• Vorlesen
  • A A A

PKV publik 7.2014

rotes Rennauto
 

Rasante Entwicklung

Die Verordnungen der PKV zur Behandlung der Multiplen Sklerose haben sich in fünf Jahren mehr als verdoppelt

Eine Studie des Wissenschaftlichen Instituts der PKV (WIP) über die Behandlung der Multiplen Sklerose in der PKV verdeutlicht die Kosten des medizinischen Fortschritts.


 

Der eigene Körper als Feind: Bei der Multiplen Sklerose greifen körpereigene Abwehrzellen die äußere Schicht der Nervenfasern in Gehirn und Rückenmark an. Die Autoimmunkrankheit bricht meist vor dem 40. Lebensjahr aus, Frauen sind ungefähr doppelt so häufig betroffen wie Männer. Die Folge können – neben schubweisen neurologischen Ausfällen – schwere Schäden des Nervensystems sein, die zur Arbeitsunfähigkeit und Pflegebedürftigkeit führen können.

Die Krankheit tritt häufiger auf als gedacht: Es gibt schätzungsweise anderthalb mal so viele MS-Patienten wie HIV-Infizierte. Und genau wie AIDS ist die Multiple Sklerose bisher nicht heilbar. Die Therapie beschränkt sich darauf, das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen, ihre Folgen zu lindern und die Lebensqualität der Erkrankten soweit wie möglich zu erhalten.

Neue Daten des Wissenschaftlichen Instituts der PKV (WIP) nähren nun die Hoffnung, dass der medizinische Fortschritt das Leid der Betroffenen insofern tatsächlich lindern kann – zumal einige neue Medikamente nicht mehr gespritzt werden, sondern oral eingenommen werden können, was für viele Patienten eine deutliche Erleichterung ist.

Das WIP hat Arzneimittel-Verordnungsdaten für Privatversicherte mit Multipler Sklerose zwischen 2007 und 2012 analysiert. Die Daten stammen aus PKV-Unternehmen, die fast drei Viertel aller Vollversicherten repräsentieren. Das Ergebnis der Analyse: neue Erkenntnisse über Versorgung und Kosten, aber auch über die Häufigkeit und Altersverteilung der Multiplen Sklerose in der Privaten Krankenversicherung.

Wie die Studie beispielsweise zeigt, haben sich die Verordnungen zur Behandlung der Multiplen Sklerose von 2007 bis 2012 in der PKV mehr als verdoppelt. Nach etwa 40.000 Verordnungen im Jahr 2007 zählte das WIP für 2012 fast 90.000 Verordnungen.

Das spiegelt sich auch in den Ausgaben der Branche für die Behandlung der Krankheit wider: Sie stiegen – trotz der zwischenzeitlichen Erhöhung der gesetzlichen Arzneimittelrabatte auf 16 Prozent – von knapp 33 Millionen Euro im Jahr 2007 auf rund 80 Millionen Euro im Jahr 2012. Ohne das Eingreifen des Gesetzgebers wären es 2012 sogar über 90 Millionen Euro gewesen.

Der Bestandszuwachs in der Vollversicherung ist dafür nur zu einem kleinen Teil verantwortlich: Auch auf jeden einzelnen Versicherten gerechnet, nahmen die Kosten der MS-Behandlungen in der PKV zwischen 2007 und 2012 um das 2,33-fache zu.

„Diese Entwicklung hat mehrere Gründe“, erläutert Studienautor Frank Wild. „Zum einen hat sich die Zahl der MS-Patienten in der PKV dadurch erhöht, dass die Krankheit aufgrund verbesserter Diagnoseverfahren immer früher erkannt werden kann und damit auch die Behandlung früher beginnen kann. Zum anderen kamen in den letzten Jahren neue Medikamente auf den Markt, die oft eine zusätzliche Therapieoption darstellen. Das heißt: Sie werden zusätzlich zu den älteren Präparaten und nicht anstelle dieser verordnet. “

Wie das WIP nachweisen kann, ist also vor allem die steigende Verordnungszahl und weniger der durchschnittliche Preis je Verordnung für den Ausgabenanstieg verantwortlich. Gleichwohl gehören die Medikamente zur Behandlung der Multiplen Sklerose zu den teuersten Arzneimitteln auf dem Markt.

So zählen gleich drei von ihnen (Copaxone, Avonex, Rebif) zu den 16 umsatzstärksten Medikamenten in der PKV, obwohl man branchenweit nur von etwa 12.000 bis 18.000 erkrankten Vollversicherten ausgehen kann. In den letzten Jahren führte auch die Markteinführung neuer Arzneien wie Gilenya und Fampyra zu deutlichen Mehrausgaben.

„Das zeigt zum einen, welch große Rolle der medizinische Fortschritt bei den Leistungen der PKV gegenüber ihren Versicherten spielt“, erläutert Wild. „Es zeigt aber auch, was für eine Bedeutung die Ausgestaltung der Arzneimittelrabatte für die künftige Ausgabenentwicklung der Branche hat.“

Interessante Erkenntnisse liefert die WIP-Studie aber nicht nur zum Leistungsgeschehen, sondern auch über die Epidemiologie der Multiplen Sklerose in der PKV. So bestätigt sich in den PKV-Daten, dass es deutliche Geschlechterunterschiede beim Auftreten und Verlauf der Krankheit gibt.

Frauen haben demnach ein etwa 2,3-fach höheres Risiko als Männer, an MS zu erkranken. Außerdem lassen sich bei ihnen laut der WIP-Studie überdurchschnittlich viele Erkrankungen in jüngeren Jahren feststellen, vor allem zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr. Hier ist die Zahl der Frauen, die mindestens ein MS-Medikament im Jahr erhalten, fast vier Mal höher als die der Männer. Zudem scheint bei Frauen in dieser Altersgruppe die Krankheitsaktivität – also das Auftreten behandlungsbedürftiger, akuter Schübe – stärker zu sein. Bei Männern gibt es dagegen keinen plötzlichen Anstieg der Behandlungshäufigkeit in einer bestimmten Altersgruppe, stattdessen nimmt die Zahl der Erkrankten gleichmäßiger zu.

Während die Frauen aber offenbar länger im schubförmigen Stadium der Multiplen Sklerose verbleiben, leiden die Männer schon nach vergleichsweise kürzerer Krankheitsdauer auch ohne das Auftreten von Schüben unter einer kontinuierlichen Verschlechterung des Krankheitsbildes. Das zeigt sich unter anderem daran, dass sie häufiger Medikamente zur symptomatischen Therapie erhalten, also Medikamente, die die Krankheit nicht mehr aufhalten können, sondern lediglich das Ausmaß der Begleiterscheinungen verringern.

Das WIP will mit diesen Erkenntnissen einen Ansatzpunkt für weitere Forschungen liefern.


Die Studie finden Sie im Internet: www.wip-pkv.de/veroeffentlichungen