• Vorlesen
  • A A A

PKV publik 6.2014

GASTBEITRAG

Health Literacy: Eine Herausforderung für unser Gesundheitssystem

Millionen Deutsche haben Schwierigkeiten, Informationen in Bezug auf ihre Gesundheit richtig zu verstehen. Unter dem Stichwort „Health Literacy“ wird daher international untersucht, wie das Verständnis verbessert werden kann. Von Gudrun Quenzel



Die Zukunftsvision des mündigen Patienten, der zunehmend an Entscheidungen über die ihn betreffenden Gesundheitsfragen beteiligt wird, ist an viele Voraussetzungen geknüpft. Unter dem Stichwort Health Literacy wird gegenwärtig international diskutiert, welche Fähigkeiten die Nutzer eines Gesundheitssystems mitbringen müssen, um Krankheiten erfolgreich bewältigen oder – besser noch – vermeiden zu können.

Ihren Ausgangspunkt nahm die Diskussion um Health Literacy in der Beobachtung, dass viele Patienten die ihnen ausgehändigten Patienteninformationen nicht lesen konnten. Nach einer aktuellen Studie über die Lesekompetenz der erwachsenen Bevölkerung betrifft dies in Deutschland etwa 7,5 Millionen Menschen – also etwa 14,3 Prozent aller Erwachsenen. Menschen mit geringer Lese- und Schreibkompetenz werden auch als funktionale Analphabeten bezeichnet. Anders als andere Analphabeten können sie zwar grundsätzlich lesen. Ihre Lesekompetenz beschränkt sich jedoch auf einzelne Wörter und einfache Sätze, mit der Folge, dass sie den Sinn von zusammenhängenden Texten häufig nicht erfassen können. Im Umgang mit dem Gesundheitssystem kann das zu Problemen führen, etwa wenn Operations-Aufklärungen, Merkblätter oder Briefe von der Krankenkasse nicht oder falsch verstanden werden.

Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass weitaus größere Teile der Bevölkerung als bislang angenommen Probleme haben, für ihre Gesundheit wichtige Informationen zu finden, zu verstehen und auf dieser Basis informierte Entscheidungen treffen zu können. Auf Basis der Ergebnisse des European Health Literacy Survey wird geschätzt, dass in Deutschland etwa 43 Prozent der Bevölkerung eine als problematisch einzustufende Health Literacy haben.

Momentan wird an der Universität Bielefeld in zwei Studien das Health Literacy-Niveau in der Allgemeinbevölkerung und in besonders betroffenen Gruppen erhoben. Erste Ergebnisse zeigen, dass ältere Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund und Jugendliche überproportional häufig Verständnisprobleme haben. Dies drückt sich unter anderem darin aus, dass sie Schwierigkeiten haben, den Anweisungen ihres Arztes zu folgen, Entscheidungen über Therapien zu treffen oder Beipackzettel von Medikamenten zu verstehen. Betrachtet man etwa die Gruppe der 65- bis 80-Jährigen, zeigt sich, dass es mehr als jedem Vierten der über 65-Jährigen Probleme bereitet, zu verstehen, was ihr Arzt ihnen sagt. Liegt ein Migrationshintergrund vor, betrifft dies mehr als jeden Dritten. Auch wird deutlich, dass sich Verständnisprobleme mit zunehmendem Alter verstärken.

Zu den gesundheitspolitischen Herausforderungen der Zukunft gehört, das Health Literacy-Niveau in vulnerablen Bevölkerungsgruppen zu erhöhen und – wo immer es möglich ist – die Komplexität von Informationen so zu reduzieren, dass für viele eine Partizipation an Entscheidungen möglich wird.  


www.uni-bielefeld.de