• Vorlesen
  • A A A
Ältere Dame wirkt nachdenklich
 

Doppelt bitter

Alleinstehende Pflegebedürftige leiden oft an Einsamkeit und finanzieller Not

Eine repräsentative Studie der Stiftung „Zentrum für Qualität in der Pflege“ (ZQP) belegt: Alleinlebende Pflegebedürftige  sind überdurchschnittlich oft von Einsamkeit und finanzieller Not betroffen.



Unsere Gesellschaft wird immer älter – das wirkt sich auch auf die Zahl der Pflegebedürftigen hierzulande aus. Lag sie 1995 noch bei 1,06 Millionen Menschen, bezogen Ende 2012 bereits 2,54 Millionen Menschen Leistungen der Pflegepflichtversicherung. Und laut einer Prognose des Statistischen Bundesamtes werden es 2030 rund 3,4 Millionen Pflegebedürftige in Deutschland sein.

Ein Forscherteam des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) untersuchte im Auftrag der Stiftung „Zentrum für Qualität in der Pflege“ (ZQP) die Frage, wie Pflegebedürftige in ihrem eigenen Haus versorgt werden. Die vorliegenden Ergebnisse gehen über die Routinedaten der aktuellen Pflegestatistik weit hinaus. Denn in den Analysen wurden nicht nur Leistungsbezieher der Pflegeversicherung berücksichtigt, sondern auch diejenigen, die zwar noch keiner Pflegestufe zugeordnet sind, aber regelmäßig bei alltäglichen Aufgaben Hilfe brauchen. Datengrundlage der Studie ist das Sozioökonomische Panel des DIW mit mehr als 20.000 Personen in fast 13.000 Haushalten.

Demnach leben 44 Prozent der Pflegebedürftigen allein, 42 Prozent in einem Zweipersonenhaushalt und 14 Prozent in Haushalten mit mindestens drei Personen. Die Alleinlebenden und diejenigen in Mehrpersonenhaushalten sind oft weiblich und verwitwet, während die Betroffenen in Paarhaushalten oft von ihren Partnerinnen betreute Männer sind.

Doch es ist vor allem die Gruppe der Alleinlebenden, bei der die Grenzen der häuslichen Pflege deutlich werden, wenn Faktoren wie soziale Isolation, geringes Einkommen oder kognitive Einbußen aufeinandertreffen. Alleinlebende können Probleme bei der Pflegeorganisation nur schwer kompensieren oder überbrücken. Immerhin ist etwa jeder Sechste auf komplexe, elementare Pflege wie Hilfe beim Umbetten oder Stuhlgang angewiesen.

„Da sich die Zahl der alleinlebenden Pflegebedürftigen im vergangenen Jahrzehnt verdoppelt hat, wird die Frage nach einer angemessenen Unterstützung dieser wachsenden Gruppe immer wichtiger“, sagt der ZQP-Vorstandsvorsitzende Suhr. „Die künftige Pflegereform muss diese Entwicklung mehr einbeziehen.“

Jeder Fünfte alleinlebende Pflegebedürftige hat keine Vertrauensperson.

So gibt laut der Studie fast jeder fünfte alleinlebende Pflegebedürftige an, keine Vertrauensperson zu haben. Diese Einsamkeit wirkt sich nicht nur emotional aus. Auch haben diese Menschen bei gesundheitlichen Problemen oder Behördengängen niemanden, dem sie vertrauen und auf den sie sich wirklich verlassen können. „Steigt der Hilfebedarf plötzlich deutlich an, etwa nach einem Sturz, kann dies in Einpersonenhaushalten nicht so kurzfristig aufgefangen werden wie in größeren Haushalten“, erklärt Suhr.

Auch finanziell sind alleinlebende Pflegebedürftige am stärksten belastet. Und die meisten haben kaum finanzielle Reserven. Die Folge: Fast jeder fünfte Pflegebedürftige ist mit seinem Lebensstandard unzufrieden oder gar sehr unzufrieden und kann den Alltag nicht den eigenen Vorstellungen entsprechend gestalten.  Daher fordert Suhr: „Der Wunsch, zu Hause gepflegt zu werden, darf keine Frage des Geldes sein. Wir brauchen in diesem Bereich mehr Unterstützungsangebote, auch durch die Einbindung ehrenamtlicher Strukturen.“

Wie und von wem ein Mensch gepflegt wird, hängt von der Familie, der Haushaltskonstellation und der Qualität des Netzwerkes aus Freunden, Nachbarn und anderen Helfern ab. 60 Prozent der Pflegebedürftigen werden von ihrem sozialen Umfeld betreut, während 10 Prozent von professionellen Diensten gepflegt werden.

Enttäuschungen, Überforderungen, Schuldgefühle

„Auch wenn Ehrenamtliche sicherlich nicht den Verlust von engen Freunden oder des Ehepartners auffangen können, so können sie doch zumindest dazu beitragen, dass alleinlebende Pflegebedürftige in Krisen jemanden haben, dem sie vertrauen“, sagt Suhr. Schließlich leidet der Studie zufolge eben jene Risikogruppe häufiger unter Streit mit ihren Familienangehörigen oder anderen Pflegepersonen – ausgelöst durch enttäuschte Erwartungen, Überforderungen und Schuldgefühle. „Alleinlebende Pflegebedürftige sind also anfälliger für soziale und psychische Probleme“, sagt Suhr. Gerade diese Gruppe könnte von einer dringend notwendigen Stärkung der ehrenamtlichen Alltagsbegleitung profitieren. „Unsere Erfahrungen und  Studien zeigen, dass dafür etwas in den Kommunen getan werden muss“, sagt der ZQP-Vorstandsvorsitzende.

Für besonders erfolgsversprechend hält Suhr unter anderem die gezielte Ausweitung von Qualitätsmaßnahmen, Unterstützungsstrukturen beim Einkaufen oder Spazierengehen sowie finanzielle Aufwandsentschädigungen. Möglich wäre etwa der Ausbau von quartierbezogenen Pflege- und Betreuungsangeboten. „Auch würde eine bessere Vereinbarung von Beruf und Pflege Entlastung schaffen – insbesondere für die Pflegenden außerhalb des engen Familienkreises, also für Bekannte oder Nachbarn“, sagt Suhr.


Weitere Informationen im Internet: www.zqp.de