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PKV publik 7.2013

Editorial

 

Liebe Leserinnen und Leser,

in den zurückliegenden Ausgaben dieser Zeitschrift haben wir die Idee einer Bürgerversicherung, wie sie SPD, Grüne und Linke fordern, unter den verschiedensten Gesichtspunkten durchleuchtet. Darüber hinaus haben wir mit zahlreichen Experten gesprochen und sie nach ihrer Meinung zu einem solchen radikalen Schnitt in unserem Gesundheitssystem gefragt. Das Ergebnis ist eindeutig: Eine Abschaffung des dualen Systems brächte Nachteile für alle Gesellschaftsschichten und wird von der großen Mehrheit der Akteure aus Gesundheitswesen und Wirtschaft abgelehnt.

Diese kritische Haltung wird nun auch von wissenschaftlicher Seite eindrucksvoll untermauert: Eine Studie des renommierten Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), die wir Ihnen in dieser Ausgabe vorstellen, zeigt, dass eine Bürgerversicherung massive Nachteile für unsere gesamte Volkswirtschaft bedeutete. Darüber hinaus veröffentlichte das Institut für Wirtschaftsforschung in Köln (IW) eine Analyse, wonach eine Bürgerversicherung sogar kontraproduktiv sei für die eigentliche Herausforderung der Gesundheitspolitik – nämlich die Systemdefizite innerhalb der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zu verringern.

Angesichts der vielen gravierenden Nachteile, die bei näherer Untersuchung des Bürgerversicherungs-Ansatzes deutlich werden, verwundert es nicht, dass sich selbst die Verfechter dieser Idee nicht mehr mit dem gewohnten Nachdruck dafür einsetzen. So taucht das Thema Gesundheitspolitik im 100-Tage-Programm, in dem SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück die aus seiner Sicht dringendsten gesellschaftlichen Probleme aufgelistet hat, überhaupt nicht auf. Das ist nur konsequent, denn über 80 Prozent der Deutschen sind laut Meinungsforschungsinstitut Allensbach mit unserem Gesundheitssystem sehr zufrieden.

Auch der Begriff „Bürgerversicherung“ selbst fällt in der öffentlichen Debatte immer seltener. Offenbar, weil er inzwischen mit zu vielen kritischen Fragen besetzt ist. Doch auch wenn stattdessen nun häufiger von einem „integrierten“ oder „einheitlichen“ Versicherungsmarkt gesprochen wird, darf man sich nicht täuschen lassen. Beides sind ebenfalls nur andere Begriffe für eine Einheitsversicherung mit all ihren schwerwiegenden Folgen: Weniger Wahlmöglichkeiten, Einschränkung der ärztlichen Therapiefreiheit, hohe finanzielle Belastung mittlerer Einkommensgruppen, Verlust von Arbeitsplätzen, ungesicherte Finanzierung und letztlich eine schlechtere medizinische Versorgung für alle Versicherten.

Statt nur aufgrund von Umverteilungswünschen einen radikalen Schnitt in einem funktionierenden System zu fordern, sollten sich daher nun alle wieder darauf konzentrieren, unser hervorragendes Gesundheitswesen weiter zu verbessern. Denn davon hätten wirklich alle etwas.

Mit freundlichen Grüßen, Ihr

Volker Leienbach