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PKV publik 6.2013

 

Familien zahlen drauf

Die meisten Eltern werden in der Gesetzlichen Krankenversicherung nicht entlastet

Die „beitragsfreie Mitversicherung“ von Kindern klingt gut, ist aber trügerisch. Eine neue Studie zeigt: In Wahrheit sind Familien in der GKV Nettozahler.



„Beitragsfreie Mitversicherung“ von Kindern und nicht erwerbstätigen Ehepartnern – das erweckt zunächst den Eindruck, die Familien würden finanziell entlastet. Doch dieses Bild trügt. In Wahrheit sind die Familien längst zu Nettozahlern in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) geworden. Eltern müssen während der aktiven Familienphase im Durchschnitt deutlich mehr in ihre Krankenkassen einzahlen, als sie mitsamt ihren Kindern selbst an Gesundheitsleistungen erhalten. Sie müssen mit ihren Beiträgen vor allem die Gesundheitskosten der älteren Generation mitfinanzieren.

Dies ist das Ergebnis einer Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung, für die der Gesundheitsökonom Dr. Frank Niehaus, Leiter des Wissenschaftlichen Instituts der Privaten Krankenversicherung (WIP) die Familienfreundlichkeit der GKV auf den Prüfstand gestellt hat. Die „beitragsfreie Mitversicherung“ in der GKV entspricht nach Angaben der Bundesregierung einem Umfang von mehr als 16 Milliarden Euro für Kinder sowie weiteren rund 13 Milliarden Euro für nicht erwerbstätige Ehegatten. Diese hohen Summen erwecken zunächst den Anschein, dass Familien in der GKV finanziell erheblich unterstützt würden. Die Studie von Niehaus zeigt aber, dass Familien gerade in der Phase, in der die Kinder im Haushalt der Eltern leben, in der GKV weder entlastet noch gefördert werden. Die Studie nennt dafür drei Gründe:

Zum einen finanzieren Familien nicht nur durch ihre Krankenkassenbeiträge die laufenden Kosten der GKV mit, sondern sichern erst durch ihre Kinder das zukünftige Fortbestehen der GKV. Denn die umlagefinanzierte GKV, die anders als die Private Krankenversicherung keine kapitalgedeckten Rückstellungen für die höheren Gesundheitsausgaben im Alter bildet, kann ohne eine nachwachsende Generation nicht bestehen. Das System der GKV ist darauf angelegt, dass die Erwachsenengeneration durch ihre Beiträge nicht nur die eigenen Gesundheitsleistungen finanziert, sondern auch die Gesundheitskosten der jüngeren und der älteren Generation mit trägt. Da Gesundheitskosten im Alter stark ansteigen, ist dieser Ausgleich für ältere Menschen besonders teuer. Die Älteren sind darauf angewiesen, dass die Jüngeren als Erwerbstätige höhere Beiträge bezahlen. Doch heute, wo 22 Prozent der Frauen dauerhaft kinderlos bleiben, gerät das System immer mehr in Schieflage.

Zweitens ist die „beitragsfreie Mitversicherung“ für Familien eigentlich nicht beitragsfrei: Bei der Beitragserhebung wird nämlich – anders als bei der Steuerveranlagung – nicht berücksichtigt, dass Eltern mit ihrem Einkommen nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Kinder und oft auch den nicht erwerbstätigen Ehepartner unterhalten müssen. In der GKV muss ein alleinstehender Arbeitnehmer denselben Beitrag bezahlen wie ein Vater oder eine Mutter mit gleich hohem Gehalt. Dabei wird nicht berücksichtigt, dass der Elternteil von diesem Gehalt nicht nur sich selbst, sondern ebenso die Kinder und oft auch den nicht erwerbstätigen Ehegatten unterhält und somit weniger leistungsfähig ist als ein Single.

Bei einem Bruttoverdienst von 2.500 Euro muss ein Arbeitnehmer einen Krankenversicherungsbeitrag von 205 Euro bezahlen (plus Arbeitgeberanteil von 182,50 Euro) – egal, ob er oder sie alleinstehend ist oder ob zusätzlich noch drei Kinder und ein Ehegatte von diesem einen Einkommen leben müssen. Es ist offensichtlich, dass die 205 Euro bei gleichem Einkommen für eine fünfköpfige Familie eine ungleich größere Belastung darstellen als für den Single. Familien zahlen also mehr ins System ein, als sie es ihrer tatsächlichen Leistungsfähigkeit nach müssten.

Und drittens belegt die Studie, dass die allermeisten Familien in der Phase, in der die Kinder noch im elterlichen Haushalt leben, im Durchschnitt ihre Krankheitskosten durch die eigenen GKV-Beiträge selbst decken. In dieser Lebensphase tragen sie genauso wie auch Kinderlose im Umlagesystem als Nettozahler die Gesundheitsausgaben insbesondere der Älteren mit. Kinderlose tun dies zwar noch in einem stärkeren Maße als Familien, sie leisten dafür aber keinen „generativen Beitrag“ für den Erhalt des Systems. Im Ergebnis kommt es damit in der GKV zu einer Benachteiligung von Familien im Vergleich zu Kinderlosen.

Ein Vergleich der durchschnittlichen Beitragszahlungen mit den jeweils in Anspruch genommenen Gesundheitsleistungen zeigt: Die allermeisten Familien erhalten während der Erwerbsphase der Eltern im Durchschnitt weniger Gesundheitsleistungen, als sie selbst an Beiträgen zahlen. Nur jeweils im Jahr der Geburt eines Kindes liegen die Leistungen einmalig über den gezahlten Beiträgen, da rund um eine Geburt hohe Kosten entstehen. Während der Kindheit und Jugend sowie im jungen Erwachsenenalter sind die Kosten verhältnismäßig niedrig. Erst ab einem Alter von etwa 50 Jahren steigen sie stark an. Die höchsten Gesundheitsausgaben verursachen Menschen im Rentenalter – und gerade diese Kosten sind in den letzten Jahren besonders stark gestiegen.

Nur mit vier und mehr Kindern verursacht eine Familie in der Gesetzlichen Krankenversicherung Gesundheitskosten, die höher als die eingezahlten Beiträge sind. In Deutschland haben jedoch nur zwei Prozent der Familien vier und mehr Kinder. Bei durchschnittlichen Krankheitskosten benötigt eine vierköpfige Familie mit Eltern im Alter von 43 Jahren nicht einmal 34.000 Euro Jahreseinkommen, um ihre Gesundheitsleistungen durch die eigenen Beitragszahlungen zu decken. Die große Mehrheit der Familien sind also genau wie Kinderlose in dieser Lebensphase also „Nettozahler“.