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PKV publik 8.2013

Erbarmungslos erfolgreich

Der Werbe-Profi Frank Stauss hat zahlreiche Wahlkämpfe mitgemacht. Seine Erfahrungen hat der Politik-Kenner in einem viel beachteten Buch beschrieben. In unserem Gastbeitrag analysiert er das Ergebnis der Bundestagswahl.


Gastbeitrag von Frank Stauss

 

Der Wahlkampf 2012/2013 beeindruckte durch das konsequente Ignorieren aller relevanten Themen. Weder die Eurokrise noch mögliche Reformvorhaben wurden von den Parteien, den Medien oder den Bürgerinnen und Bürgern in den Diskurs eingebracht oder eingefordert. Wie gelähmt standen alle Akteure vor einem grundzufriedenen Volk, das – nach einer Erhebung von Infratest Dimap – wenige Wochen vor der Wahl zu 76 Prozent mit der persönlichen Situation „zufrieden“ oder gar „sehr zufrieden“ war.

Auch die vor Jahren von der Opposition als Wahlkampf-Hit erdachte „Bürgerversicherung“ spielte keine Rolle in einer Zeit, in der für die Menschen kein spürbarer Druck auf dem Gesundheitssystem lastet und eher Beiträge erstattet als erhoben werden. Diese Gemengelage war eine Steilvorlage für die Kanzlerin, die sich als harte Verhandlungsführerin auf europäischer Ebene inszenierte, ihr Image im eigenen Land aber durch eine weiche Personality-Show von der „Bunten“ bis zu privaten Urlaubsbildern absoftete. Am Ende eines ereignisarmen Wahlkampfes stand der größte Erfolg von CDU/CSU seit fast 20 Jahren und ein persönlicher Triumph von Angela Merkel. Der Vorsprung zur SPD betrug sagenhafte 15,8 Prozentpunkte – der höchste seit 56 Jahren.

Dieser Erfolg war keine Selbstverständlichkeit. Etwas mehr als ein Jahr zuvor betrug der Abstand beider Volksparteien nach dem ZDF Politbarometer gerade einmal zwei Prozentpunkte (34:32). Und das bei einer bereits auf der Kippe stehenden FDP.

Schwarz/Gelb kam am 15. Juni 2012 auf 39 Prozent, Rot/Grün auf 45 Prozent. Danach folgte, wenn man es ehrlich betrachtet, nichts. Also kein übergeordnetes Ereignis innen- oder außenpolitischer Art, das eine so dramatische Verschiebung im Wählerverhalten erklären könnte. Im Januar 2013 kassierte Schwarz/Gelb sogar noch eine knappe, aber dennoch schwer zu verdauende Niederlage in Niedersachsen und damit den Verlust eines weiteren wichtigen Bundeslandes.

Was also führte zu diesem Erdrutschsieg? Die Antwort findet man nicht bei CDU/CSU, sondern nur bei der Opposition. SPD und Grüne führten verheerende Kampagnen am Volk vorbei. In der Erinnerung bleiben nur: Vortragshonorare, Kanzlergehalt, Veggie Day, Pinot Grigio, Steuererhöhungen, Pädophile und Mittelfinger. Schützenhilfe bot alleine die Performance einer in sich zerstrittenen FDP. Dieser Erfolg der Union – von dem noch keiner weiß, wozu er führt – ist einer Gabe der Kanzlerin zu verdanken, die auch der Schlüssel zu ihrem Erfolg auf allen Ebenen ist. Sie hat die Nervenstärke, auch bei stürmischer See ruhig an Deck zu stehen, während ihre Konkurrenten erst ihr eigenes Boot leck schlagen, dann über Bord gehen und langsam aber sicher ertrinken. So hat sie am Ende in aller Ruhe gewonnen, steht aber auch sehr alleine an der Reling und blickt auf eine See, die alle verschluckte – auch den Koalitionspartner.