriminierung gibt es auch bei uns. Da ist noch immer viel zu tun.

Wir wissen, dass ein großer Teil der Menschen, die infiziert sind, aus Angst vor Stigmatisierung nicht zum Arzt geht. Wir müssen deshalb besonders daran arbeiten, dass Infektionen früh erkannt und behandelt werden, dass nicht aus Angst vor Ausgrenzung die Menschen sich nicht trauen, sich untersuchen zu lassen. Dazu müssen wir auch mit der Ärzteschaft noch enger zusammenarbeiten, denn uns wird immer wieder von Situationen in Arztpraxen berichtet, die als schwierig empfunden werden. Das müssen wir ausräumen. Auch hier nutzt die BZgA übrigens die Mittel der PKV, um zusammen mit der Deutschen AIDS-Hilfe das Projekt "Let's talk about Sex" zur Präventionsarbeit in der Arztpraxis umzusetzen. Dabei werden seit einigen Jahren Fortbildungen für Ärztinnen und Ärzte aller Fachrichtungen angeboten. Sie sollen das Gespräch zwischen Arzt und Patient über Sexualität, HIV und andere sexuell übertragbare Krankheiten erleichtern.