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PKV publik 2.2014

Kind staunt im Spielzeugauto
 

Mit Vollgas in die Krise

Eine neue Studie zeigt gravierende Folgen des demografischen Wandels für die Gesetzliche Krankenversicherung

Bleibt das Gesundheitswesen wie es ist, müssen Kassenpatienten mit starken Leistungskürzungen rechnen. Die Lösung liegt in mehr privater Vorsorge.


 

Wenn man auf einen Abgrund zufährt, ist es im Allgemeinen wenig hilfreich, einfach wegzuschauen. Doch so ähnlich handelt die Bundesregierung mit Blick auf die künftige Finanzierung der Gesundheitsleistungen. Und schlimmer noch: Sie tritt sogar aufs Gaspedal.

Denn obwohl die alternde Gesellschaft die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) und Soziale Pflegeversicherung zunehmend vor Herausforderungen stellt, für die deren demografieanfällige Finanzierungsweise keine Lösung bietet, verweigert sich die Bundesregierung den nötigen Reformen – mit drastischen Folgen für alle Versicherten.

Diesen Vorwurf erhebt der renommierte Gesundheitsökonom Prof. Fritz Beske in seinem neuesten Buch mit dem Titel „Gesundheitsversorgung von morgen“. Der Wissenschaftler führt darin aus, welche Auswirkungen der demografische Wandel auf die künftige Zusammensetzung des Versichertenkollektivs in der Gesetzlichen Krankenversicherung hat und auf welche Weise das System auf diese Veränderungen reagieren muss. Beskes Fazit: „Der Zeitpunkt, an dem das Dach einstürzt, ist nicht mehr weit von uns entfernt.“

„Der Zeitpunkt, an dem das Dach einstürzt, ist nicht mehr weit von uns entfernt.“

Denn in der GKV tickt systembedingt eine Zeitbombe: Ihre sogenannte Umlagefinanzierung ist darauf angewiesen, dass die Erwerbstätigen die Kosten der älteren und dann häufig kränkeren Versicherten mittragen. Je weniger Erwerbstätige und je mehr Ältere und Kränkere es gibt, umso teurer wird es somit für die Erwerbstätigen – die Folge sind höhere Beiträge oder Leistungskürzungen für alle.

Genau das ist angesichts des demografischen Wandels in Deutschland zu erwarten. Während heutzutage knapp drei Erwerbstätige auf eine Person im nicht mehr erwerbsfähigen Alter kommen, wird es 2060 nur noch ein Erwerbstätiger sein.

Nach Prognosen des Statistischen Bundesamtes wird die Bevölkerung in Deutschland bis zum Jahr 2060 um etwa 17 Millionen Menschen abnehmen. Besonders stark sinkt dabei der Anteil der 20- bis 66-Jährigen an der Bevölkerung – also genau derjenigen Altersgruppe, die als Erwerbstätige die Sozialversicherungen zum Großteil finanziert. Während es also künftig immer weniger Netto-Zahler in der GKV geben wird, steigt die Zahl derjenigen, die im Alter höhere Leistungen in Anspruch nehmen: Bis 2060 wird es etwa fünf Millionen Deutsche mehr in einem Alter von 67 Jahren und höher geben. Grund für die alternde Bevölkerung ist nicht nur die geringe Geburtenrate, sondern auch die steigende Lebenserwartung.

Infolgedessen nimmt auch die Zahl der altersbedingten Krankheiten zu. Beske zufolge steigt beispielsweise die Zahl der jährlichen Herzinfarkte bis 2050 um 75 Prozent, die Zahl der Schlaganfälle um 62 Prozent; Krebs- und Demenzerkrankungen werden ebenfalls stark zunehmen. Damit wachsen auch der Versorgungsbedarf  und die entsprechenden Kosten.

Die konjunkturbedingten GKV-Überschüsse werden sich in ein Milliardendefizit verwandeln.

Die Folge: Die aktuellen, konjunkturbedingten Überschüsse der Gesetzlichen Krankenversicherung werden sich in den kommenden Jahrzehnten unausweichlich in ein immer größer werdendes Milliardendefizit verwandeln. Selbst wenn es keine Kostensteigerungen durch den medizinischen Fortschritt gäbe – was absolut unrealistisch ist –, müsste der GKV-Beitragssatz nach Beskes Berechnungen bis 2060 auf bis zu 19,3 Prozent steigen. Eine jährliche Kostensteigerung von zwei Prozent mit eingerechnet, würde der Beitragssatz rechnerisch sogar eine astronomische Höhe von bis zu 52 Prozent erreichen.

Ein solcher GKV-Beitragssatz ist natürlich vollkommen illusorisch. Beske geht daher davon aus, dass es stattdessen zu gravierenden Leistungskürzungen in der GKV kommen wird. Wegen der zu erwartenden Widerstände in der Bevölkerung befürchtet er allerdings, dass die Politik die konkrete Umsetzung dieser Sparmaßnahmen den einzelnen Ärzten und Krankenkassen überlassen könnte.

Eine solche „ungeordnete“ Rationierung von Leistungen wäre die „ungerechteste, unsozialste und unsolidarische Anpassung des Leistungskatalogs der GKV an begrenzte Mittel“, die es geben könne, warnt Beske. Statt jedem einzelnen Arzt die Entscheidung zu überlassen, welche Leistung im Einzelfall gewährt wird, sieht er die Politik in der Pflicht, die GKV-Leistungen den künftig knapper werdenden Kassen anzupassen und beispielsweise die beitragsfreie Familienversicherung oder Präventionsleistungen in der GKV abzuschaffen.

Der Rat des Wissenschaftlers an die gesetzlichen Kassen lautet also: verzichten lernen. Die von SPD, Grünen und Linkspartei in ihren Wahlprogrammen geforderte Bürgerversicherung bietet dagegen keine Lösung für das demografische Dilemma der Gesetzlichen Krankenversicherung: „Kein einziger gesetzlich Versicherter wird dadurch eine bessere Versorgung erhalten, dass zehn Prozent der Bevölkerung die Private Krankenversicherung entzogen wird“, so Beske.

Im Gegenteil: Statt zu kürzeren Wartezeiten für Kassenpatienten dürfte es in diesem Fall eher dazu kommen, dass künftig alle Patienten noch länger warten müssen. Denn die Erfahrung aus anderen Ländern zeigt: In Einheitssystemen entsprechen die Leistungen oft nur noch einer reinen Grundversorgung auf niedrigem Niveau. Den gesetzlich Versicherten würde eine solche Radikalreform einen Bärendienst erweisen. Jenseits aller ideologischen Schaukämpfe sieht daher auch der Koalitionsvertrag von Union und SPD keine Veränderungen an der Dualität von Gesetzlicher und Privater Krankenversicherung vor.

Genauso töricht wie in der Krankenversicherung wäre es auch in der Pflegeversicherung, rein auf die schwächelnde Umlagefinanzierung zu setzen. Denn auch hier wird der demografische Wandel unausweichlich zu einer Kostenexplosion führen, die das Finanzierungssystem der Sozialen Pflegeversicherung nicht abfedern kann.

Beske warnt: Bis zum Jahr 2060 wird sich die Zahl der Pflegebedürftigen auf rund 4,5 Millionen annähernd verdoppeln. Da die Gesamtbevölkerung gleichzeitig im selben Zeitraum erheblich sinkt, springt der Anteil der Pflegebedürftigen an der Bevölkerung von derzeit 2,9 auf dann 7 Prozent. Besonders stark wird dabei die Zahl der Schwer- und Schwerstpflegebedürftigen zunehmen – also die besonders ausgabenintensiven Fälle.

 

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