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PKV publik 1.2015

"Notwendig ist eine demografiefeste Kranken- und Pflegeversicherung"

Ullrich Sierau (SPD), Oberbürgermeister der Stadt Dortmund, spricht im Interview mit PKV publik über Dortmund als Versicherungsstandort, Veränderungen im Versicherungsmarkt und die Bedeutung guter Ausbildungsangebote. Die Private Krankenversicherung betrachtet er als kompetenten Partner in der Diskussion über eine Weiterentwicklung des Gesundheitssystems.


 

Herr Sierau, Ihre Stadt Dortmund ist einer der großen Versicherungsstandorte in Nordrhein-Westfalen. Hand aufs Herz: Wüssten Sie, wie viele Menschen in Dortmund in der Versicherungswirtschaft tätig sind?

Sierau: Seit vielen Jahren betrachten wir die Wirtschaftsbereiche in Dortmund sehr genau, dazu gehört selbstverständlich auch die wichtige Versicherungsbranche. Von daher weiß ich, dass 2013 dort über 6.000 Menschen, genau waren es 6.095, sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren. Davon arbeiten im Bereich der Privaten Krankenversicherung rund 3.300 Beschäftigte. Diese Zahl ist übrigens in den letzten Jahren konstant geblieben.

"Versicherungsunternehmen leisten einen wesentlichen Beitrag zur Standortentwicklung in Dortmund."

Welche Rolle spielt die Versicherungswirtschaft für die Stadt selbst? Welche besonderen Standort-Faktoren sehen Sie für die Dienstleistungswirtschaft in der Region?

Sierau: Dortmund hat sich in den vergangenen Jahren von einem montan geprägten Industriestandort zu einem modernen Dienstleistungsstandort gewandelt, wobei die Versicherungs- und Finanzwirtschaft zu den großen Wirtschaftsakteuren in der Stadt gehört. Dortmund ist der drittgrößte Versicherungsstandort in Nordrhein-Westfalen nach Köln und Düsseldorf. So haben neben den großen Versicherungsunternehmen mit Hauptsitz in Dortmund wie der Volkswohl Bund, die Signal Iduna Gruppe und die Continentale rund 80 weitere Niederlassungen nationaler und internationaler Versicherungsgesellschaften ihren Sitz in Dortmund. Sie leisten einen wesentlichen Beitrag zur positiven Standortentwicklung und sind mit ihren Unternehmenszentralen im wahrsten Sinne stadtbildprägend. So ist es auch kein Zufall, dass Dortmund der Messeplatz für die größte deutsche Leistungsschau der Versicherungswirtschaft ist, die DKM. Dortmund ist stolz auf seine Versicherungsunternehmen, sie sind Teil des Standortimages der Stadt.

Versicherung ist ein bundesweites und zunehmend internationales Geschäft. Was aber können die Kommunen hier leisten? Haben Sie sich schon einmal besonders einsetzen können für die Versicherungsbranche?

Sierau: Der Versicherungsmarkt steht vor erheblichen Veränderungen. Die zunehmende Internationalisierung und der Aufbau neuer Vertriebsformen stellt die Branche vor neue Herausforderungen. Entscheidungen werden häufig nicht auf kommunaler Ebene getroffen, sondern sind zunehmend abhängig von politischen Rahmenbedingungen, die in Berlin oder Brüssel beschlossen werden. Eine Kommune wie Dortmund kann für die Unternehmen der Versicherungsbranche gute Standortbedingungen vor Ort schaffen, kann sie unterstützen beispielsweise bei der Flächensuche und während der Bauphase. In Zeiten des zunehmenden Fachkräftemangels gehört auch dazu, gute Ausbildungsangebote vorzuhalten.

So deckt das Robert-Schuman-Berufskolleg der Stadt Dortmund für die Auszubildenden zur Kauffrau bzw. zum Kaufmann für Versicherungen und Finanzen die schulische Ausbildung ab. Die Fachhochschule Dortmund bietet im Rahmen des dualen Studiums „Versicherungswirtschaft“ seit 2010 eine akademische Ausbildung an. Und zuletzt ist mit dem Berufsbildungswerk der deutschen Versicherungswirtschaft e. V. mit seinem regionalen Sitz in Dortmund ein umfassender Bildungsanbieter der Versicherungswirtschaft vor Ort vertreten.

"Eine finanzierbare Lösung für unser Gesundheitssystem zu finden, ist an Komplexität kaum zu überbieten."

Die Private Krankenversicherung ist ja nicht nur Wirtschaftsfaktor, sondern auch ein wichtiger Bestandteil der sozialen Sicherung in Deutschland. Wie stehen Sie zum dualen System und seinem Miteinander von Gesetzlicher und Privater Krankenversicherung?

Sierau: Dortmund ist ein starker Versicherungsstandort und mit rund 3.360 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Bereich der Privaten Krankenversicherung und rund 2.400 im Bereich der GKV sind die Krankenversicherungen dabei der wichtigste Baustein. Unser Gesundheitssystem baut auf dem Prinzip einer finanzierbaren und leistungsstarken medizinischen Versorgung für die ganze Bevölkerung auf. Der demografische Wandel sowie der medizinische Fortschritt führen allerdings zu erheblichen Kostensteigerungen, die die Finanzierbarkeit des Systems auf den Prüfstand stellen. In der politischen Diskussion befinden sich daher höchst unterschiedliche Modelle zur Reform der Kranken- und Pflegeversicherung.

Notwendig ist meines Erachtens eine demografiefeste Kranken- und Pflegeversicherung, die bei einer sinkenden Zahl von Beitragszahlern auch langfristig die steigenden Kosten unseres Gesundheitssystems auffangen kann und weiterhin eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung gewährleistet. Eine dauerhafte gerechte und finanzierbare Lösung für unser Gesundheitssystem zu finden, ist an Komplexität kaum zu überbieten. Hier kann nur ein breiter gesellschaftlicher Konsens aller Beteiligten zu einem akzeptablen Kompromiss führen. Die Private Krankenversicherung ist hier als kompetenter Diskussionspartner gefragt. Die Umsetzung eines neuen Konzeptes wird nur mit entsprechend langfristigen Übergangsphasen möglich sein.


www.ulli-sierau.de