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PKV publik 5.2014

„Die Politik kann nicht jedes Problem lösen“

Die Pflege ist das wichtigste Thema der aktuellen Gesundheitspolitik. Uwe Laue, der Vorsitzende des Verbandes der Privaten Krankenversicherung, spricht im Interview mit PKV publik über die steigende Zahl von Pflegebedürftigen, die Notwendigkeit einer stärkeren privaten Vorsorge und die Pflegekompetenz der PKV.

Im Gespräch: Uwe Laue, Vorsitzender des PKV-Verbandes



Herr Laue, die Pflegepolitik hat eine zentrale Rolle bei der diesjährigen Mitgliederversammlung des Verbandes der Privaten Krankenversicherung gespielt. Zudem weist die Branche derzeit mit einer Informationskampagne auf die Pflegekompetenz der Privaten Krankenversicherung hin. Ist Pflege das Thema der Stunde?

Laue: Ja, die Pflege ist mit Recht ein Hauptthema der Gesundheitspolitik in dieser Wahlperiode. Nach der Diskussion über das optimale Krankenversicherungssystem, die ja von einigen Parteien vor der Bundestagswahl geführt wurde, richtet sich nun der Blick auf die wirklich drängenden Probleme. Und dazu zählt die Pflege eindeutig. Denn die große Mehrheit der Menschen in Deutschland ist in der Sozialen Pflegeversicherung versichert, die sich über das sogenannte Umlageverfahren finanziert. Doch während heute für nur 2,4 Millionen Pflegebedürftige gesorgt werden muss, werden es im Jahr 2050 schon doppelt so viele sein. Gleichzeitig werden wir viel weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter haben, die die Hauptlast der Beiträge bezahlen müssen.

Zudem ist die Pflegepflichtversicherung ja nur eine „Teilkaskoversicherung“. Im Pflegefall wissen schon heute viele nicht, wie sie die dann entstehende Finanzierungslücke schließen sollen. Da müssen dann immer öfter die Kinder einspringen. Wegen der steigenden Zahl Pflegebedürftiger werden davon immer mehr Menschen betroffen sein. Da steuern wir auf gewaltige Probleme zu.

Welche Lösungsvorschläge haben Sie?

Laue: Die Bürger müssen stärker privat vorsorgen, um sich vor Finanzierungslücken im Pflegefall zu schützen. Gerade in der Pflege ist das mit relativ geringen Beiträgen möglich, weil Pflegebedürftigkeit ja meist spät im Leben auftritt und man somit viel Zeit zur Vorsorge hat. Die Politik hat diese Notwendigkeit im Übrigen erkannt und die PKV mit der Einführung einer staatlich geförderten Pflegezusatzversicherung beauftragt. Herausgekommen sind dabei Tarife, bei denen die Antragsteller unabhängig von ihrem Gesundheitszustand angenommen werden; und in denen alle Versicherten eine Förderung von bis zu einem Drittel des Beitrags erhalten. Somit kann jeder Erwachsene etwas gegen die drohende Finanzierungslücke im Pflegefall tun.

Wird das neue Versicherungsangebot gut angenommen?  

Laue: Ja, wir sind mit der Entwicklung durchaus zufrieden. Allein im ersten Jahr haben sich über 350.000 Menschen für dieses neue Vorsorgeprodukt entschieden. Das zeigt, dass viele Menschen das Problem verstanden haben. Zusammen mit den ungeförderten Pflegezusatzversicherungen haben bisher aber nur knapp 3,5 Prozent aller 79 Millionen Pflegepflichtversicherten eine zusätzliche Absicherung. Deswegen dürfen wir nicht nachlassen, die Menschen über das Risiko Pflegebedürftigkeit zu informieren.

Kritiker sagen, die Politik habe der PKV damit ein nettes Zusatzgeschäft verschafft.

Laue: Nun, natürlich lebt die PKV vom Verkauf von Versicherungen. Aber die Beiträge aus der Pflegezusatzversicherung machen dabei nur einen Bruchteil der Gesamtbeiträge aus. Das Standbein der PKV bleibt die Krankenvollversicherung. Die Branche hat über Jahrzehnte hinweg bewiesen, dass sie vernünftige Versicherungsprodukte anbietet, für die ein wirklicher Bedarf besteht. Das Vertrauen, das uns die Politik mit dem Auftrag zur Entwicklung der geförderten Pflegezusatzversicherung entgegengebracht hat, haben sich die Versicherungsunternehmen mit guter Arbeit verdient. Die Privaten haben bereits im Jahr 1984 – also vor 30 Jahren – Pflegeversicherungen angeboten. Mit der Einführung der Sozialen Pflegeversicherung hat die Politik erst zehn Jahre später nachgezogen.

Die gesetzliche Pflegeversicherung soll nun reformiert werden. Wie beurteilen Sie den Regierungsentwurf dazu?

Laue: Es ist absolut richtig, dass die Regierung das Thema Pflege anpackt. Nicht zuletzt deshalb, weil so auch die öffentliche Aufmerksamkeit verstärkt auf dieses Problemfeld gelenkt wird. Aber die Politik muss nun darauf achten, dass dies nicht zu einer allgemeinen Sorglosigkeit bei den Bürgern führt.

Wie meinen Sie das?

Laue: Die aktuelle Debatte über die Pflegereform mit ihrer Beitragserhöhung und der entsprechenden Ausweitung der Leistungen sowie über einen staatlichen „Vorsorgefonds“ haben bei vielen Menschen zu dem Irrtum  geführt, durch die Reformen würde die drohende Pflegekosten-Lücke verkleinert oder gar geschlossen. Wir begegnen schon heute häufig dem Missverständnis, dass sich die Politik quasi um alles kümmert und Eigenvorsorge vielleicht nicht mehr nötig ist. Dieser Gedanke darf sich nicht festsetzen. Da ist noch viel Aufklärungsarbeit erforderlich. Die Politik kann nicht jedes Problem lösen.

Aber immerhin soll ja nun ein „Pflegevorsorgefonds“ eine gewisse Absicherung für die steigenden Kosten bieten...

Laue: Zunächst zeugt der von der Koalition vorgesehene Aufbau eines „Pflegevorsorgefonds“ von der Erkenntnis, dass die Umlagefinanzierung der Pflegeversicherung allein nicht ausreichend ist. Doch das Finanzierungsproblem wird durch diesen Fonds nicht gelöst: Zum Einen ist der Umfang der anzusparenden Mittel unzureichend. Dem Entwurf zufolge würde die gesetzliche Pflegeversicherung für ihre etwa 70 Millionen Versicherten jedes Jahr rund 1,2 Milliarden Euro zurücklegen. Zum Vergleich: die PKV hat für die rund 9 Millionen Privatversicherten schon heute 26 Milliarden Euro an Alterungsrückstellungen zurückgelegt.

Außerdem hat der geplante Fonds einen Konstruktionsfehler: Eine staatliche Kapitalreserve ist niemals vor einer politischen Zweckentfremdung sicher. Daran ändert auch die geplante Verwaltung bei der Bundesbank nichts. Das beweisen schon die aktuellen Koalitionspläne zu Lasten der Reserven der Rentenversicherung. Nur privatrechtlich garantierte Eigentumsansprüche können eine langfristige Vorsorge sichern. Deswegen plädieren wir dafür, Kapitaldeckung ausschließlich in privater Hand zu organisieren.

In seiner aktuellen Informationskampagne wirbt der PKV-Verband für seine Pflegekompetenz. Was wollen Sie damit bewirken?

Laue: Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass die Private Krankenversicherung nicht nur für eine nachhaltige Finanzierung der Pflegekosten steht, sondern sich auch konsequent für eine bessere Qualität in der Pflege selbst engagiert. Mit vielen innovativen Ideen trägt die Private Krankenversicherung zu einer nachweislich besseren Pflege bei – zu Gunsten aller Betroffenen, und zwar unabhängig davon, in welchem System sie versichert sind.

Können Sie konkrete Beispiele nennen?

Laue: Die Pflegekompetenz der Privaten Krankenversicherung erstreckt sich auf alle Bereiche: Sei es die private Pflegeberatung der PKV-Tochter COMPASS, die seit 2009 rund 300.000 Beratungen durchgeführt hat, sei es bei den Qualitätskontrollen von Pflegeeinrichtungen durch den Prüfdienst der PKV oder bei der Feststellung von Pflegebedürftigkeit durch das Unternehmen MEDICPROOF. Hinzu kommt noch die herausragende Arbeit unserer gemeinnützigen Stiftung „Zentrum für Qualität in der Pflege“, mit der Pflegequalität auf eine wissenschaftlich fundierte Grundlage gestellt wird. Der jüngste Zweig unseres Pflege-Engagements ist die Prävention. Die Private Krankenversicherung finanziert dazu ein neues Projekt der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Es heißt „Altern in Balance“. Damit wollen wir die körperliche Bewegung, geistige Aktivität und soziale Teilhabe älterer Menschen fördern. Denn wer bis ins Alter fit bleibt, hat alle Chancen, die Pflegebedürftigkeit aufzuschieben oder ganz zu vermeiden. Nach der erfolgreichen Zusammenarbeit in der Prävention von Aids sowie von Alkoholmissbrauch durch Kinder und Jugendliche ist „Altern in Balance“ schon die dritte Kooperation der Privaten Krankenversicherung mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Wagen Sie eine Prognose, wie es zukünftig mit der Pflege weitergehen wird in Deutschland?

Laue: Mit der aktuellen Diskussion über die Zukunft der Pflege haben wir ein Zeitfenster, um die Notwendigkeit privater Vorsorge in den Köpfen der Menschen zu verankern. Diese Chance müssen wir nutzen. Je früher mit einer Stärkung der Pflegeversicherung durch kapitalgedeckte Elemente begonnen wird, desto eher lassen sich die Folgen der demografischen Entwicklung abfedern. Ich bin überzeugt, dass der PKV dabei eine herausragende Rolle zukommt. Die Pflegeversicherung hat vor 30 Jahren als private Initiative begonnen – und auch ihre Zukunftsfähigkeit wird entscheidend von privater Vorsorge und kapitalgedeckter Nachhaltigkeit abhängen.


Weitere Informationen im Internet: www.wir-machen-pflege-besser.de