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PKV publik 10.2013

Die Ziele der evidenzbasierten Medizin erfordern globale Zusammenarbeit

Es wäre Verschwendung, das globale Wissen nicht zu nutzen. Zudem wäre es nicht finanzierbar, wenn jedes Land alle relevanten medizinischen Fragen mit eigenen Studien beantworten wollte. Um den globalen Wissenspool erfolgreich zu nutzen, bedarf es in Deutschland noch erheblicher Investitionen.

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Gerd Antes


 

Evidenzbasierte Medizin (EbM) ist durch die Entwicklung der letzten 20 Jahre aus der Medizin nicht mehr weg zu denken. Es ist jedoch auch ein häufig missbrauchtes Schlagwort, als Allzweckwaffe für diverse Zwecke eingesetzt. Genauere Betrachtung zeigt, dass das anspruchsvolle methodische Gerüst, das mit EbM untrennbar verbunden ist, dabei oft nicht einmal ansatzweise angemessen berücksichtigt wird.

EbM wird seit Anfang der 1990er Jahre als Zusammenspiel aus den Werten von Patient und Angehörigen, Kontext und der (externen) Evidenz aus patientenbezogenen Studien definiert. Davon wird jedoch oft ausschließlich letzteres diskutiert. Das mag daher rühren, dass hierunter das gesamte Informationsspektrum von der einzelnen Studie über die Synthese in systematischen Zusammenfassungen bis hin zur anwendernahen Darstellung in Health Technology Reports (HTA), klinischen Leitlinien und Patienteninformation fällt. Eine zentrale und unverzichtbare Rolle hat dabei die Synthese der global für die Fragestellung relevanten Studienergebnisse.

Diese Grundstruktur ist inzwischen international etabliert, jedoch mit enormen Unterschieden in der Umsetzung zwischen den Ländern. Weit vorn liegen neben den USA Länder mit zentralistischen, steuerfinanzierten Gesundheitssystemen. Aus Ressourcegründen lassen sich die Ziele der EbM nur in globaler Kooperation verwirklichen. Einmal wäre es pure Verschwendung und schädlich für Patienten, das global vorhandene Wissen nicht zu nutzen, andererseits für kein Land finanzierbar, alle relevanten Fragen mit eigenen Studien beantworten zu wollen. Das heißt im Umkehrschluss, dass Länder mit Anspruch auf evidenzbasierte Versorgung gleichermaßen zum globalen Wissenspool beisteuern sollten, wie sie diesen nutzen. Deutschland wird diesem Anspruch nicht gerecht und ist im internationalen Vergleich vor allem Konsument.

Die Lage wird verschärft durch die Sprachgrenze zwischen den 5 Prozent der Weltbevölkerung – Tendenz fallend – mit Englisch als Muttersprache und dem Rest der Welt. Heute werden neue, relevante Studienergebnisse zu nahezu 100 Prozent in Englisch publiziert, auch aus der nicht englischsprachigen Welt. Diese zunehmende Polarisierung bedeutet im Prinzip die Verhinderung von EbM für den hohen Anteil der globalen Bevölkerung, deren Sprachkompetenz die Nutzung von Wissen in englischer Sprache nicht erlaubt.

Für Deutschland bedarf es erheblich höherer Investitionen sowie neuer Strukturen, um die Implementierung von Wissen in der Praxis zu beschleunigen. Geeignete Institutionen sind in den führenden Ländern entstanden. Modellhaft für die nichtenglischsprachigen Länder ist das Norwegian Knowledge Centre, das mit der National Library of Health in der Informationsversorgung für die Gesundheitsberufe wie auch für Laien und Patienten weltweit führend ist. Deutschland braucht und verdient bessere Information für Ärzte und andere Gesundheitsberufe sowie Patienten und Angehörige.